Kooperation und Vertrauen sind der Schlüssel für ein gelingendes Miteinander. Das gilt gleichermaßen für Familien, Schulen, Unternehmen oder auch Staaten. Durch kooperatives Verhalten kann gemeinsam mehr erreicht werden als allein, und Vertrauen ist eine Basis für effiziente Zusammenarbeit. Wie aber entwickeln sich Kooperation und Vertrauen? Welche Rolle spielt dabei das Elternhaus und welche Möglichkeiten bieten gezielte Interventionen in unserem Bildungssystem zur Steigerung von Kooperation und Vertrauen?
Ein Beitrag von Prof. Dr. Matthias Sutter
Mit 328 Kindergartenkindern aus Südtirol habe ich vor einigen Jahren mit Anna Untertrifaller die Kooperationsbereitschaft von Kindern im Alter von vier bis fünf Jahren untersucht. Dabei interessierte uns vor allem, welche Rolle der familiäre Hintergrund für die Kooperationsbereitschaft der Kinder spielt. In unserem Kooperationsspiel konnten die Kinder entweder eine Murmel für sich behalten oder sie an ein anderes Kind abgeben. Im letzteren Fall erhielt das andere Kind dann zwei Murmeln. Wenn beide Kinder ihre Murmel abgaben, hatten beide am Schluss also jeweils zwei Murmeln zum Spielen. Dagegen blieb es bei einer Murmel pro Kind, wenn beide ihre Murmel nicht abgaben. Dann gab es noch den Fall, dass ein Kind seine Murmel abgab, aber nichts zurück bekam, weil das zweite Kind seine Murmel behielt. Das zweite Kind hatte dann drei Murmeln und das erste keine. Aus individueller Sicht war also Eigennutz (das Behalten der Murmel) attraktiv, aber aus kollektiver Sicht führte Kooperation (das Abgeben der Murmel) dazu, dass beide Kinder in Summe vier Murmeln hatten.
Dieses quantenmechanische Sowohl-als-auch widerspricht zutiefst dem klassischen Entweder-oder unserer Alltagswelt. Tatsächlich kritisierte Schrödinger damit die Quantentheorie, obschon er sie 1926 mitbegründet hatte und dafür 1933 den Physik-Nobelpreis erhielt.
Bildungsniveau der Eltern spielt bei Kooperation eine Rolle
Zuerst einmal beobachteten wir, dass ungefähr ein Viertel der Kinder in diesem Spiel kooperierten, also ihre Murmel abgaben. Dann fanden wir heraus, dass Kinder von Eltern mit höherem Bildungsniveau häufiger kooperierten als Kinder von Eltern mit niedrigerem Bildungsniveau. Darüber hinaus zeigte sich eine positive Beziehung zwischen dem Verhalten der Eltern und dem Verhalten ihrer Kinder. Eltern, die selbst in einem Kooperationsspiel kooperativ handelten, hatten häufiger Kinder, die ebenfalls kooperierten. Dies weist darauf hin, dass soziale Präferenzen innerhalb der Familie weitergegeben werden, etwa durch Vorbilder, Erziehung oder gemeinsame soziale Normen.
Kooperationsbereitschaft steigt mit dem Alter
Weitere Studien legen nahe, dass das Kooperationsniveau im Kindes- und Jugendalter leicht ansteigt und dass diese Tendenz auch im Erwachsenenalter anhält. Das ist ein wichtiger Befund, weil er zeigt, dass mit zunehmendem Alter der Wert von Kooperation eher erkannt wird und damit ein effizienterer Umgang miteinander möglich wird.
Vertrauensbereitschaft zeigt ähnliches Muster
Gemeinsam mit Martin Kocher, dem aktuellen Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank, entdeckte ich ein sehr ähnliches Muster in der Entwicklung von Vertrauen. In unserer Studie ließen wir über 600 Personen im Alter von 8 bis 88 Jahren an einem sogenannten Vertrauensspiel teilnehmen. In diesem Spiel entscheidet zunächst eine Person („Sender“), wie viel Geld sie einer anderen Person („Empfänger“) anvertraut. Dieser Betrag wird vervielfacht. Anschließend entscheidet der Empfänger, welchen Anteil er an den Sender zurückgibt. Der Betrag des Empfängers wird aber nicht mehr vervielfacht.
Der Betrag, den der Sender an den Empfänger schickt, wird in der Literatur als Maß für Vertrauen bezeichnet. Vertrauen wird häufig als ein Akt definiert, mit dem man sich (bis zu einem gewissen Grad) von den Handlungen einer anderen Person abhängig macht. Der Sender weiß im Vertrauensspiel nicht, wie viel der Empfänger zurückgeben wird. Sollte der Sender also dem Empfänger überhaupt nicht vertrauen, sollte er gar nichts an den Empfänger abgeben. Was der Empfänger zurückgibt, wird als Maß für die Vertrauenswürdigkeit interpretiert. Mit anderen Worten: Wenn ein Empfänger das Vertrauen des Senders nicht ausnutzt, sondern viel zurückgibt, gilt das als hohes Maß an Vertrauenswürdigkeit.
Vertrauensbereitschaft steigt mit dem Alter
Entgegen der häufig geäußerten Vermutung, dass Kinder vertrauensvoller als Erwachsene wären, fanden wir heraus, dass das Vertrauen im Vertrauensspiel mit zunehmendem Alter eindeutig ansteigt. Kinder zeigten das geringste Vertrauen, während Jugendliche und Erwachsene deutlich höhere Beträge sendeten. Dasselbe Muster zeigte sich auch bei der Vertrauenswürdigkeit: Ältere Teilnehmer gaben in der Rolle des Empfängers im Durchschnitt einen größeren Anteil des erhaltenen Geldes zurück als jüngere Teilnehmende.
Mentoringprogramm zum Vertrauen
Da Vertrauen und kooperatives Verhalten nicht nur für soziale Beziehungen im Alltag wichtig sind, sondern auch mit dem späteren beruflichen Erfolg und den Aufstiegschancen zusammenhängen, untersuchten Fabian Kosse und sein Team Möglichkeiten, solche frühen Nachteile auszugleichen. Dabei analysierten sie die Wirkung eines bereits bestehenden Mentoringprogramms namens „Balu und du“. In diesem Programm übernehmen ehrenamtliche Mentoren – meist Studierende – für ein Jahr eine Patenschaft für ein Grundschulkind. Sie treffen sich mindestens einmal pro Woche und verbringen gemeinsam Zeit, etwa bei Ausflügen, Gesprächen oder sportlichen Aktivitäten.
Interventionen können Startnachteile ausgleichen
An der Untersuchung nahmen etwas mehr als 700 Kinder teil, von denen fast 600 aus sozial benachteiligten Familien stammten. Von diesen wurden knapp über 200 Kinder zufällig ausgewählt und in das Mentoringprogramm aufgenommen. Vor Beginn des Programms zeigten sich bei ihnen niedrigere Werte bei Vertrauen, Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft. Nach Abschluss des Programms zeigte sich jedoch ein deutlicher Effekt: Das Vertrauen der teilnehmenden Kinder war auf das Niveau von Kindern aus sozial bessergestellten Familien angestiegen. Kinder mit niedrigem sozioökonomischem Status, die nicht am Programm teilnahmen, holten diesen Rückstand dagegen nicht auf. Somit konnte das Mentoringprogramm die anfänglichen Unterschiede weitgehend ausgleichen, was Grund zur Hoffnung gibt, dass bildungspolitische Interventionen Startnachteile mancher Kinder wettmachen können.
Buch
Tipp
Gemeinsam stark
Matthias Sutter und Martin Kocher
Gemeinsam stark. Kooperation und Vertrauen: Der Schlüssel zum Erfolg in Wirtschaft, Politik und Arbeitsleben.
ecoWing, 240 S., 26 Euro, 2026
Headerbild | © Giorgiykhosroshvili/Magnific
Prof. Dr. Matthias Sutter
ist Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik in Bonn und Professor für Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Köln und Innsbruck. Er ist Mitglied in der Nationalen Akademie der Wissenschaften „Leopoldina“ und Bestsellerautor (Die Entdeckung der Geduld und Der menschliche Faktor).












