„Finger weg von allem, was artenreich und naturnah ist“

 In Wissenschaftsnews

Der aktuelle UN-Bericht zur Lage der Natur zeigt, dass weltweit eine Million Tier- und Pflanzenarten aussterben könnten. Der MINT Zirkel sprach mit dem Mitautor des Berichts Prof. Dr. Ralf Seppelt über diesen bedrohlichen Befund.

Der Mathematiker und Geoökologe Prof. Dr. Ralf Seppelt leitet das Department Landschaftsökologie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig. Er ist Mitautor des Globalen Berichts der Zwischenstaatlichen Plattform für Biodiversität und Ökosystemleistungen (IPBES).

MINT Zirkel: Die UNO fordert in ihrer Konvention zum Schutz der Artenvielfalt, 30 Prozent der Erde unter Schutz zu stellen. Das klingt doch gut! Aber ist das auch sinnvoll?
Prof. Dr. Ralf Seppelt: Die von der Biodiversitätskonvention der UN dieses Jahr in Kunming zu verhandelnden Maßnahmen haben das Ziel, den weiteren Verlust des Artenreichtums in allen Biomen der Erde aufzuhalten und vielleicht gar umzukehren. Das ist leider bislang nicht gelungen, und die meisten der von der UNO aufgestellten Ziele zum Artenschutz wurden krachend verfehlt, was der globale Bericht des Weltbiodiversitätsrats aus 2019 unmissverständlich dargelegt hat. Insofern wird vielleicht Kunming für den Artenschutz, was Paris für das Klima war.

Was halten Sie von den 30 Prozent? Ist dies zu viel oder viel zu wenig?
Das Ziel ist gut. Immerhin geht das über das hinaus, was bisher erreicht wurde. Aktuell stehen weltweit 15 Prozent unter Schutz. Es gibt aber auch Stimmen aus der Wissenschaft, die sogar 50 Prozent fordern, also der Natur die „halbe Erde“ zurückzugeben. Das ist eine interessante und ein bisschen akademische Debatte, denn die geht an den eigentlichen Fragen vorbei: Erstens, was passiert eigentlich auf
allen anderen Flächen? Und, zweitens, funktionieren diese Schutzgebiete? Ein Beispiel: Die viel zitierte Studie des entomologischen Vereins zu Krefeld zeigte, dass in den letzten 25 Jahren die Biomasse von Fluginsekten um 75 Prozent zurückgegangen ist, und die Beobachtungsflächen lagen sämtlich in Schutzgebieten.

Es reicht also nicht aus, nur Schutzgebiete zu errichten. Was wäre ein gangbarer Weg, der sowohl dem Artenschutz als auch den in den jeweiligen Regionen lebenden Menschen dient?
Also, grundsätzlich ist das erst mal eine gute Strategie: bloß die Finger von allem lassen, was noch ansatzweise artenreich, naturnah und ökologisch funktionsfähig ist. Wir profitieren davon, auch wenn solche Regionen nicht direkt genutzt werden. Sie stellen eine Reihe lebenswichtiger Funktionen zur Verfügung: stabile, fruchtbare Böden, gespeicherter Kohlenstoff und ein ohne Ende reicher Schatz an genetischer Diversität, die später vielleicht mal Grundlage für wichtige Medikamente sein kann. Nicht zuletzt haben wir in den letzten Monaten erfahren müssen, dass in diesen unberührten Regionen auch das Potenzial für unangenehme Überraschungen stecken kann: Zoonosen. Wenn ich also sage, Finger weg von allem, was noch funktioniert, das heißt dann, den aktuellen anhaltenden Flächenverbrauch aufzuhalten. Das ist schon eine gewaltige internationale Anstrengung. Damit sind wir aber nicht am Ende. Gleichzeitig muss auf allen restlichen Flächen (und die machen 75 Prozent der terrestrischen Erdoberfläche aus) unsere Bewirtschaftung so gestaltet werden, dass die Auswirkungen auf den Artenreichtum minimal werden, was vor allem eine Reduktion der Landnutzungsintensität und eine Diversifizierung von Anbaumaßnahmen bedeutet. Gleichzeitig ist ein weiterer Schritt notwendig: das Wiederherstellen und Sanieren von bereits geschädigten Flächen und dann, wo immer es geht, die Artenvielfalt zu erneuern. Flächen fallen brach und werden wieder neu besiedelt: Wolf und Luchs fangen an, sich wieder auszubreiten.

Landwirtschaft kann auch biodiversitäts-
freundlich sein – und muss es auch

Inwieweit hängen Intensivierung und Expansion der Lebensmittelproduktion mit dem Artenverlust zusammen?
Die Frage hat eine einfache, offensichtliche und eine kompliziertere, aber unerwartete Antwort: Zum einen ist der Zusammenhang von Intensität der Bewirtschaftung und Ertrag (positiv) und Biodiversität (negativ) schon so häufig untersucht und quantifiziert worden, dass es da wenig Zweifel gibt und man sogar zahlenmäßige Zusammenhänge ableiten kann. So kann man im globalen Mittel eine Ertragszunahme von 20 Prozent und einen Rückgang der Artenzahl um 8 Prozent unter Intensivierung der Landbewirtschaftung festmachen (natürlich mit entsprechenden Unsicherheiten). Das wirft aber sofort die Frage auf, was denn nun eigentlich Intensivierung bedeutet. Im konventionellen Sinne meint dies eine Erhöhung von ausgebrachten Dünge- und Pflanzenschutzmitteln, Maschineneinsatz usw. Man kann Intensivierung aber auch anders interpretieren: eine Bewirtschaftung mit diverserem Anbau, kleiner strukturierten Feldern, die eben nicht mit immer größeren und fälschlicherweise als effizienter betrachteten Maschinen bewirtschaftet werden. Sondern eine Bewirtschaftung, die zumindest aktuell mit mehr Arbeitsleistung einhergeht – vielleicht machen das in der Zukunft mal spezialisiert autonome Roboter. Auch das kann man Intensivierung nennen. Es ist dann eine nachhaltige, auf agrarökologischen Prinzipien basierende, eine biodiversitätsfreundliche Bewirtschaftung mit vielen positiven Nebenwirkungen.

Drohnen-Luftaufnahme von Feldern mit diversem Pflanzenwuchs nach dem Prinzip der Polykultur und Permakultur – eine gesunde Anbaumethode

Konkret nachgefragt: Können Sie uns ein oder zwei gelungene Beispiele nennen?
Da gibt es eine Vielzahl von Beispielen und Studien. Für Frankreich konnte in einem groß angelegten Feldversuch gezeigt werden, dass man ohne größere Ertragseinbußen die ausgebrachte Menge an Pflanzenschutzmitteln um 42 Prozent reduzieren kann. Im Mittleren Westen der USA gibt es Studien, die zeigen, wie selbst in diesen unsagbar großen Monokulturen mit linearen Strukturen, also den sogenannten Grün- und Blühstreifen, bei nur geringsten Flächenverlusten und weiterhin der Möglichkeit großtechnischer Bewirtschaftung, positive Effekte für die Artenvielfalt erzielt werden können. Und in Indien werden in einem ganzen Bundesstaat Verfahren des Zwischenfruchtanbaus und der Agroforstwirtschaft umgesetzt, und dies mit sehr positiven Effekten für stabile und hohe Erträge, auch weil die finanziellen Mittel für den Ankauf von mineralischem Dünger, Pflanzenschutzmitteln und hochgezüchtetem Saatgut gar nicht da sind.

Lösungen aus dem Dilemma?

Was sind die zentralen Herausforderungen, wenn wir über eine nachhaltige Landnutzung sprechen?
Es gibt keine Patentlösung. Aber es gibt weltweit unzählige Beispiele, die Lösungen für die immer gleiche Frage liefern: Wie können wir ausreichend gesunde Nahrung produzieren und dabei unsere Lebenserhaltungssysteme, den Artenreichtum, erhalten und aber auch den Landwirt*innen ein sicheres Einkommen ermöglichen? Leider werden die einzelnen Aspekte in den aktuellen Diskussionen immer wieder durcheinandergebracht. Für viele Regionen, z.B. in Indien, Afrika oder Asien, trifft es zu, dass das Einkommen der Landwirt*innen und die Versorgung der Bevölkerung eng miteinander verknüpft sind. In Deutschland hat beides nur bedingt etwas miteinander zu tun. Ich finde das Nahrungssicherheitsargument bei der hiesigen Diskussion der Umstrukturierung der europäischen oder deutschen Landwirtschaft eine etwas zu große argumentative Keule, die einfach
unbegründet Ängste schürt. Dass aber tatsächlich die Verdienstmöglichkeiten in der Landwirtschaft nicht sonderlich rosig sind – wenn man eben nicht einen verhältnismäßig großen bis riesigen Betrieb bewirtschaftet –, ist auch ein Grund, warum bei vorgeschlagenen Änderungen der Subventionen oder zusätzlichen Auflagen entsprechend nervös reagiert wird. Landwirt*innen in Deutschland wissen sehr wohl, dass sie von fruchtbaren Böden und funktionierenden artenreichen Ökosystemen abhängig sind, fahren aber – auf Basis der ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen – unsere Landschaften an die Belastungsgrenze.

Wird sich der Ansatz einer ökologischen Landnutzung durchsetzen können?
Was
könnte uns Hoffnung machen?
Wenn Wissenschaftler*innen sich zur Zukunft äußerten, lagen sie erstaunlich oft richtig, obwohl sie immer wieder betonten, dass sie nur Szenarien anbieten, aber nicht die Zukunft vorhersagen. Wenn Wissenschaft aber danebenlag, dann weil sich im Verlauf der Zeit die Gesellschaft zu deutlichen Änderungen durchringen konnte – freiwillig, notgedrungen oder weil einfache Alternativen zur Hand waren (z.B. FCKW-Ersatz). Hoffnung macht mir, dass unsere Gesellschaften in ihrem Ressourcenverbrauch und ihrem Umweltbewusstsein deutlich anfangen, sich zu verändern. In den USA geht z. B. der Pro-Kopf-Fleischverbrauch seit ein paar Jahren kontinuierlich zurück. Extreme klima- und umweltbedingte Ereignisse (z. B. die enorm trockenen Sommer) werden uns in den nächsten Jahren viel häufiger begegnen und uns vielleicht vor größere Herausforderungen stellen, als es COVID-19 gerade tut. Dies wird das Bedürfnis nach Veränderung noch deutlicher werden lassen. Was mich allerdings weniger hoffnungsfroh stimmt, ist, dass vor allem in den bessergestellten Gesellschaften das zugrunde liegende Narrativ immer noch das des Wachstums ist. Solange wir aber über Ressourcen reden, kann es auf einem begrenzten Planeten kein kontinuierliches Wachstum geben. Das ist schlicht physikalisch unmöglich. Wir müssen vielmehr dafür sorgen, dass die vorhandenen Ressourcen gerecht verteilt werden.

Das Gespräch führte Jörg Schmidt.