Übung macht den Meister, das gilt auch für den Mathematikunterricht. Nun hält zwar jedes Lehrwerk einen schier unendlichen Fundus an Übungsaufgaben parat, doch spätestens wenn man auf Seite 198 bei Aufgabe 15 z) angekommen ist, hat man die Schülerschaft verloren. Gut verpackt dagegen können Rechenaufgaben durchaus unterhaltsam sein.
Ein Beitrag von Martina Hagemann
Denke ich an meine eigene Schulzeit zurück, war für die meisten das Highlight der Mathestunde, wenn der Lehrer in den letzten zehn Minuten mit uns Eckenrechnen gespielt hat. 25 Schüler:innen schauten dabei zu, wie vier Mitschüler:innen sich durch das Lösen von Kopfrechenaufgaben von Ecke zu Ecke bewegten – oder eben auch nicht. Schon damals habe ich nicht verstanden, warum sich dieses Spiel so großer Beliebtheit erfreute.
Kurze Spiele für zwischendurch
Auch meine Schüler:innen freuen sich über ein spielerisches Stundenende oder eine kleine Auflockerung in langen Doppelstunden. Ich möchte aber, dass, anders als beim Eckenraten, alle aktiv dabei sind. Nahezu ohne Vorbereitungsaufwand ist das Spiel Bingo, bei dem die Schüler:innen in einem 4×4-Feld von der Lehrkraft vorgegebene Zahlen eintragen. Anschließend werden Kopfrechenaufgaben mit diesen Zahlen als Ergebnis gestellt. Die Schüler:innen kreuzen die errechnete Zahl auf ihrem Feld an und wer zuerst eine Reihe waagerecht, senkrecht oder diagonal gefüllt hat, ruft „Bingo“. So kann man sowohl das Rechnen mit natürlichen Zahlen, Dezimalzahlen und Bruchzahlen üben als auch das Übersetzen von Aufgabenformulierungen wie beispielsweise „die Differenz aus 23 und 17 multipliziert mit 14“ trainieren. Das Spiel ist für Schüler:innen gerade deshalb reizvoll, weil sowohl Glück als auch mathematisches Können gefragt sind, sodass nicht automatisch die Rechengenies gewinnen – mit ein Grund, weshalb die gesamte Klasse motiviert dabei ist.
Ebenfalls ohne Vorbereitung und sehr beliebt in meinen Klassen ist Mathememory. Dabei gehen zwei Schüler:innen vor die Tür. Die verbliebenen Mitschüler:innen sind die „Memorykarten“. Jeweils zu zweit bilden sie eine Kopfrechenaufgabe, von der sich eine Person die Rechnung und die andere Person die zugehörige Lösung merkt. Wenn alle Paare fertig sind, dürfen die beiden Schüler:innen vor der Tür wieder reinkommen und nach den bekannten Spielregeln gegeneinander antreten, nur werden die „Memorykarten“ hier nicht umgedreht, sondern aufgerufen. Gewonnen hat natürlich, wer die meisten Paare hat. Gut geeignet ist das Spiel auch dann, wenn verschiedene Darstellungsformen geübt werden sollen wie beispielsweise das Umwandeln einer Dezimalzahl in eine Bruchzahl oder die Zuordnung einer linearen Funktionsvorschrift zur Beschreibung des entsprechenden Graphen. Gerade wenn es nicht nur um das reine Abfragen von Rechenergebnissen geht, erfordert das Erfinden passender Aufgaben mathematische Kreativität sowie das Reflektieren des Unterrichtsstoffes und übt damit verschiedene mathematische Kompetenzen.
Download
Beispiele zu einer Knobelaufgabe sowie Auszüge aus einer Vorlesegeschichte und einem Escape-Room stehen Ihnen hier zum Download zur Verfügung:
Vorlesen
In verschiedenen Studien zeigt sich leider immer wieder, dass Mathematik bei Schüler:innen nicht sonderlich beliebt ist, rückblickend bewerten viele Mathe sogar als „Hassfach“. Meiner Erfahrung nach nimmt diese Einstellung an weiterführenden Schulen zu. In der 5. Klasse starten die Kinder in der Regel noch freudig, spätestens in der Mittelstufe liegen dann andere Fächer wie Gesellschaftswissenschaften im Ranking der Schüler:innen deutlich vorn. Umso wichtiger ist es, im Unterricht regelmäßig Zeit in „schöne Dinge“ zu investieren. Aus diesem Grund habe ich eine sogenannte Vorlesezeit eingeführt, die in der Regel in der letzten Mathestunde der Woche stattfindet. Das Prinzip ist immer gleich: Die letzten zehn Minuten wird vorgelesen und ganz nebenbei gerechnet. Für jüngere Klassenstufen eignen sich zum Beispiel die 10-Minuten-Vorlesegeschichten Mathematik, bei denen jedes Kapitel mit einer Matheaufgabe endet. Manche Aufgaben wiederholen Grundlagenwissen, andere regen zum Knobeln an. In der Adventszeit findet man zudem eine große Auswahl an Adventskalendern mit Knobelaufgaben, die unterhaltsam sind und zugleich wichtige mathematische Kompetenzen wie Argumentieren und Problemlösen trainieren.
Ebenso gut kann man Stunden auch (vor)lesend beginnen. Schon oft hat mir der bekannte Zahlenteufel von Hans Magnus Enzensberger dabei geholfen, neue Sachverhalte wie beispielsweise Potenzen durch bildliche Umschreibungen („hopsende Zahlen“) anschaulich zu erklären. Und wenn meine Schüler:innen bei der Aufgabe statt mal wieder rechnen, hilft bereits ein kurzer Hinweis darauf, die Zahl fünf einfach drei Mal hopsen zu lassen.
Escape-Rooms
Sehr beliebt sind seit Jahren Escape-Rooms, bei denen sich eine Gruppe in einen Raum einschließen lässt, aus dem sie sich durch das Lösen verschiedener Rätsel befreien muss. Nun sei es Lehrkräften nicht geraten, zur Steigerung der Lernfreude Schüler:innen mit einem Stapel Übungsaufgaben im Klassenraum einzusperren. Es bleibt zu befürchten, dass die Konsequenzen sowohl für die Lehrkraft als auch in Hinblick auf die Leistungen der Schüler:innen eher negativer Natur sind. Doch ein wenig abgewandelt lässt sich die Verpackung Escape-Room als Motivationsfaktor nutzen. Bei sogenannten EduBreakouts müssen Schüler:innen Aufgaben bewältigen, um eine verschlossene Kiste zu öffnen, in der sich eine Belohnung versteckt. Zumeist gibt es eine Rahmenhandlung, in welche die Aufgaben eingebettet sind. Mittlerweile findet man eine große Vielfalt solcher Escaperooms für den schulischen Einsatz auf dem Markt. Ich nutze diese Methode gern als spielerische Wiederholung des Unterrichtsstoffs vor Klassenarbeiten. Auch spontane Vertretungsstunden, bei denen die Klasse einen mit „Können wir spielen?“ empfängt, können auf diese Weise mit Inhalt gefüllt werden, ohne auf das Spielen zu verzichten.
Buchtipps
Martina Hagemann: 10-Minuten-Vorlesegeschichten Mathematik 5/6, Auer Verlag 2024
Hans Magnus Enzensberger: Der Zahlenteufel, dtv 2014
Knobelaufgaben
Nicht alle Kinder benötigen gleich viel Übung und gerade in Mathematik ist das Arbeitstempo oft sehr unterschiedlich. Die Gefahr, dass sich die leistungsstarken Schüler:innen langweilen, ist daher besonders groß. Aufforderungen wie „Dann hilf deinem Nachbarn“ sind in diesem Fall zwar eine Beschäftigungsmaßnahme für diejenigen, die mit dem Pflichtprogramm fertig sind, langfristig bremse ich damit aber die Freude am Rechnen und logischen Denken aus. Auch sehr gute Schüler:innen haben ein Recht darauf, mit motivierenden Aufgaben unterstützt und gefördert und nicht nur als „Hilfslehrkraft“ eingesetzt zu werden.
An meinem Pult steht dafür eine Kiste mit Zusatzaufgaben bereit. Diese sind so konzipiert, dass nicht reines „Runterrechnen“ gefragt ist, sondern geknobelt und gerätselt werden muss.
Für die Lösungen werden weder bestimmte Rechenwege noch vorgegebene Darstellungsformen verlangt und oft sind nur grundlegende mathematische Kenntnisse vonnöten. Fertige Schüler:innen kommen nach vorn, wählen eine Aufgabe aus, bearbeiten diese allein oder zu zweit und vergleichen selbstständig mit der Lösung auf der Rückseite. Auf diese Weise können die „Mathecracks“ sich neuen Herausforderungen stellen, während die Mitschüler:innen zeitgleich das Pflichtprogramm bearbeiten.
Eine bunte Mischung
Bei all den vorgestellten Anregungen, den Mathematikunterricht aufzulockern, gilt: Die Dosis macht’s. Wenn man jede Woche einen Escape-Room spielt, wird es schnell langweilig. Womöglich betteln die Schüler:innen dann zu Stundenbeginn: „Können wir heute nicht einfach mal Aufgaben aus dem Buch rechnen?“ Zu Recht, finde ich, denn auch das gehört zum Mathematikunterricht. Nicht jede Unterrichtsstunde kann eine Showstunde sein. Variatio delectat – Abwechslung erfreut.
Martina Hagemann
ist Lehrerin für Mathematik und Biologie an einem Lübecker Gymnasium. Nebenberuflich arbeitet sie seit zehn Jahren als freie Autorin für verschiedene Verlage und Zeitschriften und bietet auch Fortbildungen an. Am liebsten erfindet sie Escape-Rooms – wenn sie nicht gerade selbst in einem eingesperrt ist oder mit ihren Kindern Hausaufgaben macht.
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