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Die Brennnessel – ein UNterrichtsKRAUT

Warum wachsen auf einem frisch geharkten Beet so schnell wieder unerwünschte Kräuter? Die Gründe sind vielfältig: Entweder bilden sie viele Samen, die neu einfliegen oder lange im Boden ruhten (Brennnessel, Vogelmiere, Löwenzahn), oder sie vermehren sich durch Ausläufer oder Rhizome (Brennnessel, Quecke, Giersch). Am Beispiel der Brennnesseln lassen sich im Biologie-Unterricht ökologische Nische, Zeigerarten, pflanzlicher Fraßschutz durch Brennhaare, Ein- und Zweihäusigkeit, Bestimmungsübungen an „Nesseln“, Pflanzenfasern und ökologisches Gärtnern thematisieren.

Ein Beitrag von Dr. Inge Kronberg

Brennnesseln sind Nahrungspflanzen für Insekten und ihre Larven, vor allem für Schmetterlingsraupen. Einige Raupen ernähren sich ausschließlich, also monophag, von Brennnesseln, für andere sind sie eine willkommene Abwechslung. Trotzdem kommen sie einander nicht in die Quere, denn die Falter wählen für ihre Eiablage Pflanzen unterschiedlicher Standorte und verschiedene Bestandsdichten, also unterschiedliche ökologische Nischen.

Wer die bunte Vielfalt der Falter fördern will, sollte für ihre Raupen den Brennnesseln eine Ecke im Garten vorbehalten – sonst hilft auch das schönste Insektenhotel nichts. Brennnesseln können ruhig gelegentlich abgeschnitten werden, denn die jungen nachwachsenden Sprosse sind bei vielen Raupen besonders beliebt. Den Verschnitt am besten zerkleinert liegen lassen. Übrigens eignen sich Brennnesseln auch hervorragend für einen Salat oder Tee.

Komplexe Zeichnung, die Schmetterlinge und ihre Raupen an Pflanzen zeigt
Brennnesseln sind eine ergiebige Nahrungsquelle und ermöglichen die Einnischung verschiedener Schmetterlingsarten | © Dr. Inge Kronberg

Brennnessel-Brandschutz

Bei so vielen Fressfeinden ist es kein Wunder, dass sich Brennnesseln mit ihren Brennhaaren heftig gegen Fraß schützen. Brennhaare sind so gebaut, dass die Spitze wie bei einer Glas-Ampulle (Kieselsäure, SiO2) abbricht und den ameisensäurehaltigen Inhalt in den Angreifer injiziert. Gerät die Brennflüssigkeit unter die Haut eines Menschen, ruft das juckende Quaddeln hervor. „Nesselsucht“ ist nach dieser Pflanze benannt. Die Brennhaare der Brennnesseln sind nach oben gerichtet. Streift man die Pflanze von unten nach oben, brechen sie nicht so leicht ab und dringen nicht so tief in die Haut ein. Das schützt beim Pflücken vor Verbrennungen – Handschuhe sind trotzdem zu empfehlen!

Raupen umgehen die Brennhaare am Blattrand oder entlang der Blattadern. Sind die Brennhaare erst einmal an der Basis angefressen, verlieren sie ihre Nesselwirkung und damit die Schutzwirkung gegen Fressfeinde.

Brennnessel oder Taubnessel?

Brennnesseln werden vom Wind bestäubt und sind Zeigerpflanzen für einen stickstoffreichen Boden. Anders als der Name vermuten lässt, sind Taubnesseln nicht näher mit den Brennnesseln verwandt, sie gehören zur Familie Lippenblütler. Nur Blattform und Blattstellung ähneln Brennnesseln, Taub­nesseln brennen aber nicht. An den Blüten lassen sie sich leicht unterscheiden, aber auch die Blätter sind bei genauer Betrachtung deutlich verschieden – ein „Brenntest“ ist also nicht nötig. 

Zeichnung der verschiedenen Brennnesselblätter
Brennnesseln und Taubnessel unterscheiden sich in Blüte und Blatt | © Dr. Inge Kronberg

Kleine und Große Brennnessel

Die Kleine Brennnessel (Urtica urens) nesselt besonders stark. Sie ist einjährig und einhäusig, hat also weibliche und männliche Blüten auf derselben Pflanze.

Die Pflanzen der Großen Brennnessel (Urtica dioica) sind zweihäusig, eine Pflanze hat also entweder nur weibliche Blüten mit Fruchtblättern oder nur männliche mit Staubblättern. Die Blüten der weiblichen Großen Brennnessel sind unscheinbar grün in Rispen, an der Spitze der Pflanze noch mit herausgestreckten Fruchtblättern, weiter unten bereits voller Nüsschen . Die Blüten der männlichen Großen Brennnessel zeigen in den oberen Rispen zunächst vierzählige Knospen, darunter sind sie mit vier Staubblättern aufgeblüht, noch weiter unten verkahlt der Spross (Stängel)

Zeichnung der verschiedenen Brennnesselblüten
Die Große Brennnessel ist zweihäusig, es gibt also männliche und weibliche Pflanzen | © Dr. Inge Kronberg

Unterrichtsimpuls 1 – Biologie

Im Biologie- oder Sachkundeunterricht lässt sich das Thema Brennnessel auch ganz praktisch aufgreifen. Brennnesseljauche ist ein stickstoffhaltiger Dünger für Pflanzen und hilft aufgesprüht als Fraßschutz gegen Blattläuse im Schulgarten. Der Fraßschutz der lebenden Pflanze bleibt also auch in der Jauche erhalten. So stellt man die Jauche her:

  • Gemüsesack mit Brennnesselblättern füllen. (Handschuhe anziehen!)
  • In einen Wassereimer legen und komplett mit Wasser bedecken.
  • Zwei Wochen stehen lassen, dabei täglich mit einem Holzlöffel rühren.
  • Pflanzenteile mit dem Sack entnehmen und die Jauche 1:10 verdünnt in einer Sprühflasche verwenden.

Buch
Tipp

Cover vdes Buches "Gartenpflanzen" von Dr. Inge Kronberg

Biologie-ABC im Garten

Dr. Inge Kronberg: Biologie-ABC im Garten. Band 1: Gartenpflanzen.
Verlag Naturverstehen, 79 S., 14 Euro, 2024

Unterrichtsimpuls 2 – Kunst

Die Leitbündel im Brennnesselspross bilden lange biegsame Fasern. Diese Fasern lassen sich gewinnen und zu Garnen, Netzen oder Gewebe verarbeiten. Noch vor 200 Jahren galt solches Nesseltuch als „Leinen armer Leute“. Inzwischen ist Nessel als natürliche Textilfaser wieder zunehmend beliebt und es gibt Zuchtsorten mit sehr gutem Ertrag. Es ist eine mühsame Arbeit, wie unsere Vorfahren aus Brennnesseln die Bastfasern für Garn zu gewinnen. Einen Eindruck erhält man, wenn man einen Malpinsel aus Nesselfasern herstellt. Dazu braucht man:

  • mehrere lange Brennnesselsprosse
  • Handschuhe, Wassereimer
  • Hammer, Drahtbürste (Grillbürste) oder Nudelmaschine
  • Schere, Klebeband

Brennnesselsprosse von Blättern befreien (Handschuhe anziehen!). Die Sprosse über Nacht in Wasser einweichen und dann in der Sonne trocknen lassen. Anschließend mit einem Hammer bearbeiten und mit einer Drahtbürste gründlich „kämmen“, bis sich die äußeren Bastfasern von den inneren Holzteilen trennen. Gelingt das nicht, noch einmal in Wasser einweichen, wieder trocknen und kämmen. Den Pinselfaser-Ansatz und das Pinselende mit Klebeband fest umwickeln. Die Pinselhaare mit der Schere auf die gewünschte Länge stutzen. Fertig ist ein Pinsel, den man gut für das Malen mit Naturfarben verwenden kann. Alternativ kann man die blattfreien Sprosse einen Tag lang einfrieren, auftauen und die Bastfasern vom Holz trennen. Sie sind dann aber nicht ganz so stabil.

Zeichnung eines Pinsels aus Brennnesselhaar
Selbst hergestellte Pinsel aus Brennnesselfasern | © Dr. Inge Kronberg

Fazit

„Unkräuter“ wie die Brennnesseln sind also besser als ihr Ruf und nicht nur wegen ihrer leichten Verfügbarkeit für den Biologie-Unterricht bestens geeignet.

Inge Kronberg

Dr. Inge Kronberg

Dr. Inge Kronberg ist promovierte Biologin, Fachautorin und Wissenschaftsjournalistin. Sie schreibt über aktuelle Themen aus der Ökologie, Genetik und Evolutionsbiologie. Im Schulbereich ist sie als Autorin von Natura Oberstufe, Markl Biologie und verschiedenen Unterrichtsheften tätig.

© Headerbild | Freepik

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