Achtung: Dieser Text könnte Ihr Bild von Schildkröten nachhaltig verändern. Wenn jemand diese Tiere mit dem Panzer auf dem Rücken bisher für possierlich, ruhig und liebenswert gehalten hat und bei dieser Sicht bleiben will: LESEN SIE NICHT WEITER!
Eine Kolumne von Tobias Beck
Für alle anderen beginnt der Text mit der traurigen Erinnerung an den 11. Februar 2026, an dem die große Politik sich der Wissenschaft bemächtigte und sie öffentlich in die Knie zwang. An jenem Tag erklärte die US-Umweltbehörde die sogenannte Aufhebung der Gefährdungsfeststellung für das Treibhausgas CO2. Mit anderen Worten: Kohlendioxid, der Hauptverursacher der globalen Erwärmung, der jahrzehntelang in Abertausenden Studien wissenschaftlich kristallklar, zweifellos und eindeutig identifiziert und überführt war, wurde von der US-Politik freigesprochen.
FREIGESPROCHEN! CO2 (und alle anderen Treibhausgase gleich dazu) sind fortan in den USA, dem Land mit dem zweitgrößten CO2-Ausstoß weltweit, keine Schadstoffe mehr, und die simple Logik dahinter: Was vor dem Gesetz nicht schädlich ist, muss nicht mehr reguliert werden. Begrenzungen für den Ausstoß sowie Verschmutzungsgrenzwerte sind hinfällig, etwas nicht „Schädliches“ kann ja auch keinen Schaden anrichten.
Wenn Politik Wissenschaft aushebelt
Die Absurdität dieser Aktion wurde nur noch von ihrer Inszenierung übertroffen, bei der ein US-Präsident die „größte Deregulierungsmaßnahme“ des Landes bejubelte. Im Publikum: vor allem grauhaarige, übergewichtige Männer.
Die Entscheidung, die jede wissenschaftliche Betrachtung, jeden UN-Klimabericht der letzten Jahre, ja selbst jedes Schul-Experiment zur Wirkung von CO2, verhöhnt, hat zu Recht viele schockiert. US-Bundesstaaten und Umweltverbände haben Klagen vor Gerichten angekündigt. Und ob der Supreme Court, das oberste US-Gericht, seine Einschätzung aus dem Jahr 2007 revidiert, wonach Treibhausgase Luftschadstoffe sind, die zum Schutz der Bevölkerung reguliert werden müssen, wird sich erst noch zeigen.
Dennoch ist der Fall ein trauriges Fanal – denn es nährt die Hoffnung von Rechtspopulist:innen, dass sich wissenschaftliche Erkenntnisse mithilfe von Pöbel-Rhetorik wegreden lassen. Myron Ebell, Anti-Klimaschutz-Lobbyist und ehemaliger Trump-Berater, jubelte in der New York Times: „Wir sind ziemlich nah an einem totalen Sieg.“ Und in Deutschland behauptet die AfD in ihrem Wahlprogramm, der Treibhausgas-getriebene Klimawandel sei „politisch konstruiert“ und die „Frage nach dem Anteil des Menschen an diesem [sei] wissenschaftlich ungeklärt“.
Warum wir uns jetzt empören sollten
Was können wissenschaftlich Denkende angesichts solcher Schlappen tun? „Empört Euch!“, hat im Jahr 2011 der französische UN-Diplomat Stéphane Hessel ein Essay genannt, in dem er die immer Leisen dazu aufrief, sich endlich kraftvoll zu Wort zu melden.
Denn vielleicht lassen sich zwar Gesetze, aber sicher nicht wissenschaftliche Erkenntnisse von der Politik ändern. Beispiele aus jüngster Zeit: In Rumänien haben Forschende Bakterien in auftauenden Eishöhlen entdeckt, die eine natürliche Resistenz gegen Antibiotika haben (Frontiers in Microbiology), einige Pinguin-Arten in der Antarktis haben wegen der Erwärmung ihr Brutverhalten so verändert, dass sie auszusterben drohen (Journal of Animal Ecology), und der Jahresbericht der „World Weather Attribution“ hat zum ersten Mal erschreckend genau beziffert, wie viele der verheerenden Wetterereignisse im letzten Jahr auf den Klimawandel zurückzuführen sind.
Was männerdominierten, abgeschlossenen Populationen droht, die nicht mehr für Neues von außen zugänglich sind, haben Biolog:innen übrigens kürzlich aufwendig an Schildkröten untersucht, die auf der kleinen Insel Golem Grad in Nordmazedonien leben (Ecology Letters). Unter etwa 1.000 dort lebenden Tieren gibt es nur noch ca. 50 Weibchen. Tendenz: stark sinkend. Denn die Weibchen werden von den aggressiven Männchen derart erniedrigt und drangsaliert, dass sie sich verletzen und von Klippen der Insel stürzen. „Demografischer Selbstmord“ nennen das die Forscher:innen. In Golem Grad: voraussichtlich im Jahr 2083.
So lange sollten wir mit der Empörung beim Klimawandel nicht warten.
Tobias Beck
Tobias Beck geht als Lehrer, Wissenschaftsjournalist und unerschrockener Freizeitwissenschaftler für den MINT Zirkel schon seit Längerem Alltagsmythen auf den Grund. Für seine Kolumne schaut er sich regelmäßig auf dem Jahrmarkt der wissenschaftlichen Durchbrüche um und stößt dabei mal auf Sonderbares, mal auf Skurriles – oder auch auf schlichtweg Erstaunliches.
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