Die weltweite Artenvielfalt schrumpft alarmierend – ein Trend, der verschiedenste Ökosysteme zunehmend aus dem Gleichgewicht bringt und gravierende Folgen nach sich zieht. Doch wie lassen sich diese komplexen Zusammenhänge greifbar machen, insbesondere für Schüler:innen? Für dieses Problem wurde das Lernspiel „BioBalance“ entwickelt, das das Wechselspiel zwischen Natur und Mensch auf spielerische Weise erlebbar macht.
Ein Beitrag von Finja Rath und Prof. Dr. Claas Wegner
„BioBalance“ repräsentiert das Ökosystem einer Kulturlandschaft. Durch verschiedene Veränderungen einzelner Faktoren wird diese in ihrem Gleichgewicht gestört. Das Lernspiel zeichnet einen Kontrast zwischen Faktoren, die Ökosysteme bedrohen, und Maßnahmen, die den Problemen entgegenwirken können. Das Ziel besteht darin, das Ökosystem in Form eines Wackelturms über mehrere Spielrunden so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Von Runde zu Runde wird dies jedoch schwieriger, da die Spielkarten darauf ausgelegt sind, zu verdeutlichen, dass eine Degradation des ökologischen Gleichgewichts in seiner Intensität meist schneller erfolgt, als regenerative Maßnahmen in stabilisierender Form greifen können.
Zusammenhänge erkennen – vernetzendes Denken fördern
„BioBalance“ eignet sich insbesondere für die Sekundarstufe I, kann aber auch je nach Adaption in höheren Jahrgangsstufen Anwendung finden. Es lässt sich besonders gut in die Inhaltsfelder Ökologie und Naturschutz, Tiere und Pflanzen in Lebensräumen oder Ökosysteme und ihre Veränderungen integrieren. Zudem ermöglicht es einen direkten Bezug hinsichtlich einer Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Beispielsweise können Diskurse über klimawandelbedingte Extremwetterereignisse angeregt und deren Bedeutung für den Biorhythmus eines bestehenden Ökosystems erörtert werden. Damit werden die UN-Nachhaltigkeitsziele 13 (Maßnahmen zum Klimaschutz) und 15 (Leben an Land) angesprochen. Des Weiteren verdeutlicht das Spiel, dass die Verstädterung zunehmend Lebensräume diverser Arten einschränkt, wodurch das Nachhaltigkeitsziel 11 (Nachhaltige Städte und Gemeinden) thematisiert werden kann. Auf diese Weise lernen die Schüler:innen die Bestandteile eines Ökosystems kennen und verknüpfen diese miteinander, wodurch das Verständnis für das zusammenhängende Gleichgewicht gefördert werden kann.
Spielablauf von „BioBalance“
Zu Beginn des Spiels muss der Wackelturm aufgebaut werden. Dieser besteht aus 45 Steinen in fünf unterschiedlichen Farben. Der Turm wird wie ein klassisches Jenga-Spiel zusammengesetzt. Die Steine werden bunt gemischt und zufällig aufeinandergestapelt. Auf die oberste Reihe werden abschließend drei neutrale Steine gelegt. Diese markieren die Spitze des Turms, die nicht bewegt werden darf. Jeweils drei Steine von jeder Farbe werden auf einen Ersatzstapel an die Seite gelegt.
Anschließend werden jeweils die Ereignis- sowie die Aktionskarten separat gemischt und verdeckt auf einen Stapel gelegt. Für die Durchführung eignen sich Gruppen aus zwei bis drei Schüler:innen, dies kann aber flexibel angepasst werden. Das Spiel besteht aus maximal zehn Runden. Jede Runde besteht aus einer Ereignis- und einer Aktionsphase.
Beispielhafte Lernziele
Die angestrebten Kompetenzen können je nach Fach, Unterrichtsthema und Jahrgangsstufe unterschiedlich sein.
Methodische Kompetenzen:
Die Schüler*innen können …
… den Aufbau und die Durchführung des Modellexperiments eigenständig organisieren.
… Veränderungen im Modell beobachten und Schlüsse für weitere Schritte ziehen.
… die Auswirkungen von Artenverlust auf die Umwelt mithilfe eines Modells nachvollziehen.
… das Modell als Transferinstrument nutzen, um reale Umweltprobleme zu diskutieren.
Fachliche Kompetenzen:
Die Schüler:innen können …
… Maßnahmen zum Erhalt von Ökosystemen kritisch diskutieren und begründen.
… die Bedeutung von Biodiversität für die Stabilität von Ökosystemen erläutern.
… menschliche Eingriffe und ihre Auswirkungen auf Ökosysteme analysieren.
Ereignisphase
Spieler:in 1 zieht eine Ereigniskarte und liest die Karte der Gruppe vor. Dann wird die Anweisung auf der Karte durchgeführt, indem die entsprechenden Steine entfernt und an die Seite gelegt werden. Die Phase zeichnet sich dadurch aus, dass das Ökosystem durch verschiedene Ereignisse belastet wird (z. B. klimabedingte Vermehrung von Schädlingen oder Waldrodung in der Umgebung). Danach ist Spieler:in 2 dran. Insgesamt werden in dieser Phase drei Ereigniskarten gespielt.
Aktionsphase
Nach Abschluss der Ereignisphase wird eine Aktionskarte gespielt. Der oder die Nächste in der Zugreihenfolge nimmt eine Karte vom entsprechenden Aktionsstapel, liest sie in der Gruppe vor und führt die Aktion aus. In dieser Phase kann dem Ökosystem durch unterstützende Maßnahmen wieder ein Baustein zur Stabilisierung hinzugefügt werden (z. B. Bau einer Naturhecke). Sollte noch kein Stein der verlangten Farbe aus dem Turm entfernt worden sein, kann ein entsprechender Stein vom Ersatzstapel genommen werden. Ausschließlich beim Hinzufügen der Steine darf der Turm leicht mit den Händen stabilisiert werden, wenn die Steine zu fest verankert sein sollten und es keine andere Möglichkeit gibt, den Stein in den Turm einzubauen. Nach der Aktionsphase folgt erneut eine Ereignisphase.
Spielende
Sobald der Turm gekippt ist, stoppt das Spiel. Nun kann entschieden werden, ob in einer weiteren Runde bessere Taktiken angewandt werden können, indem Steine etwa anders gezogen oder positioniert werden. Zudem besteht die Möglichkeit, Sicherungsaufgaben in das Lernspiel einzubinden.
Integration und Adaption des Lernspiels
„BioBalance“ kann in verschiedene Phasen einer Unterrichtsreihe oder -stunde eingebaut werden. Einerseits ermöglicht das Spiel einen Einstieg in die Faktoren eines Ökosystems, andererseits können diese Faktoren im Rahmen der zentralen Arbeitsphase erarbeitet werden. Abhängig von den Unterrichtsinhalten können die Schüler:innen die Ereignis- und Aktionskarten selbst gestalten. Zudem lassen sich in der Abschlussphase die Lernergebnisse mithilfe des Spiels festigen.
„BioBalance“ ist bisher primär auf das Ökosystem einer Kulturlandschaft mit Wiesen und Waldrändern ausgerichtet, Adaptionen sind aber möglich. So kann das Lernspiel beispielsweise das Ökosystem Meer in den Fokus stellen, indem die Faktoren ausgetauscht (z. B. Muscheln oder Stachelhäuter statt Bestäuber, Korallen statt Pflanzen) sowie Ereignisse (z. B. Öltanker ist auf Grund gelaufen oder Stürme treiben vermehrt Plastik ins Meer) und Aktionen (z. B. Tauchangebote zum Aufbau künstlicher Korallenriffe, Müllsammelaktion in belasteten Gebieten) angepasst werden. Allgemein lässt sich der Schwierigkeitsgrad des Spiels durch die Anzahl der Steine anpassen, um das Spiel einfacher oder schwieriger zu gestalten. Eine weitere Option besteht in der Anpassung der Ereignis- und Aktionsphasen. So kann in einer ersten Runde auf jedes Ereignis eine Aktion folgen. Mit den zunehmenden Runden vergrößert sich dann der Abstand von den Ereignissen bis zu den stabilisierenden Aktionen, um die Wirkungsdifferenz deutlich hervorzuheben.
Download
Das gesamte Material inkl. Hinweisen zum allgemeinen Spielaufbau und den benötigten Materialien, einem fertigen Drucksatz an Ereignis- und Aktionskarten für das Ökosystem der Kulturlandschaft sowie einem Blankodrucksatz und einer genauen Spielanleitung inkl. einer beispielhaften Aufgabe zur Sicherung der Erkenntnisse steht für Sie hier zum Download bereit:
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