Wenige Themen in der Biologie werden so emotional diskutiert wie gentechnische Verfahren in der Landwirtschaft. Deshalb eignet sich die Agro-Gentechnik – auch grüne Gentechnik genannt – nicht nur dazu, molekularbiologisches Wissen an einem lebensnahen Objekt, unserem täglichen Essen, zu vermitteln. An den verschiedenen Aspekten dieses Themas können unterschiedliche wissenschaftliche Positionen diskutiert werden. Und es lässt sich aufzeigen, wie Fachwissen unterschiedlich bewertet und gewichtet wird, um zu gesellschaftlichen Entscheidungen zu kommen.
Ein Beitrag von Leo Frühschütz
Besonders gut für ein vielfältiges Herangehen an die Agro-Gentechnik eignet sich der „goldene“ Reis. Bei diesem Reis wurde das Erbgut so verändert, dass die Pflanze Carotinoide als Vorstufe von Vitamin A produziert und in ihren Körnern einlagert, die sich dadurch gelb färben. Ihre Entwickler:innen sahen darin eine Möglichkeit, den damals in Entwicklungsländern vor allem bei Kindern verbreiteten Vitamin-A-Mangel zu bekämpfen..
Der gentechnische Eingriff
Wie bringt man eine Pflanze, die das normalerweise nicht tut, dazu, Carotinoide zu produzieren? Diese Frage stellten sich die Wissenschaftler Ingo Potrykus und Peter Beyer mit ihren Teams an der ETH Zürich und der Universität Freiburg. Sie schleusten in das Reiserbgut ein Gen aus der Osterglocke (Narcissus pseudonarcissus) ein, das dort die Carotinoidproduktion steuert. Ein weiteres Gen aus dem Bakterium Erwinia uredovora sorgte dafür, dass sich die Carotinoide im Korn anreicherten. Die Ergebnisse ihrer Forschungen veröffentlichte das Team Anfang 2000 im Fachblatt Science. Die erfolgreichste der darin erwähnten Reislinien wies in ihren Körnern einen Carotinoidgehalt von 1,6 ppm (parts per million) auf. 2004 kam es zu einem ersten Feldversuch in den USA, bei dem der Reis mit einem Carotinoidgehalt von 6 ppm deutlich besser abschnitt als im Labor. Parallel dazu hatte das Unternehmen Syngenta die Idee weiterentwickelt und die Gensequenz aus der Osterglocke durch eine entsprechende aus Mais ersetzt. Diese zweite Generation des goldenen Reises (GR2) wies bis zu 37 ppm Carotinoide auf, die meisten davon Betacarotin. Mit ihr wurde seither weitergearbeitet.
Der lange Weg vom Reagenzglas auf den Acker
Als Erstes musste das geänderte Erbgut von GR2 in Reissorten eingekreuzt werden, die hohe Erträge bringen und von den Landwirt:innen in den Zielregionen verwendet werden. Diese 2005 begonnene Arbeit dauerte Jahre, sodass die nächsten umfangreicheren Feldversuche erst 2012 und 2013 auf den Philippinen, in Bangladesch und in Indien stattfanden. Schließlich stellten die Forschenden auf den Philippinen einen Antrag auf kommerziellen Anbau und erhielten dafür 2021 die Erlaubnis. Im Jahr darauf wurden dort 67 Tonnen goldener Reis geerntet – auch als Saatgut für eine Ausweitung des Anbaus. Allerdings setzte das oberste Gericht des Landes im April 2023 die Anbauzulassung außer Kraft. Ein Jahr später untersagte es den kommerziellen Anbau sowie weitere Feldversuche und verlangte von den Regierungsbehörden eine striktere Risikobewertung und Überwachung.
Schule und Gentechnik
Das von mehreren Stiftungen geförderte Internetportal „Schule und Gentechnik“ richtet sich an Lehrende und Lernende aller Schularten der Sekundarstufe. Es bietet wissenschaftlich fundierte Informationen und didaktische Arbeitsmaterialien zu verschiedensten Aspekten der Agro-Gentechnik – aus einer kritischen Perspektive. Denn Unterrichtsmaterialien von Unternehmen und Verbänden, die in der Agro-Gentechnik vor allem eine Chance sehen, gibt es genug.
Funktioniert Forschung ohne Patentschutz?
Dass sich die Forschungsarbeiten am goldenen Reis so lange hinzogen, lag auch an knappen finanziellen Mitteln. Den Entwicklern Potrykus und Beyer war es wichtig, dass Kleinbäuer:innen auf einen mit Carotinoiden angereicherten Reis zugreifen konnten, ohne Lizenzgebühren zahlen zu müssen. Dieser sinnvolle Ansatz führte dazu, dass die großen Saatgutunternehmen ihr Interesse am goldenen Reis verloren, weil damit kein Geld mehr zu verdienen war. Syngenta verzichtete deshalb 2005 auf eine Verwertung seines GR2 und stellte den Reis dem Golden Rice Project (GRP) unter Federführung des internationalen Reisforschungszentrums IRRI auf den Philippinen zur Verfügung. Finanziert wird die Arbeit seither durch Spenden und aus den laufenden Haushalten der beteiligten Institute. Erschwerend kam hinzu, dass sich durch die Einkreuzungen die ursprüngliche Eigenschaft abschwächte. Während der GR2 Carotinoidgehalte von 30 bis 37 ppm aufwies, kamen die in den Feldversuchen getesteten Sorten nur noch auf Konzentrationen von 3,5 bis 12,5 ppm. Die an einem Feldversuch in Bangladesch beteiligten Forschenden schrieben 2021, vor einem kommerziellen Anbau müsse die Wirksamkeit ihrer GR-Kreuzung „in einer großen unterernährten Gemeinschaft durch einen umfassenden Ernährungsversuch validiert werden“. Der praktische Nachweis, dass carotinoidhaltiger Reis Vitamin-A-Mangel wirksam lindern kann, steht also immer noch aus. Das macht es nicht einfacher, Spenden zu sammeln, zumal der Vitamin-A-Mangel dank internationaler Programme in den letzten 20 Jahren deutlich zurückgegangen ist.
Streit mit der Moralkeule
In der öffentlichen Auseinandersetzung spielten die dargestellten Abläufe keine Rolle. Den Tenor setzte das Time Magazine, als es im Jahr 2000 die Proof-of-Concept-Studie mit dem Titel vorstellte: „Dieser Reis könnte jedes Jahr eine Million Kinder retten“. Auch der bewusst gewählte Name „goldener“ statt gelber Reis drückt eine hohe Wertigkeit aus. Seither wurde jede – auch wissenschaftlich fundierte – Kritik an dem Konzept damit gekontert, dass sie Verzögerungen und damit indirekt den Tod von Kindern in Kauf nehme. Dasselbe Argument wurde auch gegen die gesetzliche Regulierung der Agro-Gentechnik generell in Stellung gebracht. Das wiederum bestätigte die Kritiker:innen des Konzepts in ihrer Haltung, dass „die Gentechnik-Konzerne“ das Konzept nur als trojanisches Pferd benutzen, um ungeliebte gesetzliche Vorgaben zu Fall zu bringen. Der Höhepunkt dieser Auseinandersetzung war ein 2016 lancierter Aufruf von über 100 Nobelpreisträger:innen, in dem sie Greenpeace als „Speerspitze“ des Widerstands gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel frontal angriffen und die Organisation aufforderten, ihre Kampagne einzustellen – mit Verweis auf ein bis zwei Millionen jährliche Todesfälle durch Vitamin-A-Mangel. Zuletzt kommentierte der Bonner Professor Matin Qaim die Entscheidung des obersten philippinischen Gerichts in der britischen Zeitung The Guardian mit den Worten, sie sei eine Katastrophe und werde dazu führen, dass Tausende und Abertausende von Kindern sterben.
Download
Das Internetportal Schule und Gentechnik hält diverse Materialien zum Thema goldener Reis zum Download bereit.
Fallbeispiel mit zahlreichen Quellen, Videos und weiteren Materialien:
Arbeitsblatt mit Methoden zum Einnehmen eines Standpunktes für ein Streitgespräch:
Arbeitsblatt zum Kennenlernen von Argumentationsstrategien inkl. didaktischer Hinweise:
Headerbild | © pexels/Dibakar Roy












