ArbeiterKind.de ermutigt Schüler*innen zum Studium

 In MINT-Markt

Wie können junge Menschen, die keine akademischen Vorbilder in ihrer Familie haben, eine informierte Entscheidung für ihren Bildungsweg treffen? Erstakademiker*innen engagieren sich ehrenamtlich bei ArbeiterKind.de und teilen ihre Bildungsgeschichte vor Ort.

Ein Beitrag von Eva König

Die Schüler*innenschaft des Nikolaus Groß Abendgymnasiums in Essen ist vielfältig. Hier lernen Schüler*innen unterschiedlichen Alters, im Berufsleben stehende und arbeitsuchende Menschen, Eltern, Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte. Viele verbindet, dass sie keine Vorbilder in ihrer Familie haben, die über Hochschulerfahrung verfügen.

Die Schule hat eine lange Tradition, ist in den 1950er-Jahren als Katholisches Abendgymnasium für die Priesterausbildung gestartet und hat sich im Laufe der Jahre zu einem Weiterbildungskolleg für Erwachsene weiterentwickelt. Eva Nowak, Lehrerin für Mathematik und Englisch, unterrichtet hier seit 20 Jahren und begleitet die Schüler*innen auf ihrem Weg zum Abitur bzw. Fachabitur. Sie ist gleichzeitig für das Thema Berufsorientierung verantwortlich und organisiert zusätzliche Informationsangebote an der Schule. Seit 2017 ist die Schule Partnerschule von ArbeiterKind.de. Der Schulleiter Jochen Suthe wurde durch die Infotage an der Hochschule in Essen auf die gemeinnützige Organisation aufmerksam und lud die Engagierten ein. Bald wurde die Zusammenarbeit im Rahmen einer Kooperation verstetigt. Jochen Suthe stellte aus diesem Anlass den wichtigen Beitrag von ArbeiterKind.de für das Förderkonzept der Schule heraus: „Das Nikolaus Groß Abendgymnasium ist als Schule des Zweiten Bildungsweges Anlaufpunkt für junge Erwachsene, die häufig nicht aus Akademikerhaushalten stammen, und es bleibt unser Ziel, ihre gesellschaftliche Teilhabe durch einen höheren Bildungsabschluss zu verbessern.“

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Cara Coenen und Elena Schick im Gespräch mit den Schüler*innen des Abendgymnasiums

Ermutigung durch die eigene Bildungsgeschichte

Zweimal im Jahr ermutigen die Engagierten der lokalen Gruppe Duisburg-Essen die Schüler*innen. Sie erzählen ihre eigene Bildungsgeschichte und stellen sich den Fragen aus dem Publikum. Das Erfolgsrezept von ArbeiterKind.de ist, dass die Ehrenamtlichen selbst in der Regel die Ersten in ihrer Familie sind, die studieren oder studiert haben. Sie kennen die Hürden und Zweifel aus eigener Erfahrung und können besonders glaubwürdig als Vorbilder wirken. „Der Übergang von der Schule an die Hochschule ist eine wichtige Phase, die wir gut unterstützen und begleiten möchten“, erklärt Eva Nowak die Motivation für ein solches Angebot. „Damit wir alle Schüler*innen erreichen, haben wir die Teilnahme an der Veranstaltung von
ArbeiterKind.de verpflichtend für alle gestaltet und damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Viele, die zunächst skeptisch waren, haben sich hinterher bedankt. Es ist ja kein trockener Vortrag, die Engagierten berichten von ihrem persönlichen Bildungsweg, und viele haben ähnliche Lebensläufe wie unsere Schüler*innen.“ Die unterschiedlichen Bildungsgeschichten faszinieren die Schüler*innen, zeigen sie ihnen doch, dass auch sie ihre persönlichen Bildungsziele weiterverfolgen und ein Studium bewältigen können. So erfahren sie beispielsweise, wie eine Studierende ohne Abitur jenseits der 30 ein Stipendium erhalten hat oder wie ein Engagierter über den 2. Bildungsweg und ein Studium eine internationale Tätigkeit erreichen konnte. Das öffnet den Blick für die eigenen Möglichkeiten und schafft Perspektiven. Beeindruckt ist Eva Nowak jedes Mal von dem hohen Engagement, mit dem die Ehrenamtlichen die Gespräche gestalten. „Ein Engagierter, der durch einen Umzug nach Leipzig bei der dortigen Ortsgruppe aktiv war, wollte dennoch unbedingt den Termin an unserer Schule wahrnehmen, weil es ihm dort so gut gefallen hat. Also hat er sich morgens um 4 Uhr in den Zug gesetzt!“, erzählt die Mathematiklehrerin.

Studienorganisation und Studienfinanzierung im Fokus

Inhaltlich dreht sich alles rund um das Thema Studium, Studienorganisation und Studienfinanzierung. Es geht um Fragen wie: Warum soll ich studieren? Wie läuft ein Studium eigentlich ab? Was ist ein Bachelor oder Master? Die Engagierten geben grundlegende Informationen und Tipps. Im Fokus des Interesses steht besonders das Thema Finanzierung. BAföG oder Stipendien als mögliche Wege der eigenen Studienfinanzierung. Viele der Schüler*innen sind berufstätig oder haben Familie. Entsprechend tauchen Fragen z. B. nach dem Höchstalter für das BAföG auf, oder wie die Krankenversicherung abgedeckt werden kann. Cara Coenen, Bundeslandkoordinatorin bei ArbeiterKind.de für NRWWest, erinnert sich an eine Schülerin, die Schwierigkeiten hatte, sich die Schulzeiten des 2. Bildungsweges anerkennen zu lassen, um auch jenseits der 30 in der studentischen Krankenversicherung bleiben zu können. Dank einer von ArbeiterKind.de mitverfassten persönlichen Stellungnahme konnte diese Situation zu ihrem Vorteil geklärt werden. So gibt es viele Einzelfälle, in denen die Engagierten durch persönliches Mentoring auch nach einem Schulbesuch unterstützen.

„Studium heißt nicht, einen Masterplan zu haben“

Viele haben schon genauere Vorstellungen, warum sie das Abitur erwerben wollen, besitzen aber im Detail noch Informationsbedarf. Auch Elena Schick, engagiert in der ArbeiterKind.de-Gruppe Bochum, war bei einem Schulbesuch dabei und hat festgestellt, dass an einem Abendgymnasium andere Fragen auftauchen als an Schulen des 1. Bildungsweges: „Die Schüler*innen stehen im Berufsleben und haben sehr konkrete Fragen zur Vereinbarkeit von Beruf, Studium und Familie“, berichtet sie. „Ich versuche vor allem zu erklären, dass Studieren nicht bedeutet, gradlinig den Bildungsweg zu gehen. Man braucht keinen Masterplan für das ganze Leben, vieles ergibt sich im Laufe der Zeit.“ Sie hat selbst im Laufe ihrer Hochschulkarriere das Studienfach gewechselt und ist mittlerweile in der Promotionsphase. ArbeiterKind.de gibt sehr persönliche Impulse, Ideen oder auch Tipps für weitere Anlaufstellen, an die die Schüler*innen sich wenden können. Während der Kontakteinschränkungen aufgrund der Pandemie hat die Schule Informationen online an die Schüler*innen weitergegeben und Einzelkontakte zu ArbeiterKind.de vermittelt. Über das Online-Netzwerk von ArbeiterKind.de können die Schüler*innen Kontakte knüpfen, Detailfragen stellen und sich mit Gleichgesinnten austauschen.

Weitere Informationen

ArbeiterKind.de führt regelmäßig bundesweit Gespräche an Schulen durch. Die Veranstaltung richtet sich an die gymnasiale Oberstufe sowie an Kollegs, Berufs- und Abendschulen. Darüber hinaus gibt es auch ein Angebot für 9. / 10. Klassen an Gesamt- und Realschulen. Die Ehrenamtlichen bei ArbeiterKind.de haben im Zuge der Pandemie auch gute Erfahrungen mit Online-Schulveranstaltungen gesammelt und bieten diese auf Wunsch gerne an. Die Engagierten sind bundesweit in 80 lokalen Gruppen vor Ort erreichbar. Bei Interesse sprechen Sie sie gerne an.
www.arbeiterkind.de

Informationen für Schulen:
www.bit.ly/2V6G7xW

Netzwerk: netzwerk.arbeiterkind.de
(nach Anmeldung)

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