Statistisch betrachtet sitzt in jedem Klassenraum mindestens ein Kind mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), denn sie gehört zu den am häufigsten diagnostizierten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter. Somit ist es wichtig, dass die Schule für diese Schüler:innen eine lernförderliche Umgebung ist. Zudem gilt: Alles, was Kindern und Jugendlichen mit ADHS hilft, in der Schule und im Unterricht besser zurechtzukommen, hilft auch Kindern und Jugendlichen ohne ADHS.
Ein Beitrag von Prof. Dr. Caterina Gawrilow, Professorin für Schulpsychologie, Universität Tübingen
Egal ob bewegte Pause, eine gute Strukturierung des Unterrichts oder die Sequenzierung von Arbeitsaufträgen in kleinere Arbeitsschritte, Schüler:innen mit oder ohne ADHS oder anderen Lern- und Leistungsstörungen können davon profitieren, und als Lehrkraft kann man nichts falsch machen, wenn der eigene Unterricht ADHS-typisches Verhalten mitdenkt. Was aber sollten Lehrkräfte unbedingt über ADHS wissen? Hier die wichtigsten sieben Punkte.
1. ADHS gab es schon immer und es ist keine Erfindung
Sicherlich lässt es sich mit den Kernsymptomen der ADHS – Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität – bei ausgedehnten Wanderungen, am Strand oder beim Rugbytraining besser aushalten als auf einer Schulbank. Dennoch sollten wir lernen, die Kompetenzen und Fähigkeiten, die Kinder mit diesen Symptomen in unseren schulischen Alltag bringen, zu schätzen. Vollständig geklärt ist die Frage, ob Menschen mit ADHS gar kreativer sind als Menschen ohne ADHS, noch nicht. Aber eines wissen wir: Thinking outside of the box kann durch ADHS-Symptome erleichtert werden. Ein Text schreibt sich also unter Umständen besonders gut an einem Tag, an dem ich impulsiver unterwegs bin und meinen Gedanken freien Lauf lassen kann. Und in den Momenten, in denen meine Gedanken nur so fliegen (Stichwort: Mind-wandering), habe ich das Aha-Erlebnis, auf das ich schon lange gewartet habe.
2. ADHS-Symptome sind kontinuierlich und schwanken
Seit einiger Zeit haben sich Wissenschaftler:innen darauf einigen können, dass ADHS keine diskrete Störung ist, es sich also nicht sagen lässt, dass ADHS entweder vorhanden ist oder nicht. In der Forschung sprechen wir von einer dimensionalen Diagnose, das heißt, Personen haben unterschiedlich starke Auffälligkeiten im Bereich Aufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität. Dies schlägt sich unter anderem darin nieder, dass wir alle in manchen Situationen unaufmerksam, besonders impulsiv oder zappelig sind. Aber nur, wenn in bestimmten Messinstrumenten Auffälligkeiten gefunden werden, wird die Diagnose gestellt. Für den Schulkontext ist hierbei relevant, dass auch Kinder, die in einer den Goldstandards entsprechenden Diagnostik keine ADHS-Diagnose erhalten, unter Umständen Schwierigkeiten in der Schule haben, und zwar aufgrund ihrer Symptome der Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität.
3. Eine ADHS-Diagnostik ist ein aufwendiger Prozess
Dies bedeutet: Seien Sie skeptisch, wenn berichtet wird, dass der Kinderarzt in einem Termin die Diagnose festgemacht hat. Zu einer ADHS-Diagnose gehört eine ausführliche Anamnese, also ein Gespräch klinisch erfahrener Expert:innen mit den Eltern, standardisierte und normierte Fragebögen (in der Regel auch für die Lehrkräfte), objektive Testungen und noch einige medizinische Untersuchungen mehr. Im Rahmen einer solchen Diagnostik kann die erfahrene Fachperson auch feststellen, ob etwa ein ADS vorliegt, also eine rein unaufmerksame ADHS, ob alle drei Symptome gleichermaßen vorhanden sind oder vielleicht die Impulsivität-Hyperaktivität im Fokus ist.
4. Symptombild ändert sich über die Lebensspanne
Die Kernsymptome der ADHS sehen bei Kindern im Grundschulalter zum Teil ganz anders aus, als sich eine ADHS im Jugendalter präsentiert. Während jüngere Schüler:innen impulsiv in die Klasse hineinrufen und den Unterricht stören, kann sich die Impulsivität im Jugendalter durch Wutausbrüche zeigen. Im Übrigen bedeutet dies, dass Lehrkräfte in weiterführenden Schulen auch für den Umgang mit und das Unterrichten für Schüler:innen mit ADHS gewappnet sein sollten.
5. Auch Mädchen können von ADHS betroffen sein
Zugegebenermaßen schwächelt die Forschung – wie leider in fast allen Bereichen der frauenspezifischen medizinischen und psychologischen Forschung – noch und somit ist wenig bekannt über geschlechts- und genderspezifische Prozesse. Zentral ist: Mädchen mit ADHS können ihre Symptome oft kaschieren, was eine zuverlässige Entdeckung und Diagnostik erschwert und hinauszögert.
6. Kinder und Jugendliche mit ADHS sind genauso intelligent wie jene ohne ADHS
Intelligenz ist normalverteilt, auch bei Kindern und Jugendlichen mit ADHS. Das heißt, Kinder und Jugendliche mit ADHS sind weder besonders minder- noch besonders hochbegabt, eben ganz genau wie Kinder und Jugendliche ohne ADHS. Was sich etwas kompliziert gestaltet, ist der Zusammenhang von Aufmerksamkeit und AHDS: Einerseits zeigen Schüler:innen mit ADHS aufgrund der mangelnden Daueraufmerksamkeit per se schlechtere Leistungen in Intelligenztestaufgaben im Vergleich mit Schüler:innen ohne ADHS. Andererseits enthalten viele Intelligenztests zudem Aufgaben, die unglaublich viel Aufmerksamkeit benötigen, die bei Personen mit ADHS oft beeinträchtigt ist. In der Schule erwarten wir Kinder mit ADHS in allen Schulformen, auch am Gymnasium!
Buch
Tipp
Lehrbuch ADHS
Prof. Dr. Caterina Gawrilow
Lehrbuch ADHS: Modelle, Ursachen, Diagnose, Therapie.
UTB, 194 S., 33 Euro, 2025
7. Körperliche Aktivität und Selbstregulationsstrategien helfen
Es gibt keine Studien, die ich selbst als Principal Investigator angeleitet habe, mit stärkeren Effekten als diese: (a) Sport und körperliche Aktivität haben einen unschlagbar positiven Einfluss auf die Stimmung und zum Teil auch auf kognitive Funktionen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Und (b) Selbstregulationsstrategien helfen vor allem Kindern mit Schwierigkeiten der Selbstregulation, also zum Beispiel Kindern mit ADHS. Besonders effektiv sind dabei nicht die gängigen Zielintentionen, sondern ganz konkrete Wenn-dann-Pläne. Das bedeutet, statt „Ich möchte aufmerksamer im Unterricht sein“ sollten Schüler:innen formulieren: „Und immer wenn mich Mitschülerin X ablenkt, dann sage ich ‚Stopp – bitte lass uns später sprechen.‘“
Zum Schluss
Einen letzten Punkt möchte ich gerne noch mitgeben, denn dieser ist nicht nur, aber vor allem im ADHS-Bereich wichtig: Bitte keine Informationen aus den sozialen Medien fischen, sondern lieber zuverlässige Quellen recherchieren, von denen es hoffentlich bald immer mehr geben wird.
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