Skip to content

Menschen verfügen über unterschiedliche Tierbilder. Aber welche Lernchancen bieten diese für den Umgang mit Tieren und wo liegen ihre Grenzen?

Tierethische Themen sind in gesellschaftlichen Debatten allgegenwärtig. Neben Langzeitthemen wie Massentierhaltung rückt derzeit aufgrund der Diskussion um die Herkunft von SARSCoV-2 auch der Umgang mit Wildtieren verstärkt in den Fokus. Nicht nur weil tierethische Fragestellungen demzufolge eine hohe Alltags- und Gesellschaftsrelevanz aufweisen, wird zunehmend erkannt, dass dem Fach Biologie bei der Bearbeitung tierethischer Themen besondere Verantwortung zukommt. Vor allem aber weist das Lebendige aus sich heraus ethische Bedeutsamkeit auf, sodass in diesem Zusammenhang auch normative Aspekte behandelt werden müssen. Mit Verabschiedung der Bildungsstandards wurde die Auseinandersetzung mit bioethischen Fragen ohnehin vorgegeben. Tierethik tangiert dabei verschiedene Bedürfnisse, Interessen, Probleme und erfordert ethische Analysen, in denen unterschiedliche fachliche Perspektiven zur Klärung beitragen. Fachdidaktische Untersuchungen verdeutlichen, dass die geforderte Mehrperspektivität eine große Herausforderung darstellt. So sind Bewertungen stärker durch monoperspektivische als durch multiperspektivische Vorstellungen gekennzeichnet. Auch Tierbilder zählen zu diesen individuell konstruierten Vorstellungen, wobei Menschen Tieren ganz unterschiedliche Eigenschaften zusprechen. Da sich diese Konstrukte zwar in der Reflexionsebene, aber nicht in ihrem subjektiven Wahrheitsgehalt unterscheiden, werden die verschiedenen Tierbilder bei Letzterem gleichgestellt, jedoch hinsichtlich ihrer Reflexionsebene bewertet. Deshalb ist es notwendig, auf Tierbilder von Schülerinnen und Schülern einzugehen und diese mithilfe fachlicher Klärungen zu reflektieren.

Mechanische Ente
Mechanische Ente von Vaucanson

Mechanisches Tierbild

Was in den Köpfen von Tieren vor sich geht, beschäftigt Vertreter der Philosophie und Naturwissenschaft seit jeher. Im 17. und 18. Jahrhundert waren viele Menschen überzeugt, dass die Welt nach mechanischen Gesetzen funktioniere. Dieses Weltbild wurde v. a. durch die Vorstellungen von Ren. Descartes (1596–1650) geprägt. Infolgedessen wurden Tiere als seelenlose Automaten verstanden. Geist und Sprache waren die wichtigsten Kriterien zur Unterscheidung von menschlichen und tierlichen Wesen, biologisch-evolutionäre Kriterien wie Abstammung und Verwandtschaft nicht bekannt. Dennoch kritisierten schon Zeitgenossen das mechanische Tierbild und die vorherrschenden Unterscheidungskriterien. Trotz des immensen Zugewinns an ethologischem Wissen seitdem sind mechanische Tierbilder weiterhin verbreitet.

Objektivierendes Tierbild

Heutzutage setzen sich u. a. Tierschutzorganisationen dafür ein, dass tierliche Wesen nicht als leblose Sachen behandelt werden. Betrachten Menschen sie nämlich auf diese Art, so sprechen sie ihnen moralischen Eigenwert ab. Dadurch fällt es leichter, Tiere für eigene Zwecke zu nutzen, ohne dabei deren Bedürfnisse zu beachten. Auch rechtlich betrachtet gelten für sie teils dieselben Gesetze wie für Sachen (Åò 90a BGB). So ist es erlaubt, Tiere zu besitzen, sie zu (ver-)kaufen oder zu züchten. Im Unterschied zu leblosen Besitztümern ist ein willkürlicher Umgang mit ihnen aber untersagt. Nach dem Tierschutzgesetz (Åò 1) ist es beispielsweise verboten, einem Tier ohne „vernünftigen“ Grund Schmerzen, Leiden oder Sch.den zuzufügen. Wird ein Tier jedoch unabsichtlich oder in einer Notsituation verletzt, handelt es sich nicht um Körperverletzung, sondern um Sachbeschädigung (Åò 303 StGB).
Auch diese Ansichten bieten demnach keinen ausreichenden Schutz für Tiere. Aus tierethischer Perspektive sollte darüber nachgedacht werden, was ein vernünftiger Grund dafür sein kann, die Bedürfnisse von Tieren zu missachten (z. B. Trophäenjagd, Tötung für Pelzmäntel).

Anthropomorphes Tierbild

Um tierliche Verhaltensweisen nachzuvollziehen, gehen Menschen oft von eigenen Erfahrungen aus. So werden eigene Motivationen, Verhaltensweisen, Charakterzüge etc. auf Tiere übertragen. Dies kann dann angemessen sein, wenn die betreffende Tierart aufgrund ihrer Abstammung bestimmte Eigenschaften mit dem Menschen teilt. Wenn Menschen jedoch nur auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, wird von Anthropomorphismus gesprochen. Dieses Tierbild kann sowohl zu falschen als auch zu zutreffenden Urteilen führen. Tiere werden dabei als lebendige Individuen mit Gefühlen, Gedanken oder eigenem Willen angesehen. Anstelle von Willkür und Gedankenlosigkeit kann dieses Tierbild zu einer emotionalen Beziehung und einem sorgsamen Umgang führen. Anthropomorphe Tierbilder stoßen jedoch an ihre Grenzen, wenn tierliche Bedürfnisse übersehen und Verhaltensweisen fehlinterpretiert werden.

Mops in Regenmantel
Tiergerecht ist etwas anderes

Individualistisches Tierbild

Für Charles Darwin (1809–1882) war es im Gegensatz zu Descartes offensichtlich, dass Tiere Individuen sind und über komplexe Gefühle und Intelligenz verfügen. Er setzte sich etwa mit der Frage auseinander, wie Tiere ihren Gemütszustand ausdrücken, schrieb z. B. von der Scham eines Hundes und widersprach damit der damals anerkannten Wissenschaftsmeinung. Auch wenn Darwins Forschungen bekanntlich nicht ausnahmslos verifiziert werden konnten, stützt sich die heutige Kognitionsforschung im Kern auf seine Erkenntnisse. Es ist etwas Abstraktes, Tiere zu verstehen. Schülerinnen und Schüler erkennen, dass es bestimmte Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Tieren, Maschinen, Sachen und Menschen gibt. Um tierliche Verhaltensweisen und Bedürfnisse zu veranschaulichen, wird dabei zu Recht verglichen. Im Biologieunterricht sollte hier aber geklärt werden, dass es nicht „das Tier“ gibt: Es w.re trügerisch, bei Millionen verschiedener Tierarten und Individuen generell vom „Tier“ zu sprechen. Ebenso lernhinderlich w.re es, ein Individuum allein nach seiner Artzugehörigkeit zu beurteilen. Da Lernende verschiedene Tierbilder mitbringen, sollten Gedanken, Aussagen und Handlungen hinterfragt werden, indem zwischen Tierarten differenziert und jedes Tier als Individuum betrachtet wird.

Jun.-Prof. Dr. Nadine Tramowsky, PH Freiburg

Download: Arbeitsblatt “Des Menschen Bild vom Tier”

Zum Weiterlesen: Der hier vorliegende Beitrag basiert auf dem Buch „Leben mit Tieren“ von N. Tramowsky, J. Groß und J. Paul (erschienen in der Reihe „Neue Wege in die Biologie“, Friedrich Verlag).

Beitrag teilen:

Facebook
Twitter
LinkedIn
Pinterest
XING
WhatsApp
Email

Ähnliche Beiträge

Das Fischereispiel – ein Experiment (nicht nur) für den Ökonomieunterricht
8. August, 2022
Auch in der Wirtschaftswissenschaft werden Experimente mittlerweile zur Untersuchung einer Vielzahl von Fragestellungen genutzt: Die experimentelle Wirtschaftsforschung gilt als etablierte Disziplin.
Energien der Zukunft als Unterrichtsthema
29. Juli, 2022
Biomasse, Sonnenenergie, Windkraft und Wasserkraft sind die Themen der Zukunft. Grund genug, sie bereits heute auf spielerische Weise in den Unterricht einzubinden. Dieser Beitrag gibt spannende Unterrichtsideen in Form von Stationen und Experimenten.
Teamteaching – ein Schuljahr in der Lehr:werkstatt
18. Juli, 2022
Ein Fach, eine Lehrkraft und ein Klassenzimmer voller Schüler*innen. Dieses typische Unterrichtssetting wird gerade in den praxisorientierten MINT-Fächern oft nicht mehr den Anforderungen zeitgemäßen Lernens gerecht. Gleichzeitig sehen sich viele Lehrkräfte immer breiteren Anforderungen an ihren Berufsstand gegenüber und wünschen sich neben Entlastung auch frischen Wind in ihrem Klassenzimmer. Genau hier setzt die Lehr:werkstatt an.
Hier ist was im Busch!
8. Juli, 2022
Hecken sind viel mehr als nur ein Sichtschutz für Haus und Garten. Sie sind ein wichtiger Lebensraum, in dem sich so manche tierische Überraschung versteckt, und können zudem Treibhausgasemissionen kompensieren – vorausgesetzt, es handelt sich um Naturhecken aus einheimischen Sträuchern.
Mit den neuen Bildungspaketen der Technik Museen Sinsheim Speyer wird Ihr Ausflug zum Erlebnis!
Gesponserte Inhalte
7. Juli, 2022
Begeben Sie sich auf eine Reise zurück bis ins antike Griechenland und lernen Wissenschaftler*innen und Erfinder*innen wie Volta, Franklin und Tesla kennen, oder treten sie eine Reise mit den NASA Astronauten Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins ins All an, um auf dem Mond ihren Fußabdruck zu hinterlassen.
Rätsel | Würfelaufkleber
8. Juni, 2022
Auf MINT Zirkel gibt es Knobel- und Rätselspaß mit Heinrich Hemme.
Link- und Lese-Tipps
8. Juni, 2022
Wir haben wieder hilfreiche Links im Web sowie spannende wissenschaftliche Bücher gesammelt. Viel Spaß beim Stöbern!
Mathematik(er) auf Banknoten – Avicenna
7. Juni, 2022
Schaut man in die Geldbörsen in aller Welt, so entdeckt man viele Banknoten, die voller Mathematik, Physik und Astronomie sind. Wer nach Tadschikistan reist, wird mit großer Sicherheit auch einen 20-Somoni-Schein in seiner Geldbörse haben. Darauf ist der Universalgelehrte Avicenna abgebildet.
Allzweckmittel Spinnengift
6. Juni, 2022
Viele schrecken vor Spinnen zurück, der 32-jährige Dr. Tim Lüddecke nicht. Im Gegenteil: Er hat seine Doktorarbeit über Spinnengifte geschrieben. Am Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME in Gießen erforscht er, was man aus Tiergift alles machen kann: Medizin zum Beispiel. Oder Insektizide. Alles total umweltfreundlich.
Eine nachhaltige Welt aus dem 3-D-Drucker – Widerspruch oder Chance?
2. Juni, 2022
Unterschiedlichste Anwendungen der 3-D-Drucktechnologie führten in den letzten Jahren in vielen Bereichen der Industrie und Forschung zu enormen Fortschritten. Die stetige Weiterentwicklung zukünftiger Anwendungsmöglichkeiten wie der 3-D-Druck von Häusern oder das sogenannte Bioprinting, also der Druck von Gewebestrukturen oder Organen, lässt darüber hinaus vermuten, dass die Bedeutung der 3-D-Druckindustrie auch weiterhin stark zunehmen wird. Lässt sich das auch im Kontext einer Bildung für nachhaltige Entwicklung einsetzen?
Lernen durch Schreiben: Gilt das auch für MINT-Fächer?
25. Mai, 2022
Die Lehr-Lernforschung nimmt an, dass Schüler*innen Lerninhalte besser durchdringenund verstehen, wenn sie über diese Inhalte schreiben. Schreiben als explizite Lernaktivität erweist sich aber nicht nur als sinnvoll in den sozialwissenschaftlichen Fächern, in denen seit jeher viel geschrieben wird. Eine aktuelle Metaanalyse zeigt,dass dies genauso für die naturwissenschaftlich-mathematischen Fächer gilt.
Mit einem Mystery spielerisch zum Bau der Daniell-Zelle
18. Mai, 2022
Beim problemorientierten Chemieunterricht denken die meisten Lehrkräfte sicher an Erarbeitungen anhand von Experimenten oder experimentellen Daten. Doch es geht auch spielerischer, nämlich durch ein Mystery. Wie genau die Mystery-Methode auf spannende, rätselhafte und aktivierende Weise angewendet werden kann, zeigt dieser Beitrag anhand der Erarbeitung der Daniell-Zelle.