Kooperation und Vertrauen sind der Schlüssel für ein gelingendes Miteinander. Das gilt gleichermaßen für Familien, Schulen, Unternehmen oder auch Staaten. Durch kooperatives Verhalten kann gemeinsam mehr erreicht werden als allein, und Vertrauen ist eine Basis für effiziente Zusammenarbeit. Wie aber entwickeln sich Kooperation und Vertrauen? Welche Rolle spielt dabei das Elternhaus und welche Möglichkeiten bieten gezielte Interventionen in unserem Bildungssystem zur Steigerung von Kooperation und Vertrauen?
Ein Beitrag von Jan Vedder
Der Zeitpunkt für solche Mutausbrüche ist aktuell so günstig wie nie. Schule bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen Kreidestaub und künstlicher Intelligenz, zwischen tradierten Routinen und neuen Möglichkeiten. Das Bildungssystem ist am Limit und die Bildungskrise ist überall spürbar: Während es das World Wide Web bereits seit über 30 Jahren gibt, kämpfen Schulen noch um WLAN-Anschlüsse. Inklusion ist zwar ein Menschenrecht, doch die Umsetzung in Schulen ist nach wie vor mangelhaft. Marode Schulgebäude, fast 50.000 fehlende Lehrkräfte in den nächsten zehn Jahren und die zunehmende Zahl von Schüler:innen mit Symptomen psychischer Erkrankungen stellen erhebliche Herausforderungen dar. Darauf muss Schule reagieren und sich somit dringend verändern, sonst verliert eine ganze Generation den Anschluss. Schulen sollten Orte sein, an denen Beziehungen wachsen, Mitgestaltung möglich ist und Vertrauen entsteht. Sie sollten Freiräume bieten, in denen Neugier und Kreativität Platz haben.
Veränderungsagent:innen gesucht
Ob dieser notwendige Wandel bei einer sinnvollen Integration von digitalen Medien in den Unterricht, bei projektbasiertem bzw. selbstorganisiertem Lernen oder einer Fokussierung auf individuelle Förderung und Inklusion beginnt, ist dabei gar nicht der entscheidende Punkt. Im Kern geht es um etwas Grundsätzlicheres: die Bereitschaft der Kolleg:innen, die eigene durchaus bequeme Komfortzone zu verlassen und sich auf neue, unbekannte und herausfordernde Entwicklungsprozesse einzulassen. Denn niemand weiß so genau, auf welche Zukunft wir die nächste Generation überhaupt vorbereiten sollen (El-Mafaalani 2020). Dennoch sind wir Lehrkräfte die tragenden Säulen der Transformation von Schule. Wir sind die Veränderungsagent:innen. Die Haltung von Lehrpersonen ist dabei einer der wichtigsten Faktoren für eine sichtbare, gelebte und dann auch erfolgreiche Unterrichtsentwicklung (Hattie 2017). Mutausbrüche beschreiben genau das. Sie stehen für die bewusste Entscheidung, Neues zu erproben, Fehler zuzulassen und Erfahrungen systematisch für weiteres Lernen zu nutzen. Für ein Kollegium bedeutet das auch, Entwicklungsprozesse aktiv mitzugestalten und sich als lernende Organisation zu verstehen. Der Wandel und damit „Schule mit Zukunft“ beginnt bei uns selbst. Wir müssen in dieser dynamischen Welt voller Polykrisen (von Hellfeld 2024) fortwährend selbst weiter dazulernen. Dies erfordert Veränderungskompetenz, von uns und unseren Lernenden. Doch ausgerechnet der Berufsstand der Lehrenden tut sich zu oft schwer damit, selbst Lernende zu sein (Hasel 2020). Dabei gibt es genug Beispiele für kreative und neue Wege.
Buch
Tipp
Schule zwischen KI und Kreidestaub
Jan Vedder
Schule zwischen KI und Kreidestaub. Ein Leitfaden für Lernorte mit Zukunft.
Kohlhammer, 240 S., 24 Euro, 2026
Ohne Haltung keine Innovation
Bevor es also um neue Lernformate oder strukturelle Veränderungen geht, steht Haltung im Fokus: „Zunächst braucht es den Willen zur Veränderung – die Lust, etwas Neues zu wagen; und die Offenheit, andere Wege zu sehen“, beschreibt Stefan Ruppaner (2025), ehemaliger Schulleiter der Alemannenschule in Wutöschingen diese Grundvoraussetzung. Haltungen bestimmen, ob und wie Innovationen angenommen werden. Das zeigt sich aktuell etwa am Beispiel Digitalisierung und künstlicher Intelligenz: Werden sie als Bedrohung gesehen, werden sie kaum genutzt. Werden sie als Chance begriffen, entstehen neue Möglichkeiten. Neben einer klaren Überzeugung von der Notwendigkeit schulischer Transformation braucht es auch auf Leitungsebene die Bereitschaft, neue Wege zu ermöglichen und partizipative Entwicklungsprozesse zu fördern. Schulentwicklung wird so zu einem gemeinsamen Aushandlungs- und Gestaltungsprozess. Die Wirkung solcher Mutausbrüche reicht dann bestenfalls sogar über die einzelne Schule hinaus. Mutausbrüche können innerhalb des Kollegiums Orientierung und Motivation schaffen, zugleich aber auch Impulse für andere Schulen setzen und Innovationsprozesse im Bildungssystem insgesamt anregen. Das erfordert dann zu guter Letzt auch einen breiten gesellschaftlichen und ehrlichen Diskurs über Bildung (Blume 2024), Bildungsinhalte und unser Lernverständnis zwischen KI und Kreidestaub.
Neue Lernkultur
Um den Wandel aktiv zu gestalten, braucht es vor allem einen konsequenten Fokus auf das Lernen als aktiven Prozess. Schule aus der Perspektive der Lernenden zu entwickeln, erfordert eine echte Lernkultur.
Die drei Bausteine sind miteinander verbunden und spannen einen roten Faden zu den Ansätzen der Reformpädagogik und der Realisierung eines digital-inklusiven Unterrichts, der den Anforderungen und Herausforderungen einer KI-dominierten Welt standhält. Sie sind integraler Bestandteil einer ganzheitlichen Bildung und Grundlage für neue Lernformate und Unterrichtskonzepte. Eine neue Lernkultur entsteht jedoch nicht ausschließlich über Strukturen, sondern durch die Haltungen und Werte im Kollegium. Veränderungen wie neue Stundenpläne oder alternative Lernformate wirken nur begrenzt, wenn die Überzeugungen der Lehrkräfte nicht mitgehen. Das „Warum“ (Sinek 2022) ist entscheidend und muss im Kollegium ausgehandelt werden.
Mutausbrüche brauchen Beispiele
Wir haben die Oberschule Berenbostel über viele Jahre Schritt für Schritt weiterentwickelt. Dabei ging es immer darum, Lernen zukunftsfähig zu gestalten und Lernformate zwischen analog und digital sinnvoll zu verbinden. Wir haben Lernprozesse bewusst geöffnet und durch eine 1:1-Ausstattung mit digitalen Endgeräten früh neue didaktische Wege erprobt. Technologie war dabei nie Selbstzweck, sondern Mittel zur Erweiterung von Lernmöglichkeiten: individuell, kollaborativ und eigenverantwortlich. Wir haben bestehende Rollenbilder weiterentwickelt und uns mit dem Lehren und Lernen in einer komplexen und dynamischen Lernumgebung auseinandergesetzt. Wir fördern individualisierte Lernprozesse und vertrauen der Selbststeuerung der Lernenden – ganz im Sinne einer neuen Lernkultur.
Deutscher Schulpreis 2026
Die Oberschule Berenbostel wurde für den umfassenden Transformationsprozess und ihr innovatives Lernkonzept im September 2026 mit dem Deutschen Schulpreis in Höhe von 30.000 Euro ausgezeichnet. Insgesamt konkurrierten 15 Schulen im Finale um die von der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof Stiftung vergebenen Auszeichnungen.
Zudem haben wir unsere Unterrichtsstrukturen grundlegend hinterfragt und mit dem Konzept des themenorientierten Lernens (THEO) fachliche Grenzen aufgelöst, um vernetztes Denken zu ermöglichen. Diese Entwicklungen waren nicht ohne Herausforderungen. Viele Schritte waren mutig, nicht alle Ansätze funktionierten sofort. Wichtig war, diese Erfahrungen nicht als Rückschläge, sondern als Teil eines kontinuierlichen Prozesses zu sehen. Veränderung entsteht im Dialog, nicht durch Anordnung. Beteiligung, Transparenz und die Einbeziehung unterschiedlicher Perspektiven haben unsere Schulentwicklung geprägt. Die Nominierung für den Deutschen Schulpreis im März 2026 sehen wir als Bestätigung, unseren mutigen Weg fortzusetzen und andere für einen Mutausbruch zu inspirieren.
Quellen
- Blume, B. (2024): Warum noch lernen? Wie Schule in Zeiten von KI, Krisen und sozialer Ungerechtigkeit aussehen muss.
- El-Mafaalani, A. (2020): Mythos Bildung. Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft. Kiepenheuer & Witsch.
- Hasel, V. F. (2019): Der tanzende Direktor. Kein & Aber.
- Hattie, J. (2017): Lernen sichtbar machen: Überarbeitete deutschsprachige Ausgabe von »Visible Learning«. Übersetzt von Beywl, W. & Zierer, K. Schneider Verlag Hohengehren.
- Hellfeld, M. von (2024): Die Welt im Krisenmodus. Demokratien zwischen Reformstau und Polykrise. Stuttgart: Kohlhammer.
- Ruppaner, S. (2025): Schulen Freiräume geben und ihnen Mut machen. Onlineportal für die Schulaufsicht.
- Sinek, S. (2022): Frag immer erst: Warum. Wie Führungskräfte zum Erfolg inspirieren. Redline.
Jan Vedder
Jan Vedder ist Lehrer, Schulentwickler, Autor und Experte für eine zukunftsfähige Schule. Als Keynote-Speaker und Referent inspiriert er schon seit mehr als zehn Jahren Schulen, Unterricht neu zu denken und fit für die Zukunft zu machen.
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