Wie unzählige Generationen vor uns verbrachten auch wir als Kinder viel Zeit im Wald. Der Wald war unser Spielgefährte und Lehrmeister: Wir rochen am Baumharz, knabberten Tannenwipfel im Mai, schliffen flache Steine, montierten sie auf gespaltene Aststücke als Tomahawks und nutzten das Gelände zum Verstecken- und Fangenspielen, zum Herumtollen und zur Suche nach Erdbeeren, Himbeeren und Pilzen. Heute hat sich diese Fülle an Bewegung bei Kindern weitgehend auf Wischbewegungen über ein leuchtendes Display reduziert. Es stellt sich daher die Frage: Wie können wir diese neue Generation von Kids wieder dazu bewegen, Zeit mit Bäumen und in der Natur zu verbringen?
Ein Beitrag von Prof. Dr. Maximilian Moser
Ein neues Projekt, das vor etwa drei Jahren im Piemont begonnen hat, zeigt Kindern, dass Pflanzen auch musizieren können, dass sie Reaktionen zeigen und viel interessantere Zeitgenossen sind, als es auf den ersten, ungeduldigen Blick erscheinen mag.
Flüssigkeitsstrom in Pflanzen als musikalischer Rhythmus
Zu diesem Zweck wird mit einem kleinen Gerät, dem TreeMuse, der elektrische Widerstand zwischen der Erde und den Blättern einer Pflanze gemessen. Dieser Widerstand hängt von den Flüssigkeitsströmen ab, die sich in der Pflanze bewegen. Da die Pflanzen wie alle Lebewesen ihre Lebensvorgänge in Rhythmen regulieren, zeigen auch diese Flüssigkeitsströme und damit der elektrische Widerstand ein rhythmisches Verhalten, das eine mit musikalischen Songlines vergleichbare Zeitstruktur aufweist. Diese Rhythmen werden dann in Noten umgesetzt – je stärker die Ströme, desto geringer der Widerstand, desto tiefer die Note. So entsteht aus der Rhythmik der Flüssigkeitsströme eine Pflanzenmusik, die durchaus ästhetische Anmutung zeigt und sich etwa morgens und abends, bei Trockenheit und nach dem Gießen verändert.
Pflanzen haben überraschende Fähigkeiten
Für Schulkinder und Jugendliche ist das Erleben der Pflanzenmusik im Unterricht eine eindrückliche Erfahrung. Sie bemerken nach eigenen Aussagen, dass Pflanzen Musik erzeugen können, dass sie auf Berührung reagieren und eine Persönlichkeit aufzuweisen scheinen. Das passt gut zu neuen botanischen Forschungen, die Fähigkeiten in der Pflanzenwelt gefunden haben, die man den grünen Gesellen niemals zugetraut hätte: Wurzeln von Erbsen wenden sich Wassergeräuschen im Boden zu, Pflanzen erzeugen Ultraschallgeräusche, wenn sie unter Trockenheit leiden, Schirmakazien warnen Artgenossen vor Giraffen, indem sie Acetylengas aussenden, das zur Erzeugung von Bitterstoffen führt, und die chilenische Chamäleonswinde imitiert die Blätter ihrer Unterlage, auch wenn es sich dabei um eine Plastikpflanze handelt.
Einladung zum Pflanzenkonzert
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Lernen und Forschen geschieht nicht nur über die Augen
Auch in der Naturwissenschaft haben Sonifikationsexperimente im letzten Jahrzehnt Anhänger:innen und Beachtung gefunden. Stellen Sie sich vor, Sie haben zahlreiche Eingangstüren zu Ihrem Haus, aber Sie nutzen immer nur eine. Genauso ist es mit unseren Sinnen: Von allen wurde bisher fast ausschließlich der Sehsinn genutzt, um Ergebnisse der Forschung zu „visualisieren“. Wie wäre es, wenn wir mal den Gehörsinn als Eingangstor für die Beurteilung wissenschaftlicher Daten miteinbeziehen?
Biologische Daten sichtbar zu machen, ist in der Schule selbstverständlich: Diagramme, Kurven, Heatmaps, Mikroskopschnitte. Doch Lernen, vor allem emotionales Lernen, geschieht nicht nur über die Augen. Eine spannende – und bislang zu wenig genutzte – Ergänzung ist die Sonifikation: die Übersetzung biologischer Daten in Klänge und Klangfolgen, in Musik.
Sonifikation in der Schule nutzen
Im Projekt „Reconnecting with Nature“ wird dieser Ansatz der Sonifikation genutzt, um Aufmerksamkeit und Achtsamkeit von Schüler:innen über den Gehörsinn zu erreichen. Gerade in unteren und mittleren Schulstufen, in denen Schüler:innen über sinnliche Erfahrung am besten lernen, kann Sonifikation eine hilfreiche Brücke schlagen. Wenn die Saftstrom-Oszillationen von Pflanzen als Musik hörbar werden, entsteht eine neue Form des Verstehens, die über den bisherigen Botanikunterricht hinausgeht und auch in anderen Fächern als Türöffner eingesetzt werden kann. Daten und Phänomene werden dann nicht nur gelesen, sondern erlebt. Die musizierende Pflanze kann zur Begleiterin beim Improvisieren auf Gitarre oder Klavier werden und endlich das eigene Erlernen eines Musikinstrumentes voranbringen. Damit haben alle Schüler:innen einen immer verfügbaren musikalischen Partner.
Biologische Prozesse sind zeitlich organisiert: Herzschlagrhythmen, Atemzyklen, zirkadiane Schwingungen. Und auch bei Pflanzen folgen Transpirationszyklen, elektrische Potenzialschwankungen und Wachstumsschübe zeitlichen Mustern. Lebewesen besitzen nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich hochkomplexe Strukturen, einen „Zeitkörper“ zusätzlich zum räumlichen.
Didaktische Vorteile der Sonifikation
Klang ist ebenfalls ein zeitliches Phänomen. Diese strukturelle Verwandtschaft macht Sonifikation besonders geeignet für Prozesse, die sich über die Zeit entfalten. Schüler:innen können Muster hören, bevor sie sie berechnen oder grafisch interpretieren können. Didaktisch bietet das mehrere Vorteile:
- Multisensorisches Lernen: Die gleichzeitige Nutzung visueller und auditiver Kanäle erhöht die Verarbeitungsbreite im Gehirn. Unterschiedliche Lerntypen werden angesprochen, und Inhalte können sich tiefer verankern.
- Aufmerksamkeit und Motivation: Ein „klingendes Experiment“ erzeugt Neugier. Wenn ein Blatt auf Licht reagiert und diese Reaktion hörbar wird, entsteht unmittelbare Resonanz im Klassenzimmer.
- Inklusion: Für sehbeeinträchtigte Lernende eröffnet Sonifikation einen eigenständigen Zugang zu Daten. Wissenschaft wird nicht ausschließlich an visuelle Vermittlung gebunden.
- Förderung von Mustererkennung: Das menschliche Gehör ist außerordentlich sensibel für rhythmische Veränderungen. Unregelmäßigkeiten oder periodische Schwankungen werden oft intuitiv erkannt, noch bevor sie rechnerisch analysiert werden.
- Stärkung der Beziehung zur Natur: Wenn Natur nicht nur betrachtet, sondern gehört wird, verändert sich die emotionale Haltung ihr gegenüber. Pflanzen erscheinen weniger als „Objekte“ und mehr als dynamische Mitgeschöpfe in einem gemeinsamen Erlebensraum.
Dabei handelt es sich nicht um Mystifizierungen, sondern um eine alternative Darstellung. Die Daten bleiben dieselben. Nur der Wahrnehmungskanal wechselt.
Konkrete Unterrichtsimpulse
Die „Musik der Pflanzen“ im schulischen Kontext bedeutet daher nicht, Pflanzen zu romantisieren, sondern ihre Dynamik erfahrbar zu machen. Schüler:innen in höheren Klassen können eigene Messdaten aufnehmen – etwa elektrische Potenzialveränderungen an Blättern oder Feuchtigkeitsschwankungen im Boden – und diese in Klangparameter übersetzen. Schon mit einfachen digitalen Tools lassen sich solche Transformationen umsetzen.
Pflanzenmusik im Unterricht
Um Pflanzenmusik auch in Ihr Klassenzimmer zu bringen, können Sie TreeMuse kostenfrei ausleihen. Mehr Infos inkl. Unterrichtsmaterialien finden Sie hier:
Fazit
In einer Zeit, in der Kinder und Jugendliche stark visuell und digital geprägt sind, kann das bewusste Hören zu einer Form der Entschleunigung werden. Achtsames Zuhören fördert Konzentration. Wenn die „Musik einer Pflanze“ im Klassenzimmer erklingt, entsteht ein Moment der Sammlung – ein Innehalten im sonst oft beschleunigten Schulalltag.
Sonifikation ist daher mehr als eine technische Spielerei. Sie ist eine methodische Erweiterung wissenschaftlicher Bildung. Sie öffnet eine zusätzliche Eingangstür zum Haus der Erkenntnis. Und vielleicht entdecken Schüler:innen dadurch, dass Natur nicht nur betrachtet, sondern auch gehört werden kann – und dass wissenschaftliche Rationalität und ästhetische Erfahrung keine Gegensätze sind, sondern sich gegenseitig vertiefen.
Headerbild | © Nomi Baumgartl












