Skip to content

Der menschliche Faktor oder wie berufliches Miteinander gelingen kann

Es ist unumstritten: Beruflicher Erfolg hängt von einer guten Ausbildung ab. In den letzten Jahrzehnten hat allerdings auch der Wert von sozialen Fähigkeiten wie Kooperationsbereitschaft erheblich zugenommen. Fähigkeiten wie diese lassen das berufliche Miteinander besser gelingen. Und dafür sind typische menschliche Verhaltensmuster verantwortlich.

Ein Beitrag von Prof. Dr. Matthias Sutter 

Die fachliche Ausbildung allein genügt heutzutage kaum mehr für eine dauerhafte Arbeitsstelle und einen guten Verdienst. Neben technischen, handwerklichen oder analytischen Fertigkeiten muss man auch soziale Fähigkeiten mitbringen. Kooperationsfähigkeit ist eine davon, und zwar eine zentrale. Was Kooperation in Gruppen bedeutet und warum sie für den Erfolg von Zusammenarbeit so wichtig ist, lässt sich sehr treffend anhand einer alten chinesischen Parabel veranschaulichen.

Gelingende Teamarbeit vs. Trittbrettfahrerverhalten

Jeder einzelne Gast aus der Parabel wollte offenbar auf Kosten der anderen feiern. Erfolgreiches Miteinander kann jedoch nur gelingen, wenn alle im Team einen Beitrag dazu leisten. Fußballteams sind nachweislich erfolgreicher, wenn jede*r Spieler*in zusätzliche Laufwege in Kauf nimmt, um Fehler anderer auszubügeln. Forschungsteams bringen ihre Projekte eher zu einem guten Ende, wenn sich alle an der Projektarbeit beteiligen und nicht darauf vertrauen, dass ein anderes Teammitglied schon die mühsamen Arbeitsschritte übernehmen wird. Unternehmenskooperationen sind häufig erfolgversprechender, wenn Forschungs- und Entwicklungsanstrengungen miteinander koordiniert werden. Und Arbeitsteams funktionieren besser, wenn wichtige Informationen geteilt und rasch weitergegeben werden. Das Problem besteht darin, dass es in diesen und vielen anderen Situationen Anreize gibt, die eigenen Anstrengungen etwas zurückzunehmen und zu hoffen, dass die anderen sich anstrengen. Menschen, die so denken und handeln, werden häufig als Trittbrettfahrer*innen bezeichnet. Wenn sich dann in einem Team alle – oder fast alle – so verhalten, dann kann das Gemeinwohl nicht gedeihen. Das wirft die Fragen auf, wie Kooperation in Gruppen gelingen kann und wie vermieden werden kann, dass Teammitglieder nur Wasser statt Wein beitragen.

Die Parabel von der chinesischen Hochzeit

„Zwei Brautleute hatten nicht viel Geld, aber dennoch waren sie der Meinung, dass bei ihrer Hochzeit viele Menschen mitfeiern sollten. ‚Geteilte Freude ist doppelte Freude‘,  dachten sie. Sie beschlossen, ein großes Fest mit vielen Gästen zu feiern. Um dies  zu ermöglichen, baten sie die Eingeladenen, je eine Flasche Wein mitzubringen. Am  Eingang würde ein großes Fass stehen, in das sie ihren Wein gießen könnten; und so  sollte jeder die Gaben des anderen trinken und jeder mit jedem froh und ausgelassen  sein. Als nun das Fest eröffnet wurde, liefen die Kellner zu dem großen  Fass und schöpften daraus. Doch wie groß war das Erschrecken aller,  als sie merkten, dass es Wasser war. Versteinert saßen die Gäste da,  als ihnen bewusst wurde, dass jeder von ihnen gedacht hatte: ‚Die eine  Flasche Wasser, die ich hineingieße, wird niemand schmecken.‘“

Die zwei Auslöser für konditionale Kooperation

Viele Menschen kooperieren konditional. Das bedeutet zum einen, dass sie bereit sind, zu kooperieren, wenn sie sehen, dass andere auch kooperieren. Dieses Verhaltensmuster hat damit zu tun, dass das Verhalten anderer häufig als sozial angemessenes Verhalten interpretiert wird. Wenn also viele andere Menschen kooperieren, dann wird das so wahrgenommen, als ob die soziale Norm in diesen Gruppen Kooperation ist – und eben nicht Trittbrettfahrerverhalten. Da auch vielen Menschen daran liegt, in ihrem Umfeld einen guten Eindruck zu hinterlassen, erhöht sich in diesem Szenario folglich die Kooperationsbereitschaft, weil man sonst in seinem Umfeld einen schlechten Eindruck hinterlassen würde. Konditionale Kooperation bedeutet zum anderen, dass Menschen bereit sind zu kooperieren, wenn sie erwarten, dass andere das auch tun. Um im Beispiel der Parabel zu bleiben: Vielleicht haben die Hochzeitsgäste ja auch erwartet, dass alle anderen nur Wasser in das Fass schütten, und deswegen wollte niemand der Dumme sein und allein Wein mitbringen. Hätten die Gäste dieser Theorie zufolge erwartet, dass alle anderen Wein in das Fass gießen, hätten sie vermutlich auch Wein mitgebracht. Das legen zumindest alle Studien zur konditionalen Kooperationsbereitschaft von Menschen nahe. Die Erwartungshaltung hat deshalb einen entscheidenden Einfluss auf gelingendes Miteinander in Gruppen. Wir selbst müssen den Wandel vorleben. Neben der konditionalen Kooperation gibt es einen weiteren wesentlichen Faktor, der für das Kooperationsniveau in Gruppen bedeutend ist. Mahatma Gandhi hat diesen Faktor mit einfachen Worten ganz wunderbar beschrieben: „Wir selbst müssen den Wandel vorleben, den wir von der Welt erwarten.“ Kooperation in Gruppen ist substanziell höher, wenn ein oder mehrere Gruppenmitglieder mit gutem Beispiel vorangehen. Andere Gruppenmitglieder passen sich an kooperatives Verhalten anderer häufig an. Eine besondere Rolle kommt dabei Vorgesetzten zu. Deren kooperatives Verhalten verursacht besonders starke Nachahmung, während egoistische Vorgesetzte, also die Trittbrettfahrer*innen, Kooperation zwar häufig erwarten, Teammitglieder dann aber so wenig wie möglich zum Teamerfolg beitragen. Führung funktioniert nur durch gutes Vorleben. Wenn jemand mit schlechtem Beispiel vorangeht, bricht Kooperation in Teams schnell vollkommen zusammen, weil sich niemand von Trittbrettfahrer*innen ausnutzen lassen will. Diese Einsichten zum Gelingen oder Misslingen von Kooperation gelten in allen Lebensbereichen, in Schulen, in Familien, in Unternehmen und generell für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft.

Buch
Tipp

Der menschliche Faktor oder worauf es im Berufsleben ankommt.

Matthias Sutter: Der menschliche Faktor oder worauf es im Berufsleben ankommt. 50 verhaltensökonomische Erkenntnisse
München: Hanser Verlag, 2022.

Beitragsbild | © pch.vector – Freepik

Prof. Dr. Matthias Sutter

ist Direktor am Bonner Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern und Professor für Experimentelle Wirtschaftsforschung an den Universitäten Köln und Innsbruck. Er zählt laut FAZ zu den einflussreichsten Ökonomen im deutschsprachigen Raum.

Beitrag teilen:

Facebook
Twitter
LinkedIn
Pinterest
XING
WhatsApp
Email

Ähnliche Beiträge

Blogbeitrag_Fachkräftemangel
14. Mai, 2024
Obwohl die Digitalisierung ist in den letzten Jahrzehnten viele Bereiche unseres Lebens verändert hat, ist die Integration digitaler Technologien in Bildungseinrichtungen noch nicht so weit fortgeschritten, wie es sich so manche Lehrkraft und so manche Schüler:in wünschen würde. Dabei werden ebendiese Schüler:innen von heute die IT-Fachkräfte von morgen sein.
TED-Talk_Bildung_Header_1920x1080
28. Februar, 2024
Wenn wir uns für ein bestimmtes Thema interessieren und dazu unser Wissen erweitern möchten, ist unsere erste Anlaufstelle oft das Internet, gefolgt von Podcasts, Wissensvideos oder Sachbüchern. TED Talks haben in den vergangenen Jahren in Deutschland zwar sicherlich an Bekanntheit gewonnen, fristen jedoch verglichen mit ihrer Popularität in englischsprachigen Ländern wie den USA oder Großbritannien noch immer ein Schattendasein – das jedoch völlig zu Unrecht.
Header_MZ Blogbeitrag_04-2023 (4)
11. Januar, 2024
Es ist ein hübsches Spiel für geduldige Kinder: Auf einer Holzplatte ist ein Kreis aufgezeichnet, und auf dem Umfang dieses Kreises sind in gleichmäßigen Abständen p – 1 Nägel eingeschlagen, wobei p in der Größenordnung von einigen Hundert liegt und am besten eine Primzahl ist. Die Nägel n sind fortlaufend nummeriert. Die Aufgabe besteht darin, für alle n von 1 bis p – 1 einen Faden von Nagel n zu Nagel 2n zu ziehen.
Header_MZ Blogbeitrag_04-2023
20. Dezember, 2023
Seit ein Artikel in der New York Times im Dezember 2017 über ein geheimes Programm zur Erforschung von unbekannten Luftphänomenen (UAP) im US-Verteidigungsministerium berichtete, häufen sich die Nachrichten zu UAP. Ein ehemaliger Geheimdienstoffizier sagte nun vor dem Kongress aus, dass die USA sogar im Besitz „intakter, nicht menschlicher Technologie“ seien. Sollte uns eine außerirdische Intelligenz besuchen, könnte diese Erkenntnis die Menschheit jedoch in eine kosmische Krise stürzen.
Header_Entdeckt_02-2023 (20)
5. Dezember, 2023
Albert Einsteins Relativitätstheorie dient heute als Werkzeug: Erstmals wurde die Masse eines Sterns anhand der Deformation seiner Raumzeit ringsum gemessen. Schon 1912 hatte Einstein entdeckt, wie ein Stern durch seine Schwerkraft die Lichtstrahlen eines anderen, viel weiter entfernten Sterns geringfügig verbiegt. Weil der Ablenkwinkel winzig ist, schrieb er 1936, nachdem er diesen Gravitationslinseneffekt erneut untersucht hatte: „Selbstverständlich besteht keine Hoffnung, das Phänomen zu beobachten.“
Header_Entdeckt_02-2023 (14)
8. November, 2023
Mit Platz für sieben reguläre Besatzungsmitglieder und einer ununterbrochenen menschlichen Präsenz seit Oktober 2000 ist die Internationale Raumstation (ISS) die größte und erfolgreichste Raumstation aller Zeiten. Ihre Zukunft jedoch wird immer ungewisser.
Header_Entdeckt_02-2023 (4)
10. Oktober, 2023
Je größer die Frequenz einer schwingenden Klaviersaite, umso höher ist der Ton, den der Mensch hört. Allerdings steigt die Tonhöhe nicht gleichmäßig mit der Frequenz an, sondern wird vom Gehör logarithmisch abgeflacht.
Header_Entdeckt_02-2023 (3)
27. September, 2023
Der Tag hat noch gar nicht richtig angefangen, da haben wir schon tausend Dinge im Kopf: schnell anziehen, frühstücken, zur Arbeit hetzen … Kaum dort angekommen, füllt sich der Schreibtisch schneller als ein Fußballstadion beim Finale der Weltmeisterschaft. Der Kopierer streikt, das Meeting wurde vorverlegt und der Kaffee ist alle. Nach nur zwei Stunden Arbeit ist man direkt wieder reif für das Bett, weil man letzte Nacht schon wieder kaum geschlafen hat.
MZ-2023_Beitragsbild (1)
15. September, 2023
Digital First, Textverstehen zweitrangig? Der Eindruck könnte entstehen, wenn man das Leseverhalten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit den Ergebnissen der empirischen Leseforschung kontrastiert. Denn die Leseforschung sagt, dass wir anspruchsvolle Sachtexte weniger gut verstehen, wenn wir sie digital lesen. Befragt nach ihren Lesegewohnheiten berichten aber Studierende, dass sie mehr als 80  Prozent ihrer Lesezeiten vor dem Bildschirm verbringen. Belletristik wird hingegen lieber auf Papier gelesen als auf dem E-Reader. Dabei gibt die Leseforschung mit Blick auf die narrativen Texte Entwarnung: Ein Nachteil ist mit der digitalen Lektüre nicht verbunden.
MZ-01-23_Beitragsbild BecksEcke
27. Juni, 2023
Ein raffiniertes Konzept könnte die elementarsten Arbeitsschritte eines Rechners auf eine völlig neue Grundlage stellen – aber das wird voraussichtlich nicht passieren.
MZ-02-23_Beitragsbild (4)
16. Juni, 2023
Viel Glück im neuen Jahr – das sollen die kleinen „Glücksklee“-Blumentöpfe verheißen, die alljährlich zu Silvester auf den Markt kommen. Tatsächlich handelt es sich dabei um Sauerklee (Oxalis tetraphylla) aus Mexiko, bei dem alle Blätter grundsätzlich aus vier Einzelblättchen bestehen. Ein Glücksklee (Trifolium repens) verdient aber seinen Namen gerade dadurch, dass er sich nur mit etwas Glück finden lässt. Die normalen Blätter von echtem Klee bestehen aus drei Blättchen, die fingerförmig angeordnet sind. Daher der wissenschaftliche Gattungsname Trifolium, also Dreiblatt. Bei nur einem von 5.000 Blättern sind vier Blättchen vorhanden – solche Seltenheiten gelten in vielen Kulturen als Glücksbringer. Ob Gene oder Umwelt zu Viererklees führen, wird schon seit Jahrzehnten diskutiert. Der Schlüssel zum Glück(sklee) ist zwar noch nicht gefunden, aber sein Versteck konnte eingegrenzt werden.
MZ-02-23_Beitragsbild
2. Juni, 2023
Frei schwebend vor dem schwarzen Hintergrund des Weltalls leuchtet die blaue Weltkugel: „The Blue Marble“, aufgenommen am 7. Dezember 1972 etwa 29.000 Kilometer entfernt von der Erde von der Crew der Apollo 17 auf dem Weg zum Mond. Die analoge Hasselblad-Mittelformatkamera mit f-2,8/80 mm Festbrennweite von Zeiss bannt die ganze Erde auf ein Bild und zeigt dabei fast ganz Afrika, den Atlantik und den Indischen Ozean mit einem entstehenden Taifun über Indien.