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Mörderischer Cocktail – Porträt eines furchtlosen Molekularbiologen

Moskitos sind die tödlichsten Tiere auf dem Planeten, denn sie übertragen lebensbedrohliche Krankheiten. Der Molekularbiologe Ludwig Dersch, 30 Jahre alt, möchte mehr darüber wissen, was ihren Speichel so gefährlich macht. Er erforscht, welche Speichelkomponenten eine Infektion fördern oder hemmen.

Ein Beitrag von Monika Goetsch

Asiatische Tigermücken übertragen Krankheiten wie Gelbfieber, Zika oder West-Nil-Fieber. Ludwig Derschs Ziel ist es, die Ausbreitung dieser lebensgefährlichen Viruserkrankungen einzudämmen. Den Forscher interessiert, wie der Speichel der Insekten zusammengesetzt ist. Viel weiß man über diesen tödlichen Cocktail noch nicht. Klar ist allerdings: Es hängt nicht allein vom Virus, sondern auch von der Zusammensetzung des Speichels ab, ob eine Mücke ihre Opfer infiziert.

„Es wäre spannend, herauszufinden, welche Speichelkomponenten eine Infektion fördern oder hemmen“, sagt Ludwig. Denn dann könnte man Wirkstoffe erforschen, die das Virus ausbremsen – ein Medikament vielleicht oder einen Impfstoff. „Denkbar ist alles“, sagt Ludwig, „aber noch stehen wir ganz am Anfang der Forschung.“

Ganz schön ungemütlich

Molekularbiologe Ludwig Dersch im Labor
Ludwig Dersch erforscht im Labor, was den Speichel der Asiatischen Tigermücke so gefährlich macht | © Kim Weigand

„Seine“ Mücken leben im Labor des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie IME in Gießen in einer Klimakammer. Hier liegt die Temperatur konstant bei 28 Grad Celsius, die Luftfeuchtigkeit bei 75 Prozent. Idealbedingungen für Mücken. Ludwig dagegen findet: „Es gibt gemütlichere Orte!“ In speziellen Kunststoffkäfigen lässt er die Mücken Eier legen, die er anschließend zu Larven heranzüchtet. Um die Zusammensetzung ihres Speichels zu prüfen, muss er die weiblichen Labormücken regelmäßig „melken“. Dies geschieht, indem er die Mundwerkzeuge der Mücken in eine Salzlösung einführt. Überwinden muss er sich dabei nicht. Tatsächlich empfindet er für die schönen, grazilen Insekten mit den schwarz-weißen Streifen so etwas wie Sympathie: „Je länger man sich mit einem Tier beschäftigt, desto größer werden Interesse und Faszination“, sagt er. „Aber eigentlich fand ich Insekten schon immer cool.“

Ekel? Fehlanzeige!

Käfer weckten von jeher seine Neugier, Angst vor Spinnen hatte er noch nie. „Insekten und Spinnentiere haben eine große Diversität an Farben, Formen und Lebensweisen. Das ist ein komplexes Universum. Viele finden das eklig und gruselig, auf mich übt es eine besondere Faszination aus.“ Zu Hause hält er sich vier Vogelspinnen und eine Springspinne. Seine Freundin findet die Tiere mittlerweile auch schön und interessant, hat ihn allerdings gebeten, sich nicht noch mehr Gifttiere anzuschaffen …

Ein Umweg, der sich gelohnt hat

Dass ihn Biologie und Naturwissenschaften besonders interessieren, merkte Ludwig bereits in der Oberstufe. Das Abitur machte er in der Fachrichtung Umwelttechnik. Trotzdem war er unsicher, was er studieren sollte. Die Bewerbungsfristen verstrichen, also startete er eine zweijährige Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann – im Nachhinein, wie er sagt, eine der besten Entscheidungen, die er je getroffen hat. Denn so sammelte er schon vor Beginn des Studiums wichtige Erfahrungen in der Arbeitswelt.

Den Einstieg ins Biologiestudium in Gießen fand er dann erst mal gar nicht so einfach. Aber je länger er studierte, desto besser wurden die Noten. Er mochte es, sich immer weiter zu spezialisieren. „Das Biologiestudium ist weitgefächert. Es gibt Botanik, Zoologie, Molekulare Mikrobiologie und viele weitere Fächer“, erklärt er. „Man sollte sich nicht davon abschrecken lassen, dass Dinge gelernt werden müssen, an denen man kein Interesse hat. Später kann man wählen, worauf man sich konzentrieren möchte.“

Nahaufnahme eines Moskitos auf der Haut eines Menschen
Moskitos übertragen lebensbedrohliche Krankheiten, was sie zu den tödlichsten Tieren auf dem Planeten macht | © Jcomp/Freepik

Kurzinfo zum Berufsfeld

Ausbildung: In der Regel wird ein Bachelor- und Masterstudium absolviert.

Studium: etwa Molekularbiologie, Biologie, Biochemie, Molekulare Biotechnologie, Chemische Biotechnologie, Molekularwissenschaft

Universitäten: u. a. Ludwig-Maximilians-Universität München, Technische Universität München, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Freie Universität Berlin, Universität Leipzig

Berufsfelder: u. a. Chemie-, Pharma-, Lebensmittel- und Kosmetikindustrie, Biotechnologie, Grundlagen- und angewandte Forschung, Qualitätskontrolle, Produktentwicklung, Gesundheitswesen

Mach den ersten Schritt!

In seiner Bachelorarbeit beschäftigte sich Ludwig mit der Entwicklungsbiologie von Spinnen. Damit begann seine Faszination für Gifttiere. Zu Fraunhofer kam er gegen Ende des Masterstudiums über einen Vortrag seines jetzigen Chefs, den Ludwig so spannend fand, dass er ihm kurzerhand eine E-Mail schickte und fragte, ob er bei ihm seine Masterarbeit schreiben könne. Kurz darauf begann seine Karriere mit einem Forschungspraktikum, ein Hiwi-Job folgte, die Masterarbeit entstand hier. Inzwischen steht er kurz vorm Ende seiner Doktorandenzeit. Sein vorläufiges Fazit: „Es ist oft ganz einfach, beruflich weiterzukommen; man muss nur den ersten Schritt machen und Interesse zeigen!“

Als Schüler:in zum Fraunhofer IME

Am Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie (IME) in Gießen können nicht nur Studierende ihre Bachelor- oder Masterarbeit sowie Promotionsprojekte durchführen. Auch Schüler:innen erhalten frühzeitig Einblicke in die angewandte Forschung, etwa durch Praktika, den Girls’ und Boys’ Day, ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) oder Institutsbesichtigungen.

Weitere Infos gibt es auf der Seite des IME:

Scheitern ist völlig in Ordnung

Sein Arbeitsalltag besteht aus der Arbeit mit den Insekten in der Klimakammer und unter dem Mikroskop, der Planung von Experimenten, der Auswertung von Daten und verschiedenen Meetings. Besonderen Spaß macht ihm die Laborarbeit – jedenfalls, wenn die Versuche klappen. Wichtig ist in seinem Job allerdings auch eine gewisse Frustrationstoleranz. Denn es kann jederzeit passieren, dass man wochenlang engagiert an einem Versuch arbeitet – und am Ende trotzdem scheitert. „Fehler passieren, das ist ganz normal. Man muss das wegstecken und lernen, nicht an sich selbst zu zweifeln“, sagt Ludwig.

Kleine Ziele, großartige Ergebnisse

Freude an Forschung und Wissenschaft hat er weiterhin, auch Insekten und Spinnentiere findet er spannend. Wissenschaftliche Paper hat er auch über Spinnengift und Bremsenspeichel veröffentlicht. Wie es nach der Promotion weitergeht, weiß er noch nicht genau. Aber er ist überzeugt: „Irgendeine Tür wird sich schon öffnen, so war es immer.“

Natürlich gibt es Studierende, die von Anfang an ganz genau wissen, wie ihre Karriere verlaufen soll. Ludwigs Strategie war und ist anders – und mindestens ebenso erfolgreich. „Ein festes Ziel zu haben, birgt das Risiko, enttäuscht zu werden, wenn man es nicht erreicht“, erklärt er. „Ich habe mir nie ein großes, sondern mehrere kleine Ziele nacheinander gesetzt. Und das hat bisher immer gut geklappt.“

Headerbild | © Kim Weigand

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