Skip to content

Distanzunterricht oder Distanzlernen?

Aktuelle Gerichtsentscheidungen zu Corona und Schule haben festgestellt, dass die digitale Beschulung zu Hause kein gleichwertiger Ersatz für den Schulunterricht in Präsenz sei, sondern lediglich eine Kompensation. Was bedeutet dies?

Ein Beitrag von Dr. Thomas Böhm

Fehlt der Präsenzunterricht, wird Schüler*innen das Lernen erschwert. Die Anforderungen an Selbstdisziplin und Konzentrationsfähigkeit steigen, die für den Lernprozess wichtige reale persönliche Begegnung und Interaktion fehlen, unterschiedliche familiäre Rahmenbedingungen sowie technische Ausstattungen wirken sich unmittelbar auf den Lernprozess aus. Aber haben Schüler*innen einen Anspruch auf Videounterricht im Umfang des jeweiligen Stundenplans?

 

Unterricht statt Selbstlernen

Der Fall: Vier Schüler eines bayerischen Gymnasiums wollten gerichtlich klären lassen, welche Rechtsansprüche sie im Hinblick auf die Art und das Ausmaß dieser Kompensation haben. Die Schüler hatten wöchentlich ein Drittel bis zur Hälfte der im Stundenplan vorgesehenen Unterrichtsstunden als Videounterricht erhalten. Sie forderten einen Videounterricht vergleichbar dem Präsenzunterricht nach dem Stundenplan. Das Einstellen von Aufgaben zum Selbststudium sei kein Unterricht, auf den sie einen Rechtsanspruch hätten.

 

Urteil von grundsätzlicher Bedeutung

Die Entscheidung des Verwaltungsgerichts Regensburg ist nicht nur in der aktuellen Corona-Situation von Interesse, sondern klärt grundsätzliche Fragen der Ansprüche von Schüler*innen gegen den Staat und die Schulen auf Bildung und Unterricht. Das Verwaltungsgericht Regensburg (Beschluss vom 25.01.2021, Az.: RN 3 E 21.34) stützt sich bei seinen Ausführungen auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) und der Verwaltungsgerichtsbarkeit. Die Aussagen und Argumente der Entscheidung beziehen sich daher auch auf die Rechtslage in allen anderen Bundesländern.

 

Unzulässigkeit der Klage

Die Schüler hatten ihr Anliegen zunächst nicht bei der Schule oder der Schulaufsicht vorgetragen, sondern sofort den Klageweg beschritten.

 

Das Verwaltungsgericht erklärte ihren Antrag für unzulässig, da sie eine bestimmte Leistung der Schule forderten, bei Verpflichtungs- und Leistungsklagen aber das für die Zulässigkeit einer Klage notwendige Rechtsschutzbedürfnis fehlt, „… wenn die begehrte Handlung … nicht zuvor bei der Behörde beantragt wurde“. Wer also keinen schulischen Eingriff in seine Rechte abwehren, sondern eine Handlung zu seinen Gunsten erreichen will, muss der Schule vorher die Möglichkeit geben, seinem Wunsch entsprechend zu handeln.

Recht auf Bildung

Ein in der Verfassung verankertes Recht auf Bildung verleiht Schüler*innen kein subjektives Recht, sondern verpflichtet den Staat, „… dafür zu sorgen, dass nach Möglichkeit jeder eine adäquate Ausbildung erhält. Jedoch besteht keine Verpflichtung dazu, im Rahmen einer schulorganisatorischen Maßnahme dem jeweiligen Wunsch des Schülers oder der Eltern konkret und speziell gerecht zu werden.“ Es gibt „… keinen Anspruch auf eine bestimmte Qualität der Durchführung des Unterrichts“.

 

Unzumutbare Nachteile

Einen Rechtsanspruch hinsichtlich schulorganisatorischer Maßnahmen kann es nur geben, „… wenn eine organisatorische Maßnahme unzumutbare Nachteile für die Schüler oder die Eltern zur Folge hätte oder aber eindeutig rechtswidrig und sachlich nicht gerechtfertigt oder willkürlich wäre“. Unzumutbare Nachteile für die vier Schüler durch eine offensichtliche Pflichtverletzung der Schule oder des Landes konnte das Gericht nicht erkennen, wenn nicht alle Unterrichtsstunden als Videounterricht erteilt werden, sondern auch andere Lehr- und Lernwege genutzt werden.

 

Engagement der Lehrkräfte 

Zu der unterschiedlichen Fähigkeit und Bereitschaft der Lehrkräfte, den Distanzunterricht als Ersatz für den Präsenzunterricht den Vorgaben entsprechend zu gestalten, findet das Gericht lebensnahe Worte mit dem Hinweis, „… dass auch im Präsenzunterricht Unterschiede bestehen, wie durch eine einzelne Lehrkraft das Lernziel bei den Schülern erreicht wird, mithin wie engagiert jede einzelne Lehrkraft unterrichtet“.

 

Fazit

Die Schulen müssen im Rahmen der Vorgaben des jeweiligen Landes Distanzlernen ermöglichen. Ein Anspruch auf einen den Präsenzunterricht exakt abbildenden Distanzunterricht als Videokonferenz besteht nicht.

Beitrag teilen:

Facebook
Twitter
LinkedIn
Pinterest
XING
WhatsApp
Email

Ähnliche Beiträge

LEGO Education Fußball-Unterrichtseinheit
Gesponserte Inhalte
27. Mai, 2024
Ab Juni wird ganz Deutschland wieder verstärkt im Fußball-Fieber sein. Auch viele Kinder begeistern sich bereits früh für den Sport und haben mindestens genausoviel Vorfreude wie Erwachsene. Dank der neuen Lerneinheiten von LEGO® Education SPIKE™ Essential bringen Sie den Fußball-Hype ab sofort auch in Ihr Klassenzimmer. Spiel, Spaß und maximale Aufmerksamkeit sind beim Bauen und Programmieren von Modellen rund um das Thema Fußball garantiert!
Header_MZ Blogbeitrag_04-2023 (15)
21. Mai, 2024
Die Vorgaben des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) für das Abitur in Mathematik lassen den Schulen zwei Alternativen bei der Wahl des rechnerischen Hilfsmittels: das modulare Mathematiksystem (MMS) und den wissenschaftlichen Taschenrechner (WTR). Bei der Entscheidung sollte jedoch nicht das Abitur im Fokus stehen, sondern der fachdidaktische Nutzen für den Unterricht.
LE-SPIKE Essential-1920x1080px
Gesponserte Inhalte
9. April, 2024
Unsere Welt verändert sich schnell, fast täglich gibt es technische Innovationen. Die Art und Weise, wie Kinder lernen und wichtige Fähigkeiten erwerben, muss mit diesen Veränderungen Schritt halten. Wir brauchen einen Unterricht, der die Kinder optimal auf die Welt von morgen vorbereitet und die lebenslange Lust am Lernen weckt.
Header_MZ Blogbeitrag_04-2023 (17)
25. März, 2024
Trotz einer Reihe internationaler Programme wie der Weltdekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ (2005–2014) oder dem UNESCO-Weltaktionsprogramm BNE“ (2015–2019) sind Inhalte aus dem Kontext Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) noch nicht an allen Stellen in der deutschen Schulbildung und insbesondere im Fachunterricht Mathematik angekommen.
Version 2
29. Januar, 2024
Energieträger sind für die Wärmeerzeugung in Gebäuden unerlässlich und werden oft in Form von fossilen Brennstoffen wie Gas, Öl, Holz oder Kohle bereitgestellt. Einerseits ist aufgrund ihres begrenzten natürlichen Vorkommens ein sorgsamer Umgang mit diesen Ressourcen geboten. Andererseits entsteht durch die Verbrennung fossiler Energieträger das Treibhausgas CO2, das als Katalysator des Klimawandels gilt.
Header_MZ Blogbeitrag_04-2023 (6)
16. Januar, 2024
Es gehört zu den Kernaufgaben einer Lehrkraft, Schüler*innen Rückmeldungen auf ihre Lernleistung zu geben – in Form von Noten oder mit mündlichem oder schriftlichem Feedback. Bei der Methode des Peer Assessments wird diese Aufgabe von den Lernenden selbst übernommen: Sie geben sich wechselseitig Rückmeldung auf ihre erbrachte Leistung. Ob sie davon profitieren können, untersucht das Forscherteam Double, McGrane und Hopfenbeck in einer 2020 erschienenen Metaanalyse. Sie prüfen dabei zudem, wie die Methode effektiv im Unterricht umgesetzt werden kann.
Header_MZ Blogbeitrag_04-2023 (5)
11. Januar, 2024
Anlässlich des Internationalen Tags gegen Rassismus am 21. März 2023 veröffentlichte das Thüringer Bildungsministerium eine Handreichung für Thüringer Schulen zur Anwendung der Jenaer Erklärung gegen Rassismus im Unterricht. Die Publikation der Autoren Karl Porges und Uwe Hoßfeld und der AG Biologiedidaktik der Friedrich-Schiller-Universität Jena ist ein konkretes inhaltliches Angebot für rassismuskritische Bildungsarbeit an Thüringer Schulen.
Header_MZ Blogbeitrag_04-2023 (2)
20. Dezember, 2023
Der Einsatz von Escape Games oder EduBreakouts im Unterricht ist heute bei Weitem keine so exotische Methode mehr wie noch vor ein paar Jahren. Mittlerweile gibt es zahlreiche Formate dieses kreativen Konzepts und alle sorgen für motivierende Abwechslung im Klassenzimmer. Auch aus meinem Unterricht sind Escape Games kaum noch wegzudenken und meine Schüler*innen fordern diese regelmäßig mit den Worten ein: „Herr Bendlow, wann machen wir mal wieder ein Escape Game?“
Header_Entdeckt_04-2023
20. Dezember, 2023
Vor dem Hintergrund einer immer komplexer werdenden und zunehmend technisierten Gesellschaft werden Medienbildung und digitales Lernen auch im Bildungsbereich unabdingbar. Es gibt mehr und mehr hoch spezialisierte Berufsbilder, für die die sogenannten 21st century skills wie digitale Affinität, vernetztes Denken und Problemlösefähigkeit eine zentrale Rolle spielen. Gleichzeitig ist im Hinblick auf aktuelle gesamtgesellschaftliche Themen und Probleme wie den Klimawandel ein interdisziplinäres Denken und Arbeiten notwendig geworden. Ziel der Schulen muss es dabei sein, genau hier anzusetzen, um Schüler*innen auf neue Herausforderungen in der Berufs- und Lebenswelt vorzubereiten.
ORP_TeachEconomy_Header1_20220422
Gesponserte Inhalte
6. Dezember, 2023
Die Online-Plattform www.teacheconomy.de stellt eine Fülle lehrplanrelevanter Unterrichtseinheiten mit digitalen Ergänzungen bereit, die zeitgemäßen Wirtschaftsunterricht in Gesamtschulen und Gymnasien der Sekundarstufen I und II unterstützen. Ein neues Highlight ist die Filmreihe zur Berufsorientierung, bei der TikTokerin Selma einen Blick hinter die Kulissen von Digitalisierung, New Work und Co. wirft.
Header_Entdeckt_02-2023 (18)
30. November, 2023
Die Versauerung der Ozeane hat dem Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung zufolge einen erheblichen Einfluss auf marine Lebensformen, insbesondere auf jene, die ihre Skelette und Schalen aus Kalk aufbauen (zum Beispiel Korallen, Muscheln, Schnecken, Kalkalgen). Diese Organismen spielen eine essenzielle Rolle im marinen Ökosystem. Der niedrigere pH-Wert des sauren Wassers beeinträchtigt jedoch ihr Wachstum und kann das gesamte Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen.
Header_Entdeckt_02-2023 (19)
30. November, 2023
Die Anschaffung von Unterrichtsmitteln ist oftmals eine kostspielige Angelegenheit. Auf der Suche nach Alternativen, die zudem die Selbstständigkeit, Kreativität und das handwerkliche Geschick von Kindern fördern, lohnt sich der Blick über Ländergrenzen hinweg. So zeigt der informelle Sektor in den wirtschaftlich ärmeren Ländern unserer Erde Improvisationstalente und einen innovativen Reichtum, den man in der formalen Schule westlicher Staaten oft vergeblich sucht. Not macht erfinderisch – sie provoziert Einfälle auch für scheinbare Abfälle, und es gibt offenbar nichts, was sich nicht durch Recycling herstellen lässt.