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Vom Klassenzimmer in die Gesellschaft – ein fächerübergreifender Projekttag zur Demenzform Alzheimer

Fachdidaktische Untersuchungen zeigen in der Regel ein hohes Interesse von Schülerinnen und Schülern an Medizinthemen. Nur greift eine Betrachtung medizinischer Indikationen allein im Biologieunterricht oft zu kurz. Der fächerübergreifende Projekttag vom Verein Du denkst Zukunft! zum Thema Morbus Alzheimer zielt darauf, dies auf einem hohen naturwissenschaftlichen Niveau aufzugreifen und zugleich dabei mit viel Sensibilität auf soziale sowie volkswirtschaftliche Aspekte einzugehen.

„Im Moment ist es uns wichtig, dass es uns selbst gut geht. Uns interessiert noch nicht, was in 20, 30, 40 Jahren ist. Aber ich habe heute gelernt, dass ich eine Verantwortung trage für mein eigenes Leben, für ein gesundes Älterwerden, für meine Zukunft und die Gesellschaft, in der wir leben werden. Wir werden wahrscheinlich über 90 Jahre alt werden und dann erwischt die Krankheit wahrscheinlich jeden Dritten. Wenn ich der Dritte bin, möchte ich nicht aus der Gesellschaft heraus purzeln oder erleben, dass die Menschen Angst vor mir haben, wegschauen und mich ausgrenzen. Also müssen wir heute die Weichen dafür stellen, dass mir das gelingt.“ Das ist das Zitat eines Schülers nach einem Projekttag von Du denkst Zukunft! zum Thema Morbus Alzheimer im Januar 2017.

Zu Beginn des Projekttags sehen die Jugendlichen in der Regel noch nicht die Relevanz, warum sie sich mit der Thematik auseinandersetzen sollen. Doch laut einer Umfrage vom Zentrum für Qualität in der Pflege sind mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland im familiären Umfeld vom Thema Demenz betroffen. Somit ist es wichtig, einen altersgerechten Umgang mit dem Thema auch in der Schule zu finden. Erste Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung durch das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik an der Universität Kiel (IPN) bestätigen das Potenzial des Projekts.

Der Projekttag

Der Projekttag ist wesentlicher Bestandteil eines multiperspektivischen Programms, das durch eine Kombination aus Förder- und Motivationsinstrumenten Schülerinnen und Schüler für naturwissenschaftliche Themen mit hoher gesellschaftlicher Relevanz informieren, sensibilisieren und beruflich orientieren soll.

Bevor es mit der ersten Projektstufe – dem Projekttag – in der Schule losgeht, erhalten die durchführenden Lehrerinnen und Lehrer über das Projektbüro das Konzept zur Durchführung des eintägigen Pro­jekt­tags in der Schule, einen Material­ordner sowie Zugang zu einer Online-­Platt­form, über die der Tag maßgeblich gestaltet wird (Stand Schuljahr 2015/2016).

Den Projekttag selbst beginnen die Schülerinnen und Schüler gemeinsam. Der Einstieg ins Pilothema Morbus Alzheimer gelingt insbesondere durch einen Kurz­film, der die Geschichte einer Jugendlichen im Alter der Projekttagteilnehmenden zeigt, deren Mutter sehr früh an Alzheimer leidet.

Es folgt ein historischer Rückblick in die Zeit von Alois Alzheimer anhand von Auszügen aus der Akte der „ersten“ Alzheimer-Patientin. Im Anschluss erfahren die Schülerinnen und Schüler, welche gängigen Theorien es heute über mögliche Ursachen von Alzheimer gibt. Um die Theorien besser verstehen zu können, wird die Signalübertragung am synaptischen Spalt anschaulich im Vorfeld erklärt. Damit schließt das Projekt direkt an die Themeninhalte der Neurophysiologie an, wie sie im Curriculum des Biologieunterrichts der Sekundarstufe II festgeschrieben sind.

Statistiken über die Zunahme der Häufigkeit sowie die Entwicklung der Anzahl der Erkrankten und ein Interview mit einer selbst von der Alzheimer-Symptomatik betroffenen Person runden die Einführung im Plenum ab.

Perspektivwechsel

Um der Komplexität des Themas gerecht zu werden, erarbeiten sich die Jugend­lichen unterschiedliche Aspekte selbstständig in Arbeitsgruppen. Die erste Arbeitsgruppe befasst sich zunächst intensiv mit den im Film gesehenen Theorien, erfährt dann jedoch aus prominenten Studien, wie zum Beispiel der sogenannten Nonnenstudie, dass es in den Theorien Ungereimtheiten gibt. Anhand eines Arbeitsblatts wird auch eine medikamentöse Therapieform (Acetylcholinesterase-­Hemmung) erarbeitet.

Die zweite Arbeitsgruppe wird mit einem wissenschaftlichen Disput zweier hochrangiger Wissenschaftler konfrontiert, bekommt Einblicke in jüngste Forschungsergebnisse und beschäftigt sich mit dem Thema Risikofaktoren und Empfehlungen für ein langes gesundes Leben.

Die dritte Arbeitsgruppe setzt sich mit der Daseinstheorie auseinander sowie mit den Erfahrungen des Regisseurs der Dokumentation „Vergissmeinnicht“, der seine demenziell erkrankte Mutter filmisch begleitet. Welche Herausforderungen die Zunahme der Symptomatik für die Gesellschaft bedeutet, wird anhand eines Zeitungsartikels erarbeitet.

Nach einer Pause werden die gewonnenen Erkenntnisse zusammengetragen und im Plenum besprochen. Dazu werden Fragen zur Verfügung gestellt, die die Schülerinnen und Schüler einladen, das Thema aus verschiedenen Sichtweisen zu betrachten.

Interessierte Schülerinnen und Schüler können sich im Anschluss an den Projekttag für die zweite Projektstufe – einen Praxistag – in themenrelevanten Einrichtungen bewerben. Es wurden bereits Praxistage im Max-Planck-Institut für Hirnforschung oder im Deutschen Zen­trum für Neuro­dege­nera­tive Erkrankungen in Bonn durchgeführt. Eine dritte Projektstufe in Form eines Wettbewerbs ist angedacht.

Fazit

Das multimediale Konzept des Projekttags hat sich als geeignet erwiesen, Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe II an nur einem Tag einen multiperspektivischen Zugang zum Thema Morbus Alzheimer zu ermöglichen. Durch die Bereitstellung eines ausgearbeiteten Unterrichtskonzepts samt Materialordner ist die Durchführung des fächerübergreifenden Projekttags ohne vorbereitende Einarbeitung durch das Lehrpersonal möglich.

Carmen Schulz, Dr. Tim Höffler, Prof. Dr. Arnim Lühken und Prof. Dr. Ilka Parchmann

Weitere Informationen

www.dudenkstzukunft.de

Interessierte Lehrkräfte können alle relevanten Unterlagen im Projektbüro anfordern: [email protected]

Literaturtipp

ZQP-Umfrage: Jugend und Demenz in der Familie

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