Naturwissenschaftliche Fachräume müssen heute mehr leisten als früher: Sie sollen flexible Unterrichtsformen ermöglichen, höchste Sicherheitsanforderungen erfüllen und pädagogische Entwicklungen wie Individualisierung und selbstorganisiertes Lernen unterstützen. Im Interview beleuchtet Dr. Dr. Dierk Suhr, Bildungsexperte beim Schulausstatter Hohenloher, wie zeitgemäße Raumkonzepte für Biologie, Chemie, Physik und Makerspaces aussehen können.
Dr. Heike Brauer im Gespräch mit Dr. Dr. Dierk Suhr
Dr. Heike Brauer: Ich habe neulich einen Biologieraum gesehen, der mich stark an meine Schulzeit erinnert hat. Entwickeln sich naturwissenschaftliche Räume eigentlich weiter oder sehen sie oft noch aus wie vor 30 Jahren?
Dr. Dr. Dierk Suhr: Die Klassenräume in den Schulen haben sich in den letzten zehn Jahren dramatisch verändert: Das klassische Klassenzimmer auf etwa 65 Quadratmeter mit 30 frontal ausgerichteten Schüler:innen-Arbeitsplätzen für den Frontalunterricht verliert zunehmend an Bedeutung – auch in den Naturwissenschaften. Gleichzeitig gibt es aber auch immer noch den Chemieraum als klassischen Hörsaal, vorne mit Experimentiertisch, an dem die Lehrkraft ein Demonstrationsexperiment zeigt. Aber die didaktischen und methodischen Formate haben sich in den letzten Jahren auch in den Naturwissenschaften hin zu mehr Handlungsorientierung entwickelt. Es spricht einfach viel dafür, dass Kinder die Experimente selbst durchführen sollten, und das geht eben nicht, wenn ich in einem wie ein Hörsaal bestuhlten Fachraum sitze.
Welche Raumorganisationen in Naturwissenschaftsräumen unterstützen denn offene Unterrichtsformen?
Schulgemeinschaften, die ihren Unterricht öffnen und individualisieren möchten, möchten dies natürlich auch für die Naturwissenschaften und wollen ihre Cluster- oder Lernlandschaftsorganisation auch auf die naturwissenschaftlichen Fachräume übertragen. Hier ist aber die Aufsichtspflicht eine Hürde, denn Schüler:innen dürfen sich in den Fachräumen, in denen Tätigkeiten mit Gefahrstoffen durchgeführt werden, nicht ohne Aufsicht einer fachkundigen Lehrkraft aufhalten, das muss die Schule also organisatorisch sicherstellen. Baulich kann die Aufsicht über Sichtbeziehungen von den Fachräumen unterstützen. Eine Öffnung kann man aber beispielsweise erreichen, indem man Arbeitsplätze für Einzel- oder Gruppenarbeit in der Mitte des Clusters einsetzt und dort nur Experimente zulässt, die in Fragen der Sicherheit unbedenklich sind.
Welche Vor- und Nachteile hat es, wenn in einem Raum mehrere Naturwissenschaften unterrichtet werden sollen?
Immer mehr Schulen überlegen, die strenge Dreiteilung Biologie-, Physik- und Chemiefachraum aufzulösen und fachübergreifende naturwissenschaftliche Fachräume einzurichten. Das ist aus meiner Sicht aus mehreren Gründen eine positive Entwicklung: Zum einen fördert das natürlich ein fächerübergreifendes Denken im Kollegium. Die Welt ist auch nicht in Fächer eingeteilt, also müssen wir Sachen schon aus Sicht der Biologie, der Chemie, der Physik und dann auch noch die Lösung aus Sicht der Technik eigentlich mit dazu nehmen. Viele fachspezifische Räume stehen einen Großteil der Woche leer. Das trifft insbesondere auf den Chemiefachraum zu, der von Lehrkräften ohne die entsprechende Lehrberechtigung ja gar nicht genutzt werden darf. Das ist in Zeiten von Raumnot und knappen Budgets eigentlich eine Ressourcenverschwendung, die man auflösen könnte, wenn man etwa sechs Fachräume zu vier allgemeinen naturwissenschaftlichen Fachräumen zusammenfasst, die dann deutlich stärker ausgelastet sind.
Was heißt das für die Anordnung der Räume? Bei einer zentralen Sammlung liegen die Fachräume weiter entfernt. Müssen dann die Lehrkräfte ihren Materialwagen durch die Flure schieben, um ihren Fachraum zu erreichen?
Auch so ein übergreifender Raum sollte eine fachraumnahe Vorbereitung haben, denn gerade Chemikalien sollte ich nicht auf dem Wägelchen über die Schulflure schieben, sondern möglichst durch eine angrenzende Tür transportieren können. Manche Schulen wünschen sich einen kleineren Vorbereitungsraum, denn das befördert, dass die Lehrkraft die Experimente mit den Schüler:innen im Fachraum vorbereitet. Also auch hier verändert wieder der Raum beziehungsweise das Weglassen eines Raumes die Pädagogik, wenn der Experimentaufbau schon als Unterrichtsbestandteil angelegt ist.
Was versteht man eigentlich unter einem Makerspace?
Zuallererst ist das ein pädagogisches Konzept, ein Space, ein Ort, an dem Lernende nicht belehrt werden, sondern selbstorganisiert lernen, da ist die Ausstattung tatsächlich erst einmal nebensächlich. Wichtig ist dafür bei den Lehrkräften ein anderes Mindset. Ich muss mich als Lehrkraft darauf einrichten, dass ich erst mal auch nicht genau weiß, was jetzt als Nächstes passiert, eben weil ich nicht weiß, was die Schüler:innen für Ideen einbringen. Die Lehrkraft wird stärker zur Lernbegleitung und weniger Expert:in. Sie muss die Offenheit mitbringen, gemeinsam mit den Schüler:innen eine Lösung zu suchen, vielleicht im Internet, in der Bibliothek oder bei der Befragung externer Expert:innen. Es braucht schon einen Wechsel im Selbstbild und im Rollenverständnis, und das macht es natürlich herausfordernd. Es ist nicht der anders oder unkonventionell ausgestattete Raum, sondern die Haltung, sich auf eine völlig andere Form von Lernen einzulassen.
Was braucht ein flexibel nutzbarer Makerspace noch?
Also flexible Tische und Stühle, idealerweise mit Rollen, sodass sich auch alles leicht umstellen lässt und es möglich ist, allein, zu zweit oder in einer kleinen Gruppe zu arbeiten. Auch die Arbeitsflächen sollten Flexibilität ermöglichen: Ich brauche Tische, an denen die Schüler:innen sägen und hämmern können. Die Arbeitsflächen müssen also robust sein. Soll der Makerspace auch als Elektroniklabor genutzt werden, dann braucht der Raum eine Lötstation und auch eine Lötrauchabsaugung. Finden dort chemische Experimente statt, sollte der Raum auch eine flexible Gasversorgung und Bunsenbrenner vorhalten. Bei Coding und Robotik brauche ich natürlich ausreichend Laptops und genügend Steckdosen, bei Video- und Audioproduktion sind eine Greenscreen-Wand, eine Filmausstattung und Mischpulte hilfreich. Ein Makerspace könnte auch ein Gewächshaus sein, wo ich mich mit Lebensmittelerzeugung beschäftige. Das Ganze ist also individuell und stark vom pädagogischen Konzept abhängig.
Wie sieht hier eine Zonierung aus?
Wir brauchen einen Schülertisch, an dem die Kinder selbst schreiben und protokollieren oder mit einem digitalen Endgerät recherchieren können. Dann brauchen wir die Möglichkeit zum individuellen und selbstorganisierten Experimentieren. Ein Lehrerexperimentiertisch wird auch benötigt, aber der kann auch mobil sein. Das hat den Vorteil, die Frontalorientierung des Raumes aufgeben zu können. Für gefährliche oder giftige Experimente brauchen wir idealerweise mobile Abzüge, die als Demonstrationsabzug auch mal mitten in den Raum geschoben werden können, damit man von allen Seiten zuschauen kann.
Darüber hinaus gibt es eine Anforderung, die für alle Lernsituationen gilt und oft zu kurz kommt: Ich brauche Rückzugsräume für introvertierte oder neurodivergente Kinder, damit die sich auch zurückziehen können.
Gibt es so etwas wie eine Phase Null bei der Ausstattung von MINT-Räumen?
Wenn sich eine Schulgemeinschaft in einer Phase Null Gedanken über ihren Schulneubau macht und eine offene Raumorganisation wünscht, dann macht dieser Wunsch in der Regel nicht vor der Tür zum naturwissenschaftlichen Fachraum halt. Es ist wichtig zu schauen, dass das pädagogische Konzept der Schule, die pädagogische Vision, konkret auf die Naturwissenschaften heruntergebrochen ist. Passt ein Fachraum, der ausgestattet ist wie ein Hörsaal, zu einer pädagogischen Idee der Individualisierung? Oder ist ein Raum mit flexiblem Mobiliar und speziellen Arbeitsplätzen nicht auch passend? Könnte eine Input-Zone auch so ausgestattet sein, dass dort Demonstrationsexperimente gezeigt werden können? Wichtig ist, dass die Betroffenen zu Beteiligten werden und aktiv in die Planung mit einbezogen werden.
Was würden Sie Architekt:innen und Planer:innen mit auf den Weg geben?
Ich wünsche mir, dass MINT-Räume nicht mehr als abgeschlossene Spezialbereiche gedacht werden, sondern als integraler Teil eines ganzheitlichen Lernumfelds. Wenn wir von offenen, flexiblen Lernformen sprechen, darf das bei den Fachräumen nicht enden. Gute Planung entsteht im Dialog – zwischen Pädagogik, Architektur und Schulgemeinschaft.
Dr. Heike Brauer
Das Gespräch führte Dr. Heike Brauer. Sie ist Schulentwicklungs- und Schulbauberaterin mit umfangreicher Unterrichtserfahrung. Sie begleitet Schulen und Schulträger dabei, pädagogische Konzepte und räumliche Lösungen sinnvoll miteinander zu verbinden. In ihrem Blog zum Schulbau (www.heikebrauer.com/blog) reflektiert sie aktuelle Entwicklungen und gibt praxisnahe Impulse für zeitgemäße Lernumgebungen.
Dr. Dr. Dierk Suhr
Dr. Dr. Dierk Suhr hat sowohl in Biophysik als auch in Technikdidaktik promoviert. Nach mehr als 20 Jahren im Management verschiedener Bildungsverlage begleitete er die Entwicklung der innovativen „Louisenlunder Pädagogik“ und der korrespondierenden Neubauten als Schulentwickler der Stiftung Louisenlund – und verbreitet die Vision vom „Raum als dritten Pädagogen“ seitdem als pädagogischer Leiter des Schulausstatters Hohenloher, wo er Lernräume unter dem Primat von Pädagogik und Didaktik entwirft.
© Headerbild | Hohenloher; © Porträt Dr. Heike Brauer | Anja Sünderhuse; © Porträt Dr. Dr. Dierk Suhr | Hohenloher












