Sie steuern unser Wetter, beeinflussen unsere Gefühle und formten die Evolution: Bakterien sind überall – und laut Peter Wohlleben stark unterschätzt. Ein Gespräch über schlaue Einzeller, die Rettung aus der Klimakrise und das faszinierende Netzwerk der Natur.
Jörg Schmidt im Gespräch mit Peter Wohlleben
Jörg Schmidt: Sie haben unser Verständnis von Bäumen und Wald sehr verändert. Was hat Sie nun auf einmal dazu bewogen, den Blick vom Großen auf die winzigen – für uns unsichtbaren – Bakterien zu lenken?
Peter Wohlleben: Bakterien haben mich schon seit meiner Schulzeit interessiert, seit ich ein altes Mikroskop von meiner Mutter bekommen habe. Und wenn man sich interessiert mit Wald oder mit Ökosystemen beschäftigt, entdeckt man, dass Bakterien zum Beispiel Bäumen dabei helfen, trockenheitsresistenter zu werden, indem sie Erinnerungen aktivieren, also bestimmte Gene triggern. So kommt man nicht an der Endosymbiontentheorie vorbei, die beschreibt, wie im Laufe der Evolution Bakterien in Einzeller eingedrungen sind und so angefangen haben, sich Mehrzeller zu bauen. Unter dieser Perspektive kann man das ganze Leben auf der Erde auch sehen. Auf diese Weise haben Bakterien Land und Lebensräume erobert. Sie steuern alles Leben bis heute. Deswegen ist es richtig, diese kleinen Akteure ins Rampenlicht zu bringen.
Bakterien sind also unsere heimlichen Helden.
Bakterien sind die heimlichen Helden unseres Planeten. Sie bilden die artenreichsten Gruppen auf unserem Planeten. Ausgerechnet diese Gruppe ist bisher besonders schlecht erforscht. Wir haben immer noch so reflexhaft folgende Vorstellung: Da sind die bösen Bakterien, hier sind wir. Zwar kennt man auch die nicht ganz so schlechten Darmbakterien, aber insgesamt ist es eine feindliche Welt. Aber das stimmt nicht. Warum? Wir sind Bakterien, sie sitzen in jeder unserer Körperzellen. Wir bezeichnen sie nur anders. Wir nennen sie Zellkraftwerke. Aber sie agieren unabhängig innerhalb der Zelle, teilen sich zum Beispiel völlig unabhängig von unserer Fortpflanzung. Sie sind ein Körperbestandteil, genauso wie unsere Neuronen, wie rote Blutkörperchen und so weiter. Mir geht es darum, dass wir verstehen: Wir sind das, das sind nicht die da draußen.
Buch
Tipp
Bakterien – die heimlichen Helden
Das neue Buch von Peter Wohlleben zeigt eindrücklich, wie Bakterien weit mehr als bloße Krankheitserreger sind. Sie steuern unseren Alltag von der Verdauung bis zur Stimmung und sitzen buchstäblich in jeder unserer Zellen. In anschaulicher Erzählkraft zeichnet der Autor ein faszinierendes Bild der unsichtbaren Welt der Bakterien, ohne die Leben auf der Erde schlicht unmöglich wäre.
Wenn sie in jeder unserer Körperzellen wohnen, ist es dann so, dass sie uns bestimmen? Sind wir so etwas wie willenlose Zombies, die an den Fäden dieser „Bakterien-Kobolde“ hängen?
Nein, wir sind keine Zombies. Warum? Wir sind ja nicht Homo sapiens, besiedelt von Bakterien, die da an den Fäden ziehen, vielmehr sind die Bakterien ein Körperbestandteil, das heißt, wir sind letztendlich kein Individuum, sondern eine Ansammlung von Billionen Individuen, die zusammen den Mensch formen. Gerade diese Betrachtungsweise fällt uns natürlich schwer, weil wir Menschen es gewohnt sind, uns als singulär zu betrachten.
Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass die Bakterien gemeinsam Aktionen planen. Wie gelingt hier die Kommunikation?
Bakterien wird in der Forschung eine Intelligenz zugesprochen. Manche sprechen sogar schon von einem Bakterienbewusstsein. Bakterien können sehr wohl einzeln agieren, aber auch in der Gruppe, sie jagen zum Beispiel wie ein Wolfsrudel, sprechen sich ab. Sie kommunizieren über eine chemische Sprache. Tatsächlich existiert sogar ein Intelligenztest für Bakterien. Man kann ihnen bestimmte Aufgaben stellen. Ein Beispiel: Bakterien hassen trockene, glatte Oberflächen. Stellt man ihnen die Aufgabe, zum Beispiel eine Glasscheibe zu überwinden, sieht man, wie sie sich organisieren, wie sie Aufgaben verteilen und dann als Ganzes einen Schleim bilden. Bakterien lieben Schleim. Im Schleim kann man sich bewegen. Er schottet ab vor zum Beispiel der körpereigenen Abwehr und wird auch genutzt, um trockene Oberflächen zu überwinden. Es ist schwierig, sich dies vorzustellen, weil unsere Haltung dazu weiterhin oft ist: Es sind doch bloß Einzeller.
Braucht es einen anderen wissenschaftlichen Ansatz, um sich diesen Phänomenen zu nähern?
In der Nature wurde schon vor zehn Jahren von einer kopernikanischen Wende gesprochen, weil in der Biologie neue Türen aufgemacht werden, wenn man den „Scheuklappenblick“ verlässt, dass alles in einem Ranking sortiert sei. Wir schauen häufig immer nur auf die Hardware, aber entscheidend ist, was dabei rauskommt: die Software. Und so ist es auch bei den Bakterien. Sie haben keine Großhirnrinde, es sind Einzeller … Entscheidend aber sind Ergebnisse, und die sind wirklich verblüffend.
Auch für die Ökosysteme spielen Bakterien eine große Rolle. Könnten Sie das kurz erläutern?
Ich möchte es an einem einfachen Beispiel zeigen: Tatsächlich spielen Bakterien bei der Entstehung von Regen eine überraschend große Rolle. Zum einen bei der Wasserverdunstung durch die Bäume, weil sie triggern können, dass Bäume resilienter werden und dadurch länger Photosynthese machen, sprich länger Wasser verdunsten. Das wiederum kühlt Landschaften und gleichzeitig bilden sich Tiefdruckgebiete über diesen Wäldern, also letztendlich aktiv erzeugt von den Bakterien mit ihren Bäumen. Mit dem Wasserdampf steigen andere spezialisierte Bakterien auf, und sind in den tieferliegenden Wolken eine der entscheidenden Größen zur Bildung von Regentropfen. Sie lassen aktiv Wasser schneller zu Schneeflocken gefrieren. Vereinfacht gesprochen besorgen sie ihren Bäumen Wasser. Und das sind Phänomene, deren Grundsätze schon Alexander von Humboldt erkannt hatte, aber im Detail weiß man dies erst seit Kurzem.
Sollen wir also mit den heimlichen Helden kooperieren, um aktuelle Krisen bewältigen zu können?
Es gibt im Bezug auf die Umwelt viele Beispiele. Bakterien sind vielseitig. Sie sind seit 4,2 Milliarden Jahren auf diesem Planeten unterwegs und „schnipseln“ sogar in ihren eigenen Genen rum. Das ist „Mutation zum Quadrat“ – sogar innerhalb ihres oft kurzen Lebens von nur 20 Minuten. Es ist wirklich irre, wie schnell und gut sie sich anpassen. So haben zum Beispiel einige Bakterienarten Mikroplastik als Nährstoff entdeckt. Sie fangen an, Plastik zu zersetzen und zu verarbeiten. Man beginnt zu entdecken, zum Beispiel in diesen großen Müllwirbeln im Pazifik oder auch in Abfallbeseitigungsbetrieben, dass Bakterien uns dabei unterstützen können, dieses Problem zu lösen.
Braucht es einen Paradigmenwechsel in der Betrachtung des Lebendigen?
Was wir brauchen, ist ein anderer Umgang mit unserem Nichtwissen. Lange Zeit war unsere Haltung, dass wir Menschen in bestimmten Teilbereichen vieles erforscht, zwar noch nicht alle Arten entdeckt, aber im Großen und Ganzen die Zusammenhänge verstanden haben. Uns aber muss klar sein: Wir haben erst ansatzweise verstanden, wie das ganze komplexe Ökosystem da draußen funktioniert. Und dummerweise hängen wir sehr viel stärker davon ab, als wir es im Alltag realisieren. Viele denken weiterhin: Land- und Forstwirtschaft, Industrie und so weiter, die regeln das schon irgendwie. Aber entscheidend für unsere Luft, für unser Grundwasser und anderes sind die verbliebenen natürlichen Ökosysteme, die sich noch gut selbst organisieren können. Aktuell werden zum Beispiel Naturschutzgebiete als Nice-to-have angesehen. Was wir aber verstehen müssen: Das sind unsere Lebensgrundlagen. Wir sind nach wie vor mit ihnen verbunden, so wie mit den Körperbakterien. Sie sitzen auf der Haut, wir interagieren mit Bakterien auf unserem Schreibtisch. Das ist alles ein Riesensystem. In jedem Regentropfen, der herunterfällt, sind zig Bakterien drin. Alles hängt zusammen. Wenn wir das verstehen, dann werden wir hoffentlich ein bisschen vorsichtiger in unserem Veränderungswillen und schalten einen Gang zurück.
Peter Wohlleben
Schon als Kind wollte Peter Wohlleben Naturschützer werden. Er studierte Forstwirtschaft, arbeitete rund zwanzig Jahre in der Landesforstverwaltung Rheinland-Pfalz und gründete schließlich einen eigenen ökologischen Forstbetrieb für seine Heimatgemeinde. Aus Waldführungen, auf denen er Besucher:innen das verborgene Leben der Bäume näherbrachte, entstand 2007 sein erstes Buch; sein 16. Werk, Das geheime Leben der Bäume, wurde ein internationaler Erfolg und in rund 50 Sprachen übersetzt. Heute ist er Dozent an der von ihm gegründeten Waldakademie, schreibt und hält Vorträge.
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