Schulische MINT-Förderung an der TU Berlin

Die Technische Universität (TU) Berlin bietet jährlich über 10.000 Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, in Projekten und Veranstaltungen Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu erleben. Die Bausteine zum Erfolg sind eine systematische Vernetzung der Angebote und gezielte MINT-Kurse für Mädchen.

Nachhaltigkeit ist ein zentrales Thema in deutschen Schulen und mittler­weile in fast allen Rahmenlehrplänen fest verankert. Und das aus gutem Grund, denn die Probleme von morgen, wie knapper werdende fossile Ressourcen, Umweltverschmutzung oder Klimawandel lassen sich nur mit Nachhaltigkeit und gut ausgebildeten Fachkräften lösen. An der Technischen Universität Berlin hat sich das interdisziplinäre Forschungsteam „Sustainable Manufacturing“ dieser Nachhaltigkeitsbildung verschrieben.

„Lehrkräfte, Erzieher und Erzieherinnen leisten bereits hervorragende Arbeit in den Bereichen Umweltschutz, aber deutlich schwächer ist es mit der Lehre rund um die soziale und vor allem ökonomische Dimension von Nachhaltigkeit bestellt“, fasst Ina Roeder, Mitarbeiterin der Forschungsinitiative und am Institut für Werkzeugmaschinen und Fabrikbetrieb, die Ergebnisse zusammen. Neben Interviews mit Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern wurden rund 800 Dokumente der Rahmenlehrpläne für die Jahrgangsstufe 9/10 sämtlicher Bundesländer geprüft. Außerdem bewertete das Team 16 aktuelle Geographiebücher, 29 deutsche und – für den internationalen Vergleich – 48 englischsprachige freie Bildungsmaterialien für dieselbe Jahrgangsstufe.

Mangelnde Qualität von Lehrmaterialien

Das Ergebnis: Die untersuchten Schulbücher meiden die Komplexität und decken die Themen Nachhaltigkeit und nachhaltige Produktion nur ungenügend ab. Freien Bildungsmaterialien, die ergänzend eingesetzt werden könnten, mangelt es häufig an Qualität und Anknüpfbarkeit an die Rahmenlehrpläne. Auch werden sie selten wirklich „frei“ gestaltet, also in bearbeitbarem Format und unter einer Creative-­Commons-­Lizenz veröffentlicht. Die Mehrheit der Materialien, ob klassisch oder frei, ist zudem häufig einseitig am lehrer­zentrierten Lernmodell ausgerichtet.

Aufbauend auf den Erkenntnissen entwickelt und erprobt das Forschungsteam kontinuierlich frei zugängliches Lehr- und Lernmaterial für junge Menschen, vom Kindergartenalter bis zur Hochschulreife. Das mit viel Liebe entwickelte Puppenspiel „Kasper und der verschwundene Wald“ ist zum Beispiel Teil der pädagogischen Einheit „Rohstoffe und Konsum“ für Kindergarten und Grundschule. Anhand des Lernspiels „Goods-loop“ erproben Schülerinnen und Schüler, wie die Nachhaltigkeit globaler Wertschöpfung und Produktion durch kluge Ressourcenverwendung steigt. Für die Sekundarstufe I wurden Unterrichtsmaterialien in deutscher und englischer Sprache zum Thema globale Wertschöpfung entwickelt. Die Lehrhandreichung umfasst Unterrichtsvorschläge, Kopiervorlagen, Übungen, Beispiellösungen und Informationen zu weiterführendem Material sowie zusätzliche Pro­jekt­vor­schläge und kann einfach den Rah­men­lehr­plä­nen der Bundesländer zugeordnet werden. Als unterhaltsamen Einstieg hat das Team einen „Psychotest“ zum Thema „Welcher Nachhaltigkeitstyp bist du?“ entwickelt, wie man ihn aus Jugendzeitschriften kennt.

Außerschulische Lernorte an der  TU Berlin

„Das Tolle an außerschulischen Lernorten ist, dass dort oft fächerübergreifend gelernt und der typische Klassenverband aufgebrochen wird“, sagt Ina Roeder. Lehrende sollten ihren Schülerinnen und Schülern unbedingt Möglichkeiten vermitteln, außerhalb der Schule in einem selbstbestimmten Kontext zu lernen. „Gerade Jugendliche, die im Unterricht nicht groß auffallen, können in eigenen Projekten zu Höchstleistungen auflaufen und entdecken während ihrer Projekte fast immer ihre Forscher- und Forscherinnenqualitäten.“

Das Projekt „Sustainable Manufacturing“ zeigt, wie wichtig ein enger Austausch zwischen universitärer Forschung, außerschulischen Lernorten, Lehrkräften sowie Schülerinnen und Schülern ist, um passgenaue Angebote entlang der Bildungskette zu entwickeln. Es ist eins von vielen erfolgreichen Schülerprojekten, -laboren und Events, die die Universität anbietet, um Kinder und Jugendliche möglichst früh an die Themen Umwelt und Nachhaltigkeit heranzuführen.

Denn: Für eine dauerhafte Wirkung sollten MINT-Angebote besonders bei Mädchen in einem frühen Alter ansetzen, danach sämtliche Altersstufen mit speziellen Curricula begleiten, gut in den Schul­unter­richt eingebunden sein sowie an Universitäten von einer zentralen Stelle koordiniert werden. Zirka 10.000 Schülerinnen und Schüler besuchen jährlich die Projekte und Veranstaltungen der TU Berlin. Die Universität richtete daher 2010 das Schulbüro ein, um alle Maßnahmen zur schulischen Nachwuchsarbeit zu koordinieren, neue Schulaktivitäten zu initiieren und das Studienangebot – insbesondere das der MINT-Fächer – noch effizienter zu adressieren.

MINT-Förderung für Mädchen

Um Mädchen und junge Frauen für Technik, Informatik und Naturwissenschaften zu begeistern, gibt es an der TU Berlin ein großes Angebot von Laboren speziell für Schülerinnen. Im Schülerinnenlabor TurbIn kommen schon Grundschülerinnen mit Hilfe von Experimenten natürlichen Phänomenen auf die Spur und werden angeregt, Technik im Alltag zu hinterfragen. Auch bei den LabGirls werden Schülerinnen an technische und naturwissenschaftliche Themen herangeführt. So werden mit Lasern dreidimensionale Fotos aufgenommen, mit Hochspannung Blitze im Labor erzeugt oder verschiedene Gegenstände mit Röntgenstrahlung auf ihre Zusammensetzung geprüft. Kreativität, Informatik und Elektrotechnik stehen im Schülerinnenlabor „GET-IT!“ (Girls, Education, Technology) im Mittelpunkt. Der Techno-Club ist ein Angebot für Schülerinnen der gymnasialen Oberstufe und bereitet zielgerichtet auf den Übergang Schule-Hochschule vor. Das Programm des Techno-Clubs ermöglicht Schülerinnen der Oberstufe, in Laboren und Versuchshallen der TU Berlin regelmäßig zu experimentieren und zu forschen, spezielle Veranstaltungen zur Studienorientierung zu besuchen und den Unicampus kennen zu lernen. Das Tolle: Schülerinnen können die Fortge­schrit­tenen-­AG außerdem als Zusatzkurs in das Abitur einbringen und erworbene Zertifikate auf ein späteres Studium an der TU Berlin anrechnen lassen.

Von der Wahl eines Schülerlabors bis zur Studienwahl

Die gezielte Ansprache von Mädchen und jungen Frauen wirkt: Bei Projekten, die beiden Geschlechtern angeboten werden, konnte der Anteil der Schülerinnen von ehemals 20 Prozent auf durchschnittlich 40 Prozent gesteigert werden. Auch der Anteil der Studentinnen konnte in einzelnen Studiengängen signifikant erhöht werden. So lag in dem Studiengang E-Technik vor Einführung des Projekts „GET-IT!“ die durchschnittliche Frauenquote bei 8 Prozent, nach Einführung des Projekts stieg diese Quote innerhalb von zwei Jahren auf 14 Prozent an. Diese Erfolge der Frauen­för­derung sollen weitergeführt werden. Daher strebt die TU Berlin an, den Anteil junger Frauen in allen Studiengängen, in denen sie unterrepräsentiert sind, in den kommenden Jahren weiterhin signifikant anzuheben.

 

Schülerinnen und Schüler untersuchen Pflanzen unter dem Mikroskop
Schülerinnen und Schüler untersuchen Pflanzen unter dem Mikroskop ©TU Berlin/PR/Ulrich Dahl

MINTgrün

Um sowohl jungen Frauen als auch Männern den Studienanfang zu erleichtern, hat die TU Berlin das Orien­tie­rungs­stu­dium MINTgrün entwickelt. In dem einjährigen Orientierungsstudium können die Studierenden Veranstaltungen sämtlicher MINT-Fächer belegen, ein Orientierungsmodul absolvieren und bei bestandenen Prüfungen anschließend an der TU Berlin ins zweite oder dritte Semester des Wunschstudiengangs wechseln. Dies ist ein weiteres Angebot der Universität, um den Übergang Schule-Hochschule zu erleichtern, mehr Schülerinnen für MINT­Studiengänge zu begeistern und letztendlich durch qualifizierte Absolventinnen und Absolventen die gesellschaftlichen und globalen Herausforderungen von morgen zu lösen.

Susanne Kunde

 

Weitere Informationen

Bildung für morgen: Alle Materialien (Puppentheater, Typentest, Lehrmaterial, Lernspiel, Foliensatz nachhaltige Produktion) werden auf dem Blog „Bildung für morgen“ als freie Bildungsressourcen angeboten und können verändert, angepasst und vervielfältigt werden.

Angebote für Schülerinnen und Schüler der TU Berlin: www.schulportal.tu-berlin.de

Bundesverband Lernort Labor e. V. (LeLa): www.lernortlabor.de

Schülerlabore Berlin und Brandenburg: www.genau-bb.de