Kleine Geschichten hinter der Forschung

Die Geschichte der Wissenschaften ist voll von Menschlichem und Allzumenschlichem. Drei leicht skurrile Beispiele erzählen kleine Geschichten hinter der Forschung und berichten von Schwächen und Erfindergeist.

Den Anfang macht der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen, der Entdecker der Röntgenstrahlung. Wussten Sie, dass der spätere Nobelpreisträger wegen ungebührlichen Verhaltens von seiner Schule verwiesen wurde und das Abitur extern ablegen musste? Röntgen galt als schlechter Redner, in dessen Vorlesungen an der Universität Würzburg Studierende es bevorzugten, sich miteinander zu unterhalten oder einzuschlafen. Röntgen reagierte diplomatisch: „Wenn jene Herren dort ihre Gespräche leiser führen wollten, könnten die Herren, die der Ruhe bedürfen, ungestörter schlafen.“ Kurz nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen wurde er häufiger wegen diagnostischer Unterstützung angefragt. So bat ihn ein Patient, in dessen Brust eine Kugel steckte, ihm doch einige Strahlen per Brief zu übersenden. Röntgen konterte, er habe derzeit keine Strahlen verfügbar, und riet stattdessen: „Übersenden Sie mir doch einfach Ihren Brustkorb.“

Beatles und die Computertomografie

Der Allgemeinheit wesentlich bekannter als Röntgen sind die Beatles: Kaum bekannt ist hingegen, dass die Liverpooler Band einen entscheidenden Anteil an einem Medizinnobelpreis hat, nämlich dem für die Computertomografie. Bedingt durch die exorbitanten Einnahmen mit der Vermarktung der Beatles wurde nämlich das Musiklabel EMI (Electrical & Musical Industries) so vermögend, dass es seinen Mitarbeiter Godfrey Hounsfield von seiner Arbeit freistellen konnte. Der Elektrotechniker durfte sich seine Tätigkeit frei wählen und erhielt zudem ausreichend Geld für seine Forschung. Für den ersten erfolgreichen Scan eines Schweinekopfes brauchte er 1968 übrigens noch über neun Tage, heute kann ein ganzer Körper wesentlich hochauf lösender in Sekunden erfasst werden.

Bakterientrunk als Selbstversuch

Die australischen Forscher Barry Marshall und John Robin Warren, die 2005 den Medizinnobelpreis erhielten, nahmen es Anfang der 1980er Jahre persönlich, dass ihre Entdeckung des Magenbakteriums Helicobacter pylori nicht ernst genommen wurde. Ihre These: Dieses Bakterium – und eben nicht Stress oder falsche Ernährung – sind die Ursache für die meisten Magenentzündungen. Zum Beweis seiner Hypothese trank Marshall eine Bakterienlösung und erkrankte folgerichtig kurze Zeit später an einer schweren Gastritis, die er aber mit Antibiotika heilen konnte. Marshalls Verhalten zeigt, dass die früher üblichen Selbstversuche in der Medizin auch heute noch nicht ganz sinnlos sind, wenn es gilt, gegen alte Denkmuster anzugehen. Übrigens weiß man heute, dass die Hälfte aller Menschen weltweit mit dem Magenbakterium infiziert ist und es ein entscheidender Faktor in der Entstehung von Magenkrebs ist. Marshall resümierte: „Für alles, was vermutlich durch Stress ausgelöst wird, gibt es einen wirklichen Grund und dann einen Nobelpreis.“

Leander Köpnick, Deutsches Jungforschernetzwerk – juForum e. V.


Das Deutsche Jungforschernetzwerk – juFORUM e. V. ist ein Verein, der denproduktiven Austausch zwischen
wissenschaftlich interessierten jungen Menschen fördert. In ihm engagieren sich Jungforscher für Jungforscher.
www.juforum.de


Literaturtipps:

  • Helmut Wicht (2014). Andere anatomische Anekdoten. Berlin und Heidelberg: Springer-Verlag
  • Anita Ehlers (1994). Liebes Hertz! Physiker und Mathematiker in Anekdoten. Basel: Birkhäuser Verlag
  • Wolfgang U. Eckart (2017). Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. 8. Aufl. Berlin: Springer-Verlag