Galapagos ist überall: Entdeckungsreise „Wildbienen“

 In Allgemein, Biologie

In Verbindung mit einer Bildung für nachhaltige Entwicklung sind Wildbienen ein Paradebeispiel für die durch den Menschen ausgelösten massiven Veränderungen der Ökosysteme und das damit verbundene Insektensterben. Die Konsequenzen lassen sich auf ökologischer, sozialer und ökonomischer Ebene beleuchten.

Eine Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) hat zum Ziel, dass Lernende ein Verantwortungsbewusstsein für Natur und Umwelt entwickeln. Dies impliziert, dass sie ihre Kenntnisse über die komplexe und wechselseitige Abhängigkeit zwischen ihnen und der Umwelt erweitern, mit den Ressourcen aller Art sorgfältig umgehen und Gestaltungsmöglichkeiten erkennen, die Menschen auf der ganzen Welt die Lebensgrundlage für jetzt und die Zukunft garantieren. Sie stößt hierbei immer wieder an ihre Grenzen, weil ihre Ziele oft auf einer abstrakten Ebene liegen und Ursache-WirkungsBeziehungen kaum unmittelbar erfahrbar sind. Umweltpsychologische Studien bestätigen, dass Umweltwissen, Umwelteinstellungen und umweltgerechtes Verhalten nicht miteinander korrelieren. Weder das Wissen über die Folgen von umweltschädigendem Verhalten noch die Absicht eines umweltgerechten Verhaltens ist ausreichend, um Verhaltensabsichten auch tatsächlich in die Tat umzusetzen. Die Auseinandersetzung mit Wildbienen als Modellorganismus hat das Potenzial, Schülerinnen und Schüler in tatsächliche Handlungen zu bringen, die Erfahrungen nachhaltigen Handelns generieren, wodurch sie eine Beziehung zur Natur aufbauen können.
Entscheidend für die Förderung der Kompetenzbereiche Erkenntnisgewinnung und Bewertungskompetenz der nationalen Bildungsstandards (2020) ist es dabei, Lernumgebungen zu schaffen, in denen die Lernenden ihr Wissen selbstständig und konstruktiv erwerben, reflektieren und vertiefen können. Angestrebt wird ein forschend-entdeckendes Lernen.

Warum das Thema Wildbienen?

Wildbiene3

Anhand der Ursachen, Auswirkungen und Gegenmaßnahmen zur Bedrohung der Wildbienen lässt sich das Zusammenspiel der drei Dimensionen Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft in ihrer Komplexität deutlich machen. Dies macht Wildbienen zum Exempel einer Bildung für nachhaltige Entwicklung.
Eine Vielfalt an Bestäubern ist Voraussetzung, um ein aktives und produktives Ökosystem mit größerer Widerstandsfähigkeit zu erhalten. Auf sozialer Ebene wird durch eine Verringerung der Bestäubungsleistung eine Verschlechterung des menschlichen Wohlbefindens sowie der Rückgang von Nahrungsgrundlagen prognostiziert. Bestäuber sind unerlässlich, um eine wachsende Weltbevölkerung
zu ernähren (Sustainable Development Goal – SDG 2). Bestäuber fördern eine Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge (SDG 8). Sie bieten menschenwürdige Arbeitsplätze (SDG 8) in der Landwirtschaft, insbesondere für Kleinbauern, um ihren wachsenden Bedarf an nahrhaften, gesunden und sicheren Lebensmitteln zu decken (SDG 9), und sie fördern SDG 1, keine Armut. Auswirkungen einer verminderten Anzahl und Artenvielfalt an Bestäubern können auch zu einem Anstieg der Unterernährung und damit verbundener Krankheiten führen (SDG 3 und 13).

Förderung des Kompetenzbereichs
Erkenntnisgewinnung

Aktuell werden über die Hälfte der je nach zugrunde liegendem Artkonzept 550–580 in Deutschland heimischen Wildbienenarten auf der Roten Liste geführt. Aus der Bedrohung spezifischer Wildbienen lassen sich exemplarische Fragestellungen ableiten, die hypothesengeleitet unter Anwendung naturwissenschaftlicher Denk- und Arbeitsweisen untersucht werden können:

– Reagieren bestimmte Arten besonders empfindlich auf Beeinträchtigungen ihres Lebensraumes?
– Welche Arten sind demzufolge besonders bedroht und was sind Voraussetzungen für ihren Schutz?
– Besteht eine Konkurrenz zwischen Wild- und Honigbienen?

Die Lernenden sammeln Vermutungen zu den überlebenswichtigen Voraussetzungen und artspezifischen Unterschieden. Mögliche Untersuchungen durch die Arbeitsweise des Beobachtens und Vergleichens sind dabei vielfältig: Dank der großen Artenvielfalt und der weit gestreuten Blütenpräferenzen sind Wildbienen fast überall auf Blütenpflanzen anzutreffen. Viele Arten sind als Kulturfolger auch in Siedlungsbereichen verbreitet und durch die Anpflanzung von Trachtpflanzen in Kombination mit künstlichen Nisthilfen leicht anzulocken. Trotz der kurzen Flugzeit einzelner Arten von nur vier bis sechs Wochen können Wildbienen durch artabhängige unterschiedliche ökologische Nischen – oft auch bei schlechter Witterung – vom zeitigen Frühjahr bis in den späten Herbst beim Sammeln von Nektar und Pollen beobachtet werden. Zusätzlich bieten Nisthilfen als „Miniaturökosysteme“ eine sehr gute Möglichkeit, Wildbienen bei ihrer Brutfürsorge aus nächster Nähe zu beobachten, da sie selbst im Bereich ihrer Nester friedfertig sind. Jedes Weibchen baut ein eigenes Nest, legt Eier und versorgt die Brut mit einem Vorratsspeicher aus Pollen. Wichtiger Bestandteil des Ökosystems sind dabei auch parasitische Bienen. Sie heißen „Kuckucksbienen“, da
sie ihre Eier in die Brutzellen nestbauender Arten legen.

Förderung des Kompetenzbereichs
Bewertungskompetenz

Der Rückgang der Artenvielfalt und der Populationsdichte von Wildbienen und anderen Bestäubern hat aus ökonomischer, ökologischer und sozialer Perspektive gravierende Folgen, die sich auch über den Bezug zu den Nachhaltigkeitszielen der UN erschließen lassen. Am Beispiel einer vermuteten Konkurrenz zwischen Wild- und Honigbienen können unterschiedliche Perspektiven zwischen Umweltschutz, sozialer Verantwortung und wirtschaftlichem Handeln aufgezeigt werden. Positionen können kritisch diskutiert werden; ergänzend dazu lassen sich die für den jeweiligen Imker relevanten Aspekte (Honigertrag, „naturnahes“ Imkern, Züchtung etc.) gegenüberstellen, um die Verknüpfung ökonomischer, ökologischer und sozialer Perspektiven zu veranschaulichen.

Fazit

Grundlage jedes Wildbienenschutzes ist vorrangig die Bewahrung der Lebensräume. „Die Wildbiene“ wird oft als eine homogene Insektengruppe „der Honigbiene“ gegenübergestellt. „Wildbiene ist jedoch nicht gleich Wildbiene“, Wildbienen haben sehr unterschiedliche Lebensraumansprüche – von Generalisten bis zu Spezialisten unterscheiden sich die artspezifischen Nahrungsquellen, Nistplätze und das Material für die Nestanlage. Durch eine bestäuberfreundliche Schulgartenbepflanzung und den Bau von Nisthilfen wird ein handlungsorientierter, forschend-entdeckender Unterricht ermöglicht, der durch die unmittelbare Beobachtung von Wildbienen konkrete Naturerfahrungen möglich macht. Diese Maßnahmen können ebenfalls das Angebot an Nahrung und Nistplätzen sinnvoll ergänzen, sie ersetzen aber keine natürlichen Habitate. Das Hauptziel sollte daher immer sein – auch zur Entschärfung der Konkurrenz um das Blühangebot –, insbesondere mit Blick auf die Agrarlandschaften natürliche Habitate zu erhalten und der Flora und Fauna wieder mehr Lebensraum zuzugestehen.

Dr. rer. nat. Yelva Larsen,
Universität Bamberg,
Martin Hallmen,
Franziskaner-Gymnasium Kreuzberg

Wildbiene
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