„Vibe Coding“ ist eine Praxis in der Softwareentwicklung, bei der Programme fast ausschließlich über die Eingabe von Befehlen oder Prompts entstehen. Der Trend verändert grundlegend den Weg, über den Software entsteht, wirft aber auch wichtige Fragen auf.
Ein Beitrag von Thorsten Leimbach
Beim Vibe Coding formuliert der Mensch nur noch die Idee und die KI schreibt den Code für die Software. Als zukunftsweisende Praxis ist Vibe Coding auch ein hochrelevantes Thema für die Bildung, nicht nur, weil klassische Programmierung sukzessive abgelöst wird, sondern auch, weil KI-gestützte Softwareentwicklung schon heute Teil der realen Arbeitswelt ist. Doch derzeit gibt es viele offene Fragen: Wie verändert Vibe Coding Ausbildung und Unterricht? Welche Funktionen dürfen Schüler:innen nutzen und was bleibt unverzichtbares Fundament? Und welche Chancen und Risiken sind mit der Nutzung verbunden?
Schulen stehen vor der Herausforderung, Lernende in der kompetenten, kritischen und kreativen Nutzung dieser Systeme zu befähigen. Wer lediglich traditionelle Programmierung vermittelt, bereitet den Nachwuchs nur auf einen Teil der digitalen Wirklichkeit vor. Wer umgekehrt ohne informatische Grundlagen die reine Nutzung von KI-Werkzeugen lehrt, läuft ebenfalls Gefahr, nur einen Teil des relevanten Wissens zu vermitteln. Fehler und Stolpersteine sind wortwörtlich vorprogrammiert. Zukunftsfähige Informatikbildung braucht also beides: Verständnis für Algorithmen und die Fähigkeit, mit KI produktiv zusammenzuarbeiten.
Große Sprachmodelle als neue Entwicklungswerkzeuge
Der Begriff für die Praxis des Vibe Coding stammt vom KI-Forscher Andrej Karpathy. Ob für Webanwendungen, mobile Apps oder interne Software-Tools: Anforderungen an Programme werden nicht mehr klassisch programmiert, sondern in natürlicher Sprache beschrieben. Das ist kein Zukunftsszenario, so sieht der Arbeitsalltag vieler Softwareentwickler:innen mittlerweile aus.
Diese Entwicklung revolutioniert die Branche: Bisher setzte das Programmieren jahrelanges Lernen voraus – Syntax, Datenstrukturen, Entwurfsmuster, Methoden, Tools. Diese Hürden verändern sich jetzt grundlegend. Wer eine Anforderung zur Lösung eines Problems klar formulieren kann, kann heute im Handumdrehen lauffähige Software entwickeln. Die Werkzeuge dahinter sind sogenannte Large Language Models (LLMs); zu den bekanntesten Modellen gehören Claude, GPT-4o, Mistral oder Gemini. Die LLMs werden eingebettet in Entwicklungsumgebungen wie Cursor, Antigravity, Lovable oder Bolt.new. Was früher Wochen dauerte, kann jetzt bisweilen in Stunden oder gar Minuten erledigt werden.
RoboQuest – eine 3D-Welt entsteht im Gespräch
Ein weiteres Beispiel für die Möglichkeiten des Vibe Coding stammt aus der „Promptingfeder“ des Verfassers dieses Beitrags und heißt „RoboQuest“. Dabei handelt es sich um eine browserbasierte Lernumgebung mit Spielcharakter – vollständig über die Methode des Vibe Coding entwickelt. Im Mittelpunkt von RoboQuest steht ein Roboter, den Nutzer:innen über eine grafische Blockprogrammierung durch eine dreidimensionale Waldlandschaft steuern können, ähnlich wie bei der visuellen Programmiersprache Scratch. Der Roboter verfügt über Sensoren, kann sich bewegen und Aufgaben lösen.
Technisch kombiniert das System 3D-Darstellung im Browser, eine einfache Physik-Simulation und eine visuelle Programmierumgebung. Die zugrunde liegende Codebasis umfasst mehrere Tausend Zeilen JavaScript – entstanden nicht durch monatelange Entwicklungsarbeit, sondern durch einen iterativen Dialog mit einem KI-Modell.
Strukturiertes Denken, präzise Kommunikation
Die zentrale Erfahrung aus diesem Projekt: Das Entscheidende war nicht die technische Umsetzung, sondern die Präzision der Beschreibung, das Prompting also. Nur wenn Anforderungen klar formuliert wurden, konnte die KI passende Lösungen erzeugen. Vibe Coding erweist sich damit weniger als vollständig automatisiertes Programmieren, sondern vielmehr als Werkzeug für strukturiertes Denken und präzise Kommunikation.
Hier liegt ein entscheidender Unterschied, der im Unterricht nicht übersehen werden darf: Vibe Coding ist nicht gleich Softwareentwicklung. Softwareentwicklung bedeutet Anforderungsanalyse, Systemdenken, Qualitätssicherung und Wartbarkeit über längere Zeiträume. KI kann diese Prozesse unterstützen, aber nicht ersetzen. Der Vergleich mit dem Taschenrechner liegt nahe: Er nimmt einem das Rechnen ab, aber nicht das Verständnis dafür, welche Rechnung überhaupt sinnvoll ist.
Hier geht’s zu RoboQuest
RoboQuest ist ein Proof of Concept für einen browserbasierten 3D-Roboter-Simulator. Das Projekt ist Open Source und steht unter der CC-BY-NC-4.0-Lizenz.
Hier kann das Spiel live im Browser getestet werden:
Prinzipien für erfolgreiches Vibe Coding
Aus der Arbeit an RoboQuest haben sich eine Reihe von Prinzipien herauskristallisiert, die sich in der Praxis als hilfreich erwiesen haben:
- Vom Großen zum Kleinen (Modularität): Komplexe Probleme müssen in kleine, logisch getrennte Bausteine zerlegt werden. Erst die klare Struktur ermöglicht es der KI, präzise Lösungen zu liefern, statt im „Kontext-Nebel“ zu halluzinieren.
- Validierung durch Definition (Test-First): Ein guter „Vibe“ allein reicht nicht. Bevor die KI generiert, muss das Ziel (z. B. durch Unit-Tests) objektiv definiert sein. Das lehrt Lernende, Ergebnisse nicht nur hinzunehmen und zu konsumieren, sondern messbar zu prüfen.
- Digitales Aufräumen (Kontext-Management): KI-Modelle arbeiten effizienter, wenn sie nur relevante Informationen sehen. Gezielte Kontextsteuerung verhindert Überlastung und sorgt dafür, dass die KI fokussiert innerhalb des gewählten Technologiestacks bleibt.
- Verstehen statt Kopieren (Code-Literacy): Vibe Coding ist keine Blackbox. Die wichtigste Regel: Generiere nur das, was du theoretisch auch erklären könntest. Die KI dient als Beschleuniger, nicht als Ersatz für das grundlegende Verständnis.
- Strategie vor Umsetzung (Chain of Thought): Wer sofort Code verlangt, erhält oft nur Oberflächliches. Erfolgreiches Vibe Coding nutzt die KI erst als Sparringspartner für den Planungs- und Denkprozess, bevor die eigentliche Umsetzung erfolgt.
- Der Mensch als Architekt (Souveränität): In der Zusammenarbeit mit KI verschiebt sich die Rolle des Menschen: Er wird vom „Schreiber“ zum „Architekten“. Die KI übernimmt die Routine der Syntax; der Mensch behält die Hoheit über das Systemdesign.
- Nachvollziehbarkeit sichern (Versionskontrolle): KI ermöglicht rasante Iterationssprünge. Um dabei nicht den Überblick zu verlieren, sind saubere Dokumentation und Versionskontrolle (z. B. über Git) unverzichtbar. Nur so bleibt der Entwicklungsprozess transparent.
- Kritisches Prüfen (Edge-Case-Check): KI-generierter Code wirkt meist fehlerfrei, scheitert aber oft an Spezialfällen. Ein gesundes Misstrauen und die gezielte Suche nach Grenzfehlern sind die neuen Kernkompetenzen im modernen Programmieren.
Chancen und Risiken für Schule und Unterricht
Was Vibe Coding für den MINT-Unterricht interessant macht, ist weniger die Technologie selbst als die Lernprozesse, die dabei entstehen. Schüler:innen können Projekte umsetzen, die zuvor deutlich außerhalb ihres Erfahrungsbereichs lagen – und stoßen dabei unmittelbar auf grundlegende informatische Fragestellungen.
Gleichzeitig birgt ein unreflektierter Einsatz Risiken. Wer nie selbst eine Schleife geschrieben hat, entwickelt möglicherweise kein Gefühl für algorithmisches Denken. Die Gefahr einer Blackbox-Perspektive ist real.
Damit verschiebt sich der Schwerpunkt informatischer Bildung teilweise. Wenn das Schreiben von Code leichter wird, gewinnen andere Kompetenzen an Bedeutung: Probleme strukturieren, Anforderungen formulieren, Ergebnisse kritisch bewerten und vor allem: Systeme verstehen.
Headerbild | © Thorsten Leimbach
Thorsten Leimbach
Thorsten Leimbach verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung beim Fraunhofer IAIS. In seiner Laufbahn leitete er unter anderem das Geschäftsfeld „Smart Coding & Learning“, war für die Roberta-Initiative verantwortlich und initiierte das Open Roberta Lab, eine offene Programmierumgebung für Kinder und Jugendliche. Aktuell leitet er die Data Scientist Academy am Fraunhofer IAIS. Er ist Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Roboter und Programmieren. Sein aktuelles Buch Roboter und KI (Kosmos, 2025) ist ein Sachbuch für Kinder ab 8 Jahren.












