Skip to content

Der Blick über die Erde hinaus und zu ihr zurück

Das Thema Weltall interessiert viele junge Menschen. In den meisten Schulklassen Deutschlands warten sie allerdings vergebens darauf, dass es behandelt wird. Wo liegen die Probleme?

Ein Beitrag von Lutz Clausnitzer

Aristoteles ging davon aus, dass im Weltall andere Gesetze gelten als auf der Erde. Diese Vorstellung wurde erst 1687 durch Newton überwunden. Er zeigte, dass jene Kraft, die auf der Erde Gegenstände zu Boden fallen lässt, auch die ist, die die Planeten um die Sonne führt. Sein Gravitationsgesetz war das zuerst entdeckte Naturgesetz, das sowohl auf der Erde als auch im Weltall gilt. Die bereits vor Newton entstandenen umfassenden astronomischen Kenntnisse hatte man ausschließlich aus der Bewegung der Himmelskörper an der scheinbaren Himmelskugel, das heißt astrometrisch und völlig ohne Physik, gewonnen. Gerade diese reine Astronomie (siehe linker Teil der Abbildung unten) ist das Fundament der astronomischen Bildung. Denn die Schüler*innen sollen zuerst das am Tag- und Nachthimmel mit bloßem Auge Sichtbare beobachten, beschreiben, erklären und die Bedeutung kosmischer Vorgänge für unser Leben erläutern können. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Lehrenden über eigene Beobachtungserfahrungen verfügen.

 

Der Blick über die Erde hinaus und zu ihr zurück zeigt unseren wunderbaren Planeten als einen seltenen Glücksfall, dem wir allergrößten Respekt zollen sollten. Diese Perspektive sollte man keiner Schülerin und keinem Schüler vorenthalten.

Interdisziplinäres Denken entwickeln

Die Jahrhunderte nach Newton offenbarten, dass alle Naturgesetze im gesamten beobachtbaren Universum gelten. Deshalb zeigt ein moderner Astronomieunterricht in seinem weiteren Verlauf das Zusammenspiel aller MINT-Fächer. Wenn die Astronomie weder in der Systematik eines anderen Faches gefangen ist noch auf andere Fächer verteilt wird, spiegelt sie die Entwicklung unserer Welt von der Erzeugung der chemischen Elemente bis zur Entstehung unserer Galaxis, der Sonne, der Erde und des Lebens wider.

Des Weiteren ist es der Astronomie vergönnt, die Kulturgeschichte der Naturwissenschaften auf ihren gemeinsamen Ursprung zurückzuführen.

Die Astronomie bildet mit vielen anderen Fächern Schnittmengen. Die Grafik zeigt nur die Schnittmenge mit der Physik und die rein astronomischen Inhalte.

Denn dieser liegt in der frühen Auseinandersetzung mit dem Sternhimmel, als es neben der Astronomie noch keine weiteren naturwissenschaftlichen Disziplinen gab. Die Schüler*innen müssen befähigt werden, das Weltall und seine Erforschung interdisziplinär zu beschreiben. Sie brauchen einen lebensverbundenen, fächerverbindenden Astronomieunterricht.

Die Situation in den Bundesländern

Schüler*innen brauchen einen lebendsverbundenen Astronomieunterricht

Die Astronomische Gesellschaft erwähnt im Zusammenhang mit Württemberg, dass es vor dem Ersten Weltkrieg „das ganze Jahr eine Wochenstunde reinen Astronomieunterricht“ gab. 1958 musste sie jedoch feststellen: „Zunächst wurde sie vom selbstständigen Fach zum Anhängsel an Physik, Mathematik bzw. Erdkunde gemacht und damit der entscheidende Schritt zum ‚Weglassenkönnen‘ getan.“ Dass eine der grundlegendsten und innovativsten Naturwissenschaften in 13 Bundesländern noch immer auf diesem Niveau verharrt, ein professioneller Astronomieunterricht nur dort anzutreffen ist, wo zufällig eine astronomiebegeisterte Lehrkraft agiert, die sich in ihrer Freizeit dafür qualifiziert hat, ist völlig inakzeptabel. 

Anders ist es nur in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen, wo die Astronomie in Klasse 9 oder 10 ein obligatorisches Schulfach ist. Durch die organisatorische Eigenständigkeit kann die Astronomie dort nicht mehr weggelassen werden.

In diesen Bundesländern profitieren alle von den Vorteilen des Faches Astronomie:

  • die Schüler*innen, weil sie stets von einer astronomisch versierten Lehrkraft unterrichtet werden, auch wenn diese eine Geografielehrerin oder ein Geschichtslehrer ist;
  • die Lehrkräfte, weil sie durch die Arbeitsteilung zwischen Physik- und Astronomielehrer*innen entlastet werden;
  • die Kultusverwaltungen, weil sie nur einen Bruchteil von Lehrer*innen astronomisch zu qualifizieren brauchen;
  • und alle Beteiligten, weil sie die Astronomie als Plattform für fächerverbindendes Lernen nutzen können.

App-Tipp

Die App „AudioHimmelsführungen“ bietet die Möglichkeit, das für die Allgemeinbildung Wichtigste der Astronomie direkt am Sternhimmel oder alternativ anhand der App-internen Himmelskarten zu erlernen. Erhältlich für iOS (€ 7,99) oder Android (€ 4,99). Zur Vertiefung gibt es kostenlose Arbeitsblätter – siehe: www.lutz-clausnitzer.de/sky/de/de

Astronomische Bildung effizient organisieren

In diesen drei Bundesländern gewährleistet das Fach Astronomie eine hohe Unterrichtsqualität. Indem pro Schule aber meist nur eine einzige astronomiekundige Lehrkraft gebraucht wird, sinkt die Zahl der astronomisch zu qualifizierenden Lehrkräfte auf einen Bruchteil. In dieser Sache ist schon viel Expertise an die Kultusministerien geschickt worden – siehe www.ProAstro-Sachsen.de. Erst voriges Jahr schrieben die Gesellschaft Deutschsprachiger Planetarien, die Astronomische Gesellschaft und andere an die 16 Ministerpräsident*innen: „Denn es [das Fach Astronomie] ist die mit großem Abstand effizienteste und für die Schüler nützlichste Organisationsform des Astronomieunterrichts. Damit der vielseitige Bildungswert der Astronomie zum Tragen kommen kann, schließen wir uns dem ‚Offenen Brief an Bund und Länder‘ an und fordern zwei Jahreswochenstunden Astronomie in Klasse 9 oder 10 für alle Schüler und die Ausbildung von Astronomielehrern.“

Was können andere Fächer für die astronomische Bildung tun?

Wenn es nach den Schüler*innen ginge, könnte es schon in der Grundschule mit dem Weltall losgehen. Dieser Neugierde sollte man Rechnung tragen. Aber selbst dann, wenn die im Laufe der Jahre in andere Fächer integrierten Inhalte tatsächlich behandelt würden, wäre es unbedingt erforderlich, gegen Ende der Mittelstufe die das Universum betreffenden Fragmente zu einem anwendungsbereiten Ganzen zusammenzufügen bzw. auszubauen. Ein tragfähiges und zukunftsorientiertes naturwissenschaftliches Weltbild bedarf zwingend einer starken astronomischen Komponente.

Fazit

Es muss sichergestellt werden, dass alle Schüler*innen grundlegende astronomische Kenntnisse und Kompetenzen erwerben. Dieses Ziel kann nicht erreicht werden, wenn man die Astronomie ausschließlich anderen Fächern oder Fächerverbünden überlässt.

Zum Weiterlesen

Themenheft Astronomie und Bildung. Sterne und Weltraum. 1/2010.

Clausnitzer, L. Bewährte Astronomiedidaktik auf neuen Wegen. In: Astronomie + Raumfahrt im Unterricht, 51 (2014) 6, S. 5–8.

Clausnitzer, L. Wie viel Astronomie braucht der Mensch? In: Sterne und Weltraum 9/2019, S. 26–33. www.t1p.de/astronomie

Clausnitzer, L. Astronomie für die Mehrheit der Schüler [Interview]. In: Sterne und Weltraum 1/2021. S. 26 f.

Beitrag teilen:

Facebook
Twitter
LinkedIn
Pinterest
XING
WhatsApp
Email

Ähnliche Beiträge

Blogbeitrag_Präparate-Hosentasche_Header
25. November, 2022
Das Mikroskopieren stellt eine für die Naturwissenschaften einzigartige Arbeitsweise dar und ist als eine Form des Untersuchens für den Biologieunterricht von besonderer Bedeutung. Beim Mikroskopieren werden die Sinne durch das Mikroskop erweitert und Objekte sowie Phänomene der Natur erfahrbar, die makroskopisch nicht untersucht werden können. Neben den systematischen Beobachtungen können aber auch weitere Fähigkeiten gefördert werden.
Wolf
14. Oktober, 2022
Seit über 20 Jahren leben wieder Wölfe in Deutschland. Die Rückkehr des Wolfes wird von Naturschutzgruppen begrüßt und von Jäger*innen sowie Nutztierhalter*innen kritisch gesehen. Zu Recht? Betrachten wir einmal die von der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) veröffentlichten Daten durch die Mathematikbrille.
MZ-02-22_Beitragsbild-3D-Druck
25. August, 2022
Es scheint ein Charakteristikum des fortschreitenden 21. Jahrhunderts zu sein, dass unser Alltag geprägt ist von globalen Krisen, die von der Menschheit nur dann gelöst werden können, wenn sie sich kollektiv intelligent verhält. Ob und wie das gelingen kann, ist mit Sicherheit auch eine Frage unseres Bildungssystems.
MZ-02-22_Blogbeitrag_Fischereispiel
8. August, 2022
Auch in der Wirtschaftswissenschaft werden Experimente mittlerweile zur Untersuchung einer Vielzahl von Fragestellungen genutzt: Die experimentelle Wirtschaftsforschung gilt als etablierte Disziplin.
MZ-02-22_Beitragsbild_Energie
29. Juli, 2022
Biomasse, Sonnenenergie, Windkraft und Wasserkraft sind die Themen der Zukunft. Grund genug, sie bereits heute auf spielerische Weise in den Unterricht einzubinden. Dieser Beitrag gibt spannende Unterrichtsideen in Form von Stationen und Experimenten.
MZ-02-22_Beiragsbild-Hecken
8. Juli, 2022
Hecken sind viel mehr als nur ein Sichtschutz für Haus und Garten. Sie sind ein wichtiger Lebensraum, in dem sich so manche tierische Überraschung versteckt, und können zudem Treibhausgasemissionen kompensieren – vorausgesetzt, es handelt sich um Naturhecken aus einheimischen Sträuchern.
MZ-01-22_Beitragsbild_Rätsel-Würfelaufkleber
8. Juni, 2022
Auf MINT Zirkel gibt es Knobel- und Rätselspaß mit Heinrich Hemme.
MZ-01-22_Beitragsbild_Geldscheine
7. Juni, 2022
Schaut man in die Geldbörsen in aller Welt, so entdeckt man viele Banknoten, die voller Mathematik, Physik und Astronomie sind. Wer nach Tadschikistan reist, wird mit großer Sicherheit auch einen 20-Somoni-Schein in seiner Geldbörse haben. Darauf ist der Universalgelehrte Avicenna abgebildet.
MZ_01-22_Beitragsbild_3-D-Drucker
2. Juni, 2022
Unterschiedlichste Anwendungen der 3-D-Drucktechnologie führten in den letzten Jahren in vielen Bereichen der Industrie und Forschung zu enormen Fortschritten. Die stetige Weiterentwicklung zukünftiger Anwendungsmöglichkeiten wie der 3-D-Druck von Häusern oder das sogenannte Bioprinting, also der Druck von Gewebestrukturen oder Organen, lässt darüber hinaus vermuten, dass die Bedeutung der 3-D-Druckindustrie auch weiterhin stark zunehmen wird. Lässt sich das auch im Kontext einer Bildung für nachhaltige Entwicklung einsetzen?
MZ_2022_01_Beitragsbild_Lernen-durch-Schreiben
25. Mai, 2022
Die Lehr-Lernforschung nimmt an, dass Schüler*innen Lerninhalte besser durchdringenund verstehen, wenn sie über diese Inhalte schreiben. Schreiben als explizite Lernaktivität erweist sich aber nicht nur als sinnvoll in den sozialwissenschaftlichen Fächern, in denen seit jeher viel geschrieben wird. Eine aktuelle Metaanalyse zeigt,dass dies genauso für die naturwissenschaftlich-mathematischen Fächer gilt.
MZ-01-2022_Beitragsbild_Mystery
18. Mai, 2022
Beim problemorientierten Chemieunterricht denken die meisten Lehrkräfte sicher an Erarbeitungen anhand von Experimenten oder experimentellen Daten. Doch es geht auch spielerischer, nämlich durch ein Mystery. Wie genau die Mystery-Methode auf spannende, rätselhafte und aktivierende Weise angewendet werden kann, zeigt dieser Beitrag anhand der Erarbeitung der Daniell-Zelle.
MZ-01-22_Beitragsbild_Waermespeicher
13. Mai, 2022
Um unsere Gesellschaft klimaneutral oder sogar klimapositiv umzugestalten, ist neben einer besseren Wärmedämmung auch und gerade im Wärmesektor, der etwa die Hälfte des Energiebedarfs ausmacht, eine Abkehr von Erdöl und Erdgas erforderlich. Als Ersatz eignen sich Erdwärme, Sonnenenergie (Solarthermie) und Heizen mit „grünem“ Strom in Kombination mit Wärmespeichern.