Skip to content

Mit VUCA-Strategien MINT-Fächer verzahnen

Wir leben in einer VUCA-Welt. Der Begriff wurde bereits Mitte der 1980er-Jahre in den Wirtschaftswissenschaften geprägt und später vor allem für den Bereich moderner Unternehmensführung und -strategien auskonzipiert. VUCA ist eine englische Abkürzung und beschreibt den Zustand des gesellschaftlichen Zusammenlebens (und damit die Märkte und das Wirtschaften) als veränderlich (volatile), unsicher (uncertain), komplex (complex) und mehrdeutig (ambiguous).

Ein Beitrag von Ulli Weisbrodt.

Um in dieser Welt klarzukommen, hilft ebenfalls VUCA – in diesem Fall stehen die Buchstaben für vier Strategieansätze: Das Team benötigt eine Vision (vision), denn das Bild einer wünschenswerten Zukunft dient der Orientierung und wirkt motivierend. Das Verständnis von Zusammenhängen (understanding) ist sowohl im thematischen als auch im einzel- und gruppendynamischen Kontext wichtig für einen gelingenden Weg dorthin. Klarheit und Einfachheit (clarity) helfen, die Prioritäten in diesem Prozess richtig zu setzen. Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit (agility) lassen das Team Sackgassen erkennen und Hindernisse überwinden.

Die Richtung stimmt, gehen wir zügig weiter

Wenn wir also in einer VUCA-Welt leben, sollten dann nicht auch VUCA-Strategien pädagogisch-didaktisch angepasst in der Bildung verankert werden? In den vergangenen Jahren hat sich die Didaktik in allen MINT-Fachdisziplinen stark weiterentwickelt. Das Vermitteln von Kompetenzen und typischen Denk- und Arbeitsweisen ist im Unterricht zur Regel geworden. Das Systemdenken steht im Vordergrund, von Beginn an erkennen Schüler*innen, wie die unterschiedlichen Strukturebenen vom Kleinen zum Großen zusammenhängen. Der Unterricht wurde dadurch moderner und hat sich an Erfordernisse des 21. Jahrhunderts angepasst. Diese wertvollen Entwicklungen sollten nun konsequent in Richtung VUCA-Strategien weitergedacht werden. Die MINT-Fächer benötigen dahingehend eine gemeinsame Vision, einen vernetzt angelegten Unterricht, der das Denken und Handeln in MINT-Zusammenhängen in einer für die Schüler*innen klaren Struktur fördert. Lernwege sollten so angelegt sein, dass sie die Anpassungsfähigkeit von Schüler*innen fördern.

Das Ziel: Ein vernetzter, projektorientierter MINT-Unterricht

Hierfür liegen sowohl wissenschaftliche Erkenntnisse als auch praktische Umsetzungserfahrungen vor. In Baden-Württemberg arbeitet das Fach Naturwissenschaft und Technik schon seit einigen Jahren ganz praktisch nach diesem Bildungsansatz. An meiner Schule gehen wir diesen Weg konsequent weiter und machen diesen Ansatz überfachlich, vernetzen also den MINT-Unterricht und seine Lehrkräfte in diesem Konzept. Und so sieht das konkret aus: Die MINT-Lehrkräfte einer Klassenstufe formulieren ein gemeinsames „Entdeckerthema“, das den unterrichtlichen Rahmen der kommenden Monate bildet. Nehmen wir zur Auskonkretisierung hier das Thema Klimakrise. 

Phase 1: Der Entdeckertag soll motivieren

Die verzahnt angelegte Einheit startet mit einem „Entdeckertag“ der gesamten Klassenstufe. Oberste Zielsetzung dabei ist die Motivation der Schüler*innen für das Thema und die Art des Unterrichts. Hier wird die gemeinsame Vision formuliert (etwa: „Unsere Schule macht sich fit fürs Klima“).
Eine Identifizierung mit dem Thema erfolgt durch eine aktive Einbindung der Schüler*innen bei der Ideenfindung (z.B.: Was muss dazu geschehen?) und durch Abfragen (zur Motivation, um sich an Umsetzungsideen zur Strom- und Wärmeversorgung des Gebäudes, zur Gestaltung des Schulgeländes oder zur nachhaltigen Essensversorgung zu beteiligen).

Phase 2: MINT-Schlüsselkonzepte werden qualifiziert

Es folgt ein koordinierter MINT-Unterricht: Die Fachlehrer*innen qualifizieren ihre Klasse jeweils in ihrem Fach, nehmen dabei aber Bezug auf das Rahmenthema und die anderen MINT-Fächer. Dazu müssen die Arbeitsmaterialien zuvor entwickelt und allen zugänglich gemacht worden sein. Am besten existiert ein gemeinsames MINT-Curriculum zu dieser Einheit, sodass die einzelnen Lehrkräfte wissen, was wann im anderen MINT-Unterricht läuft. Die Klasse erlebt diese Qualifizierungsphase zwar fachlich, aber mit einem roten MINT-Faden verbunden. Auch die Klassenarbeiten werden vernetzt angelegt; anstelle jeweils einer Klassenarbeit pro Fach werden mehrere MINT-Arbeiten geschrieben. Teile daraus werden dem jeweiligen Fach zugeordnet und ergeben in Summe die schriftliche Note in jedem Fach.

Phase 3: Die Entdeckerfrage wird entwickelt

Es folgt eine Phase, in der sich Schülerteams bilden, die gemeinsam eine vernetzt angelegte „Entdeckerfrage“ bearbeiten möchten. Es ist sinnvoll, dass die MINTLehrkräfte im Vorfeld eine Liste interessanter und dabei machbarer Fragen anlegen. Diese wird allerdings den Schüler*innen nicht ausgeteilt, sondern dazu genutzt, die Ideen des Teams mit Impulsen zu versehen. Außerdem kann dadurch der Abgleich zwischen den Vorstellungen der Lehrkraft und des Teams besser gelingen. Neben der Ausformulierung der Entdeckerfrage wird gemeinsam mit der Lehrkraft eine Liste mit Anforderungen an das Projekt entwickelt. Die einzelnen Anforderungen sind dabei nach Prioritäten geordnet.

Phase 4: Das Team entdeckt die Frage agil im Projekt

Hat sich jedes Team mit seiner Entdeckerfrage identifiziert und die Anforderungen abgeklärt, startet eine mehrwöchige Projektphase: Hier wird der Fachunterricht aufgelöst. Die Lehrkräfte sind weiter nach Stundenplan in der Klasse, unterstützen aber jetzt die einzelnen Teams. Die bewährte Methode für diese Phase heißt Scrum, die gängigste Methode für eine agile Projektorganisation. Jedes Team setzt sich in der ersten MINT-Stunde des Tages
an sein „Scrum-Board“ (auch Kanban-Board genannt) und bespricht Ziel und Weg des anstehenden „Sprints“. Ein Sprint ist ein Schritt hin zur Lösung des Problems, also zur Bearbeitung der Entdeckerfrage. Jedes Team formuliert dazu ein zügig erreichbares Teilziel seines Projekts aus und vergibt sich dazu passende Arbeitspakete. Die einzelnen Teammitglieder arbeiten in den folgenden MINT-Stunden ihr Paket ab und fügen die Ergebnisse zusammen. Es erfolgt eine Überprüfung, ob das Ergebnis dem formulierten Teilziel entspricht. Falls nicht, wird die Schleife mit Anpassungen des Ziels oder der Arbeitspakete erneut durchlaufen. Ist das Teilziel erreicht, geht es zum nächsten Sprint. Die Gruppe lernt dabei, sich selbst zu organisieren und Verantwortung zu übernehmen. Für die Lehrkräfte besonders wichtig ist es, länger andauernde Frustrationen in Teams zu erkennen und hier gezielte Unterstützung zu geben. Sprint für Sprint kommen die Teams so ihrem Ziel ein Stück näher, am Ende steht das Produkt oder die Forschungsarbeit zur
gewählten Entdeckerfrage. Sehr lohnend ist in dieser Phase auch die Kontaktaufnahme zu gesellschaftswissenschaftlichen und sprachlichen Fächern. Diese können parallel gesellschaftlich-ethische Fragen zum Thema andocken, Sachtexte sprachlich-argumentativ analysieren oder mit einer kreativen Darstellung die Identifikation mit dem Thema stärken

Phase 5: Das Ergebnis wird präsentiert, der Prozess reflektiert

Die Ergebnisse der Teams werden an mindestens einem ganzen Schultag wertschätzend vorgestellt. Im einfachsten Fall bleibt dies eine Präsentation innerhalb der Klasse oder der Stufe, besser noch ist eine ausgeweitete Durchführung dieser Veranstaltung mit Eltern, Schulleitung, Lokalpolitiker*innen und/oder Journalist*innen. Auch eine filmische Dokumentation und Veröffentlichung von Prozess und Ergebnis erhöht die empfundene Selbstwirksamkeit der Schüler*innen. Informieren Sie sich vorher als Lehrkräfte auch über eine mögliche Teilnahme einzelner Teams bis hin zur gesamten Klassenstufe an Wettbewerben. Zum hier gewählten Thema Klimakrise sollten manche Teams tatsächlich etwas Klimawirksames umgesetzt haben. Dies ist die höchste Form an Selbstwirksamkeit, die Schüler*innen erleben können.

Lese-Tipps

Anne Sliwka, Britta Klopsch: Deeper Learning in der Schule. Beltz-Verlag, 221 S., 19,95 Euro, 2022

Beitrag teilen:

Facebook
Twitter
LinkedIn
Pinterest
XING
WhatsApp
Email

Ähnliche Beiträge

LEGO Education Fußball-Unterrichtseinheit
Gesponserte Inhalte
27. Mai, 2024
Ab Juni wird ganz Deutschland wieder verstärkt im Fußball-Fieber sein. Auch viele Kinder begeistern sich bereits früh für den Sport und haben mindestens genausoviel Vorfreude wie Erwachsene. Dank der neuen Lerneinheiten von LEGO® Education SPIKE™ Essential bringen Sie den Fußball-Hype ab sofort auch in Ihr Klassenzimmer. Spiel, Spaß und maximale Aufmerksamkeit sind beim Bauen und Programmieren von Modellen rund um das Thema Fußball garantiert!
Header_MZ Blogbeitrag_04-2023 (15)
21. Mai, 2024
Die Vorgaben des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) für das Abitur in Mathematik lassen den Schulen zwei Alternativen bei der Wahl des rechnerischen Hilfsmittels: das modulare Mathematiksystem (MMS) und den wissenschaftlichen Taschenrechner (WTR). Bei der Entscheidung sollte jedoch nicht das Abitur im Fokus stehen, sondern der fachdidaktische Nutzen für den Unterricht.
LE-SPIKE Essential-1920x1080px
Gesponserte Inhalte
9. April, 2024
Unsere Welt verändert sich schnell, fast täglich gibt es technische Innovationen. Die Art und Weise, wie Kinder lernen und wichtige Fähigkeiten erwerben, muss mit diesen Veränderungen Schritt halten. Wir brauchen einen Unterricht, der die Kinder optimal auf die Welt von morgen vorbereitet und die lebenslange Lust am Lernen weckt.
Header_MZ Blogbeitrag_04-2023 (17)
25. März, 2024
Trotz einer Reihe internationaler Programme wie der Weltdekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (2005–2014) oder dem UNESCO-Weltaktionsprogramm BNE“ (2015–2019) sind Inhalte aus dem Kontext Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) noch nicht an allen Stellen in der deutschen Schulbildung und insbesondere im Fachunterricht Mathematik angekommen.
Version 2
29. Januar, 2024
Energieträger sind für die Wärmeerzeugung in Gebäuden unerlässlich und werden oft in Form von fossilen Brennstoffen wie Gas, Öl, Holz oder Kohle bereitgestellt. Einerseits ist aufgrund ihres begrenzten natürlichen Vorkommens ein sorgsamer Umgang mit diesen Ressourcen geboten. Andererseits entsteht durch die Verbrennung fossiler Energieträger das Treibhausgas CO2, das als Katalysator des Klimawandels gilt.
Header_MZ Blogbeitrag_04-2023 (6)
16. Januar, 2024
Es gehört zu den Kernaufgaben einer Lehrkraft, Schüler*innen Rückmeldungen auf ihre Lernleistung zu geben – in Form von Noten oder mit mündlichem oder schriftlichem Feedback. Bei der Methode des Peer Assessments wird diese Aufgabe von den Lernenden selbst übernommen: Sie geben sich wechselseitig Rückmeldung auf ihre erbrachte Leistung. Ob sie davon profitieren können, untersucht das Forscherteam Double, McGrane und Hopfenbeck in einer 2020 erschienenen Metaanalyse. Sie prüfen dabei zudem, wie die Methode effektiv im Unterricht umgesetzt werden kann.
Header_MZ Blogbeitrag_04-2023 (5)
11. Januar, 2024
Anlässlich des Internationalen Tags gegen Rassismus am 21. März 2023 veröffentlichte das Thüringer Bildungsministerium eine Handreichung für Thüringer Schulen zur Anwendung der Jenaer Erklärung gegen Rassismus im Unterricht. Die Publikation der Autoren Karl Porges und Uwe Hoßfeld und der AG Biologiedidaktik der Friedrich-Schiller-Universität Jena ist ein konkretes inhaltliches Angebot für rassismuskritische Bildungsarbeit an Thüringer Schulen.
Header_MZ Blogbeitrag_04-2023 (2)
20. Dezember, 2023
Der Einsatz von Escape Games oder EduBreakouts im Unterricht ist heute bei Weitem keine so exotische Methode mehr wie noch vor ein paar Jahren. Mittlerweile gibt es zahlreiche Formate dieses kreativen Konzepts und alle sorgen für motivierende Abwechslung im Klassenzimmer. Auch aus meinem Unterricht sind Escape Games kaum noch wegzudenken und meine Schüler*innen fordern diese regelmäßig mit den Worten ein: „Herr Bendlow, wann machen wir mal wieder ein Escape Game?“
Header_Entdeckt_04-2023
20. Dezember, 2023
Vor dem Hintergrund einer immer komplexer werdenden und zunehmend technisierten Gesellschaft werden Medienbildung und digitales Lernen auch im Bildungsbereich unabdingbar. Es gibt mehr und mehr hoch spezialisierte Berufsbilder, für die die sogenannten 21st century skills wie digitale Affinität, vernetztes Denken und Problemlösefähigkeit eine zentrale Rolle spielen. Gleichzeitig ist im Hinblick auf aktuelle gesamtgesellschaftliche Themen und Probleme wie den Klimawandel ein interdisziplinäres Denken und Arbeiten notwendig geworden. Ziel der Schulen muss es dabei sein, genau hier anzusetzen, um Schüler*innen auf neue Herausforderungen in der Berufs- und Lebenswelt vorzubereiten.
ORP_TeachEconomy_Header1_20220422
Gesponserte Inhalte
6. Dezember, 2023
Die Online-Plattform www.teacheconomy.de stellt eine Fülle lehrplanrelevanter Unterrichtseinheiten mit digitalen Ergänzungen bereit, die zeitgemäßen Wirtschaftsunterricht in Gesamtschulen und Gymnasien der Sekundarstufen I und II unterstützen. Ein neues Highlight ist die Filmreihe zur Berufsorientierung, bei der TikTokerin Selma einen Blick hinter die Kulissen von Digitalisierung, New Work und Co. wirft.
Header_Entdeckt_02-2023 (18)
30. November, 2023
Die Versauerung der Ozeane hat dem Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung zufolge einen erheblichen Einfluss auf marine Lebensformen, insbesondere auf jene, die ihre Skelette und Schalen aus Kalk aufbauen (zum Beispiel Korallen, Muscheln, Schnecken, Kalkalgen). Diese Organismen spielen eine essenzielle Rolle im marinen Ökosystem. Der niedrigere pH-Wert des sauren Wassers beeinträchtigt jedoch ihr Wachstum und kann das gesamte Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen.
Header_Entdeckt_02-2023 (19)
30. November, 2023
Die Anschaffung von Unterrichtsmitteln ist oftmals eine kostspielige Angelegenheit. Auf der Suche nach Alternativen, die zudem die Selbstständigkeit, Kreativität und das handwerkliche Geschick von Kindern fördern, lohnt sich der Blick über Ländergrenzen hinweg. So zeigt der informelle Sektor in den wirtschaftlich ärmeren Ländern unserer Erde Improvisationstalente und einen innovativen Reichtum, den man in der formalen Schule westlicher Staaten oft vergeblich sucht. Not macht erfinderisch – sie provoziert Einfälle auch für scheinbare Abfälle, und es gibt offenbar nichts, was sich nicht durch Recycling herstellen lässt.