Mathematik ist weit mehr als Beweise, Herleitungen und abstrakte Strukturen. Sie ist eine elegante Sprache, die unsere Welt ordnet, erklärt und sogar verzaubern kann, wenn man es nur zulässt. Dennoch haftet ihr oft das Vorurteil an, trocken, schwer zugänglich oder gar verstaubt zu sein. Genau diesem Bild sollte im Leistungskurs 11 des Schuljahres 2024/25 am Otto-Hahn-Gymnasium Landau mit der Erstellung eigener Mathematikbücher entgegengewirkt werden.
Ein Beitrag der Schüler:innengruppe des Otto-Hahn-Gymnasiums Landau: Leo Klempt, Greta Laux, Herra Mansoori und Aerin Paul
Unter dem Motto „Mathematik neu gedacht“ haben wir Schüler:innen uns über mehrere Monate hinweg der anspruchsvollen Aufgabe gestellt, eigene Mathematikbücher zu verfassen: kreativ, fachlich fundiert und mit einem klaren roten Faden. Die inhaltlichen Ergebnisse reichen von mathematischen Kriminalgeschichten über spektakuläre Reisen zu bedeutenden Mathematiker:innen bis hin zu erzählerischen Formaten, die komplexe Inhalte der Analysis aus überraschend neuen Perspektiven zeigen. Zwei der entstandenen Werke zeigen exemplarisch, wie unterschiedlich „Mathematik neu gedacht“ aussehen kann.
Szenerie 1: Eine mathematische Zeitreise von Aerin Paul und Leo Klempt
Ausgangspunkt des Projekts war weniger ein konkreter Plan als vielmehr ein Gefühl: die Lust, Mathematik einmal anders zu erleben. Keine vorgegebenen Arbeitsblätter, keine standardisierten Rechenwege, keine eindeutigen Musterlösungen – stattdessen Raum für eigene Ideen, eigene Zugänge und vor allem für Kreativität. Diese Freiheit hat uns von Beginn an motiviert. Mathematik sollte für uns nicht länger nur ein Stoffgebiet sein, sondern etwas, das wir gestalten, erzählen und neu denken dürfen.
Sehr schnell stießen wir jedoch auf ein zentrales Problem: Wir hatten Mathematik lange Zeit als etwas Zeitloses wahrgenommen, als ein feststehendes System, das schon immer genau so existiert hat, wie wir es heute lernen. Genau dieses Bild wollten wir hinterfragen. Wie sah Mathematik eigentlich zu anderen Zeiten aus? Welche Fragen stellten sich Menschen in früheren Jahrhunderten? Unter welchen Bedingungen wurde mathematisch gedacht, geforscht und gestritten? Aus diesen Überlegungen heraus entstand die Idee der Zeitreise. Sie erlaubte es uns, Mathematik nicht nur inhaltlich, sondern auch historisch und menschlich zu betrachten.
Wenn Mathematik auf Literatur trifft
So entwickelten wir die Grundstruktur unseres Buches: Zwei fiktive Hauptfiguren reisen durch verschiedene Epochen und begegnen bekannten Persönlichkeiten der Mathematikgeschichte. In jedem Kapitel treffen sie auf neue Denkweisen, neue Probleme und neue Herausforderungen. Für uns war dieser Ansatz besonders reizvoll, weil er uns zwang, Mathematik nicht als fertiges Ergebnis, sondern als Prozess zu verstehen. Wir mussten uns intensiv mit den historischen Hintergründen, den Lebensumständen und den Denkweisen der jeweiligen Mathematiker:innen auseinandersetzen und uns gleichzeitig fragen, wie sich daraus die mathematischen Inhalte ableiten lassen, die wir aus der Oberstufen-Analysis kennen.
Hinzu kam ein weiteres zentrales Problem, das uns während des gesamten Schreibprozesses begleitete: die Verknüpfung von mathematischem und literarischem Inhalt. Rechnungen, Herleitungen und Definitionen durften nicht losgelöst oder künstlich wirken. Sie mussten aus der Handlung heraus entstehen, einen erzählerischen Anlass haben und sinnvoll in Dialoge oder Situationen eingebettet sein. Genau darin lag die Schwierigkeit: Mathematik sollte weder den Text unterbrechen noch banalisiert werden. Unser Ziel war ein flüssiges Leseerlebnis, bei dem sich Geschichte und Mathematik gegenseitig tragen.
Szenerie 2: Bergsteigen in Matheformeln von Greta Laux und Herra Mansoori
Als Schauplatz fiel die Wahl bewusst auf die Berge. Bergsteigen vereint körperliche Herausforderung, Risiko und Grenzerfahrung und bietet damit einen geeigneten Rahmen, um Spannung aufzubauen und zugleich reale Entscheidungssituationen darzustellen. Besonders reizvoll erschien uns, dass sich viele mathematische Zusammenhänge unmittelbar aus diesem Kontext ergeben. Bereits in der frühen Planungsphase wurde überlegt, wie sich mathematische Inhalte sinnvoll in die Handlung integrieren lassen, etwa durch die Berechnung von Steigungen, Höhenprofilen oder anderen Veränderungen, die beim Aufstieg eine zentrale Rolle spielen.
Parallel zur Entwicklung der mathematischen Ideen wurde deutlich, dass eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Thema Bergsteigen notwendig ist. Da wir uns selbst nicht als Expert:innen in diesem Bereich verstehen, haben wir uns intensiv informiert und in relevante Aspekte wie Höhenanpassung, Routenwahl, Wetterbedingungen und Risiken eingelesen. Diese Recherche war entscheidend, um eine möglichst realistische und glaubwürdige Handlung zu entwerfen.
Von Mathematik zu Philosophie und Ethik
Neben den fachlichen Inhalten war es uns ein besonderes Anliegen, auch philosophische Fragestellungen in das Werk einzubinden. Die Extremsituation des Bergsteigens bietet einen geeigneten Rahmen, um ethische Fragen, Verantwortung und die Bedeutung von Freundschaft zu thematisieren. Entscheidungen betreffen hier nicht nur den eigenen Erfolg, sondern auch die Sicherheit der Gruppe. Auf diese Weise sollte deutlich werden, dass mathematische Überlegungen stets in einen größeren menschlichen und moralischen Zusammenhang eingebettet sind.
Einblick in den Prozess
Zu Beginn entwickelten wir die Figuren unserer Geschichte, indem wir sie bewusst erfanden, visualisierten und ihnen individuelle Charakterzüge sowie eine eigene Lebendigkeit verliehen. Dabei entstand die Idee, zwei Protagonist:innen als Erzählinstanz zu nutzen. Diese Entscheidung ermöglichte es uns, die Kapitel abwechselnd zu verfassen, ohne dass dabei ein merklicher Stilbruch entstand. Darüber hinaus boten die zwei Erzählperspektiven nach dem zentralen Schicksalsschlag einen vertieften Einblick in die parallelen Handlungsstränge und die unterschiedlichen inneren Verarbeitungsprozesse der Figuren.
Ausgehend von einer groben Grundidee entwickelten wir anschließend einen detaillierteren und anschaulicheren Handlungsverlauf. Dieser diente uns als Grundlage für die Erstellung eines Kapitelkonzepts, in dem wir bereits erste Überlegungen zu möglichen mathematischen Problemstellungen einfließen ließen. Im nächsten Schritt begannen wir damit, die Kapitel abwechselnd zu schreiben. Um ein kontinuierliches Vorankommen zu gewährleisten und Aufschieben zu vermeiden, setzten wir einander feste Deadlines, zu denen die jeweils andere Person das fertige Kapitel erhalten sollte.
Abschließend wählten wir die passendsten mathematischen Aufgaben aus und konzipierten sowohl die Problemstellungen als auch die dazugehörigen analytischen Lösungen inklusive vollständigem Rechenweg. Dabei war es uns besonders wichtig, dass die mathematischen Aufgaben den Lesefluss nicht unterbrachen und dennoch deutlich wurde, dass es sich um Modellierungsaufgaben handelt, die auf realistischen Sachverhalten basieren.
Fazit
Die Arbeit an diesem Projekt stellte für uns eine neue und ungewohnte Erfahrung dar. Anders als bei klassischen schulischen Aufgaben ging es nicht nur darum, mathematische Probleme zu lösen, sondern ein zusammenhängendes Werk zu entwickeln, in dem Inhalte, Handlung und Sprache sinnvoll ineinandergreifen.
Besonders deutlich wurde im Verlauf der Arbeit die enge Verbindung von Mathematik und Alltag. In der Handlung zeigt sich, dass mathematische Überlegungen nicht abstrakt bleiben, sondern konkrete Entscheidungen beeinflussen, beispielsweise bei Planung, Risikoabschätzung oder Optimierung. Mathematik wird so als praktisches Werkzeug erfahrbar, das in realen Situationen Orientierung bietet.
Rückblickend war dieses Projekt für uns weit mehr als eine alternative Unterrichtsform. Es hat uns gezeigt, dass Mathematik nicht nur gelernt, sondern erlebt, erzählt und gestaltet werden kann. Die Freiheit, eigene Ideen zu entwickeln, Umwege zu gehen und neue Perspektiven einzunehmen, hat unsere Sicht auf Mathematik nachhaltig verändert. Genau diese Erfahrung bildet das Fundament unseres Buches, und sie knüpft direkt an das an, was mit „Mathematik neu gedacht“ gemeint ist.
Fachliches Resümee der betreuenden Lehrkraft
Ök Gel hat das Projekt als Lehrer betreut. Er zieht folgende Fazit: Die Darstellungen der Schüler:innen liefern zahlreiche wertvolle Einblicke: Sie sind Ausdruck einer Haltung. Mathematik kann überraschend, erzählerisch und humorvoll sein. Sie wird lebendig, wenn wir sie aus den vertrauten Bahnen herauslösen. Die Schüler:innen haben mit ihren Büchern nicht nur Kreativität bewiesen, sondern eindrucksvoll gezeigt, dass fachliche Präzision und kreative Freiheit kein Widerspruch sind, sondern sich gegenseitig beflügeln können. Sie haben komplexe Inhalte der Oberstufen-Analysis nicht nur korrekt dargestellt, sondern ihnen eine eigene Stimme gegeben. Genau darin liegt die besondere Qualität dieses Projekts.
Und vielleicht lösen sie damit einen Dominoeffekt aus, der sowohl Lernende als auch Lehrkräfte inspirieren kann, Mathematik nicht nur zu lernen, sondern zu gestalten und damit neu zu denken.
Download
Ein Einblick in die Mathebücher steht Ihnen hier zum Download zur Verfügung:
© Headerbild | Freepik












