Die Seltsamkeiten des Mikrokosmos reichen immer weiter: Jetzt wurden Metallkügelchen über einen Abstand vom Zehnfachen ihres Durchmessers „verschmiert“.
Ein Beitrag von Rüdiger Vaas
Um zu illustrieren, wie bizarr die Konsequenzen der Quantentheorie sind, hat der Physiker Erwin Schrödinger 1935 ein berühmt gewordenes Gedankenexperiment vorgeschlagen. Demnach müsste eine Katze, die in einer Kiste einem tödlichen Quanteneffekt ausgesetzt wird, in einen gespenstischen Überlagerungszustand geraten: in eine Superposition von noch lebendig oder schon tot – jedenfalls so lange, bis die Kiste geöffnet wird, um nachzusehen, was geschah.
Dieses quantenmechanische Sowohl-als-auch widerspricht zutiefst dem klassischen Entweder-oder unserer Alltagswelt. Tatsächlich kritisierte Schrödinger damit die Quantentheorie, obschon er sie 1926 mitbegründet hatte und dafür 1933 den Physik-Nobelpreis erhielt.
Nicht auf den Mikrokosmos beschränkt
Inzwischen sind solche sich scheinbar ausschließenden „Katzenzustände“ experimentell vielfach nachgewiesen – wenn auch nicht bei Katzen. Doch mithilfe von Interferometern, sogar bei den im Schulunterricht gebräuchlichen Doppelspalt-Versuchen, lassen sich Wellen wie Teilchen überlagern, das heißt zur Interferenz oder Superposition bringen. Sie sind dann gewissermaßen delokalisiert, also räumlich verschmiert, wenn sie im Interferometer selbst nicht gemessen werden. Das erscheint nicht weniger bizarr als eine Katze, die zugleich lebendig und tot ist, denn eigentlich sollte ein Körper nicht zugleich hier und dort sein.
Doch dies kann tatsächlich der Fall sein, und zwar in einem beträchtlichen Ausmaß. Das hat nun ein Team um Markus Arndt, Stefan Gerlich und Sebastian Pedalino an der Universität Wien demonstriert. Mit ihrem raffinierten Experiment stellten die Physiker zugleich einen neuen Rekord auf: Sie zeigten, dass sich sogar massereiche Metallklümpchen aus Tausenden von Atomen interferieren und über beträchtliche Distanzen delokalisieren lassen – im Einklang mit den Vorhersagen der Quantentheorie.
Die neuen Messungen sind noch eindrucksvoller als frühere Experimente. In diesen wurden einzelne Atome bis auf 50 Zentimeter Distanz delokalisiert oder fast eine Viertelstunde lang; auch ließ sich bereits ein 0,016 Gramm schwerer Resonator zur Superposition bringen. Solche Zahlen belegen, dass Quanteneffekte keineswegs winzig sein müssen und beschränkt sind auf den Mikrokosmos, der unseren Sinnen verborgen ist. Sie können unter geeigneten Bedingungen makroskopisch werden.
Das wurde erstmals in den 1980er-Jahren mithilfe von supraleitenden elektrischen Schaltkreisen und extrem empfindlichen Magnetfeldsensoren nachgewiesen – gewissermaßen Quantensysteme, die man in die Hand nehmen konnte. Dafür erhielten John Clarke, Michel H. Devoret und John M. Martinis von der University of California in Berkeley und Santa Barbara 2025 den Physik-Nobelpreis.
Ein Experiment lässt seine Muskeln spielen
An der Universität Wien verfolgten Arndt und seine Kollegen eine Strategie, mit der schon vor einem Jahrhundert die Quantenmechanik etabliert wurde: Interferenz-Experimente. Was damals unvorstellbar war, ist heute Realität: die Superposition massereicher Nanopartikel.
Diese Kügelchen bestehen aus 5.000 bis 10.000 Natrium-Atomen, sind etwa acht Nanometer groß und haben eine Masse von bis zu 197.000 Dalton (atomare Masseneinheiten). Diese ist höher als die von Immunoglobulin G (rund 150.000 Dalton), der häufigsten Art von Antikörpern im menschlichen Blut. Auch der Durchmesser der Nanopartikel liegt in der Größenordnung großer Proteine – sowie moderner Transistoren.
Um die Nanopartikel zur Quanteninterferenz zu bringen, baute das Team in Wien das Multi-Scale Cluster Interference Experiment (MUSCLE) auf. Es steht auf einem tonnenschweren Tisch, der auf einem Luftkissen schwebt. Das minimiert störende Schwingungen. Und durch Pendel, elastische und magnetische Dämpfung wird die Lage des Experiments auf rund ein Millionstel eines Millimeters stabil gehalten.
Die Natrium-Nanopartikel wurden in einem Hochvakuum (1 Billionstel des normalen Luftdrucks) erzeugt, damit sie nicht mit Molekülen der Luft zusammenstießen. Und das geschah tiefgekühlt, bei einer Temperatur von minus 196 Grad Celsius, damit sie nicht durch Strahlung ihre Position verrieten oder sich durch ihre innere Wärme quasi schon genau lokalisierten.
Die Natrium-Kügelchen bewegten sich mit etwa 160 Meter pro Sekunde in das Interferometer. Dieses war kein klassischer Doppelspalt, sondern wurde durch drei Beugungsgitter aus Ultraviolett-Laserstrahlen erzeugt. Dort begann der eigentliche Quantenspuk.
Im ersten Strahl wurde der Ort jedes Partikels zunächst mit einer Periode von einem Zehntausendstel Millimeter auf rund zehn Nanometer genau festgelegt und in eine Überlagerung von Pfaden gebracht, die das Teilchen durch die Apparatur nehmen konnte, ohne dabei gemessen zu werden. Falls diese Möglichkeiten sich überlagerten, war auf dem Detektor am Ende der Apparatur tatsächlich ein metallisches Streifenmuster messbar – ein deutliches Interferenzmuster in guter Übereinstimmung mit den Vorhersagen der Quantentheorie. Daraus folgt, dass der Ort der Partikel im unbeobachteten Flug nicht festgelegt war.
Hier und dort – aber gleichzeitig!
Die Nanopartikel konnten in einer Hundertstelsekunde auf über 133 Nanometer delokalisiert werden. Das ist mehr als das Zehnfache ihrer Größe.
„Intuitiv würde man erwarten, dass sich ein so großer Metallklumpen wie ein klassisches Teilchen verhält. Dass er trotzdem noch interferiert, zeigt, dass die Quantenmechanik auch auf dieser Größenskala gültig ist“, sagt Sebastian Pedalino. Er promoviert in Wien und ist Erstautor der neuen Studie.
Dieser quantenmechanische „Katzenzustand“ mag nicht so drastisch anmuten wie lebendig versus tot, aber er klingt für die klassische Alltagsvorstellung gleichermaßen verrückt. Denn er entspricht einem hier versus nicht hier. Auf unsere vertraute Umgebung vergrößert lässt sich das mit ein- und demselben (!) Fußball vergleichen, der sowohl einen Meter links vom Spielfeld-Mittelpunkt liegt als auch zugleich (!) einen Meter rechts davon – oder irgendwo dazwischen.
Das Ausmaß dieser experimentell erzeugten und gemessenen Superposition ist ein neuer Rekord für die Quantenphysik. Er übertrifft ähnliche Versuche um das Zehnfache.
Klaus Hornberger von der Universität Duisburg-Essen, der sich Arndts Team anschloss und früher auch bei diesem an der Universität Wien geforscht hatte, definierte für diese Quanteneigenschaften schon 2013 ein Maß: die Makroskopizität μ. Sie betrug bei den Nanopartikeln 15,5 – ein nie zuvor erreichter Wert. Übertragen auf ein einzelnes Elektron entspricht das einer Delokalisierung, die 100 Millionen Jahre währt.
Diese Angaben klingen sehr abstrakt – und sie sind es auch. Aber sie zeigen doch, dass das neue Experiment Ehrfurcht gebietende Maßstäbe setzt. Und das hat ganz konkrete Konsequenzen.
Neue Theorien …
Ein Aspekt ist theoretischer Natur: Gibt es eine Grenze zwischen der unscharfen, interferierenden Quantenwelt und unserer eindeutigen Alltagswelt? Und wenn nicht, warum erscheint Letztere dann ganz „normal“? Oder muss die Quantentheorie geringfügig modifiziert werden?
Solche alternativen Theorien stehen bereit. Und sie lassen sich überprüfen. Tatsächlich sind Messungen – die neue von Arndts Team eingeschlossen – inzwischen so genau, dass manche Modelle bereits in Bedrängnis geraten oder sogar widerlegt wurden.
Die Physiker sind zuversichtlich. In den nächsten Jahren wollen sie noch massereichere Objekte sowie andere Materialien untersuchen. Das wird noch präzisere Tests der Quantentheorie ermöglichen. Mit einer verbesserten Infrastruktur und einer neuen Apparatur hofft das Team, den eigenen Rekord gleich um mehrere Größenordnungen übertreffen zu können.
… und Anwendungen
Eine andere Konsequenz des neuen Experiments weist in die Praxis: Die verrückten Quanteneffekte lassen sich nämlich für hochpräzise Messungen nutzen. So könnten künftig magnetische, elektrische oder optische Eigenschaften isolierter Nanopartikel bestimmt werden – eine nützliche Ergänzung zu den etablierten Methoden der Nanotechnologie.
Andere Quantensensoren gibt es bereits, etwa für die Ermittlung schwacher Magnetfelder. Auch das Interferometer an der Universität Wien wäre – in geeigneter, heute allerdings noch nicht praktikabler Form – als extrem empfindliches Messgerät einsetzbar.
Schon jetzt könnte es als Kraftsensor fungieren, der in der Lage wäre, winzige Effekte in der Größenordnung von 10-26 Newton nachzuweisen – und künftig noch deutlich schwächere. (Ein Newton ist die Größe der Kraft, die aufgebracht werden muss, um die Geschwindigkeit eines Körpers mit einem Kilogramm Masse, der sich geradlinig bewegt, innerhalb einer Sekunde um einen Meter pro Sekunde zu ändern.) Zum Vergleich: 10-26 Newton ist rund zehn Milliarden Milliarden Mal weniger als die kleine Kraft, die nötig ist, um einen einzelnen Bartstoppel auf der Erde einen Meter zu heben.
Buch
Tipp
Jenseits von Einsteins Universum
Rüdiger Vaas: Der intelligente Kosmos. Außerirdische Zivilisationen und die Zukunft der Menschheit.
Hirzel, 320 S., 26 Euro, 2026
Headerbild | © Markus Arndt/OpenAI
Rüdiger Vaas
ist Publizist, Dozent sowie Astronomie- und Physik-Redakteur beim Monatsmagazin bild der wissenschaft und Autor von 16 Büchern, unter anderem Jenseits von Einsteins Universum: Von der Relativitätstheorie zur Quantengravitation (Nikol 2025).












