Das Tier des Frühlings kam aus dem Meer: der gestrandete Ostsee-Wal, den Journalist:innen im April „Hope“ oder „Timmy“ tauften, ein Buckelwal, 12,3 Meter lang, tonnenschwer und als Wal ein Mitglied jener Tiere, die bisher als die größten in den Ozeanen galten. Sehr wahrscheinlich ist, dass seine Größe den Rummel um ihn befeuerte. Er wurde geliebt, bemitleidet, hochgejazzt und schließlich als unser aller Meeres-Buddy in eine ungewisse Zukunft entlassen.
Eine Kolumne von Tobias Beck
Fast unbeachtet blieb während der hitzigen Wochen eine Studie im Fachmagazin Science, die das Zeug dazu hat, unser Bild über Meerestiere grundlegend zu verändern. Während Hope in der Ostsee lag, bekamen die großen Wirbeltiere im Meer nämlich krakenhafte Konkurrenz: Nanaimoteuthis haggarti – ein Riesen-Oktopus, der zu seinen Lebzeiten der wohl größte Bewohner der Meere war.
Zu diesem Schluss kam ein internationales Team von Wissenschaftler:innen durch die Analyse von Kieferresten, die einzigen fossilen Überbleibsel der gigantischen Weichtiere, die es gibt. Aufwendige Rekonstruktionen zeigten schließlich, wie Nanaimoteuthis haggarti – wie wär’s, wenn wir ihn „Nana“ nennen? – vermutlich vor 100 Millionen Jahren aussah: Mit 19 Metern Länge übertraf er alle gleichzeitig und ebenfalls im Wasser lebenden Saurierarten und könnte auch heute noch mit vielen Walen der Gegenwart mithalten.
Ein Räuber mit Vorlieben
Trotz seines fast unaussprechlichen Originalnamens ist Nana eine echte Sensation, denn bisher galten große Wirbeltiere als die beherrschenden Ozeanräuber; die Weichtiere, zu denen ein Oktopus gehört, waren dagegen Opfer und Beute.
Der Urzeitkrake krempelt dieses Bild nun um: Ausgeprägte Kauwerkzeuge legen nahe, dass er ein Räuber war – und vermutlich sogar intelligent. Schließlich war der Krakenkiefer einseitig abgenutzt, was darauf hindeutet, dass sich Nana die Beute vor allem von einer Seite aus in den Mund schob. Und wer als Tier solche Vorlieben entwickelt, hat zumindest spezialisierte Nervenzellen – und womöglich auch eine fortgeschrittene Intelligenz.
Aus dem Nachlass der Wikinger
Die Nähe zum Meer hatte auch eine Meldung, die aus dem Nachlass der Wikinger stammt. Sie ist weniger krakenhaft, aber für den Kampf der Medizin gegen resistente Keime vielleicht sogar sagenhaft.
Schon seit zehn Jahren ist klar, dass das Rezept einer Augensalbe, das im Buch eines Wikingerarztes aus dem Mittelalter entdeckt wurde, mehr war als nur Quacksalberei. Er mischte Knoblauch, Wein und Kuhgalle in einem Bronzegefäß, ließ es neun Tage lang stehen und erhielt so ein waschechtes Antibiotikum, das nachweislich gegen vielerlei Bakterien wirkt.
In einer Studie aus dem Frühjahr identifizierten Forscher:innen aus England und den USA nun den Wirkmechanismus der historischen Salbe – und waren überrascht. Im Gegensatz zu herkömmlichen Antibiotika, die vor allem eine einzige bestimmte Wirkung gegen Bakterien zeigen, greifen die Inhaltsstoffe der Salbe auf verschiedenen Wegen an: Sie schwächen die Membranen der Bakterien sowie die Ausbildung spezieller Oberflächenproteine, die Bakterien nutzen, um die Immunabwehr zu täuschen und Resistenzen zu entwickeln. Gleichzeitig hemmt die Salbe die Vermehrung der Bakterien und wirkt so alles in allem wie eine Allzweckwaffe gegen die Infektion.
Inzwischen macht das alte Gebräu Karriere, weil es eine neue Denkweise im Kampf gegen resistente Keime hervorbringt. „Seit vielen Jahrzehnten konzentriert sich die Forschung darauf, einzelne Moleküle zu entdecken, die eine biologische Wirksamkeit haben“, schreiben die Forscher:innen in ihrer Studie. Die historische Salbe habe jedoch nur wegen des Zusammenspiels von mehreren Molekülen gegen die Bakterien funktioniert. Und sie hatte noch einen weiteren Vorteil: Die Bakterien entwickelten nachweislich viel weniger Resistenzen gegen den Cocktail als gegen einzelne Moleküle – ein ganz entscheidender Vorteil in einer Zeit, in der immer mehr Antibiotika ihre Wirkung verlieren.
Tobias Beck
Tobias Beck geht als Lehrer, Wissenschaftsjournalist und unerschrockener Freizeitwissenschaftler für den MINT Zirkel schon seit Längerem Alltagsmythen auf den Grund. Für seine Kolumne schaut er sich regelmäßig auf dem Jahrmarkt der wissenschaftlichen Durchbrüche um und stößt dabei mal auf Sonderbares, mal auf Skurriles – oder auch auf schlichtweg Erstaunliches.
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