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Evidenz für den Planeten? Wissenschaftliche Politikberatung und ihre Wirkung

Ende 2024 gingen, zum Teil von den Medien un(ter)beobachtet, mehrere UN-Konferenzen zu Ende, die sämtlich um den Erhalt unserer Umwelt gerungen haben. Inzwischen neigt sich 2025 dem Ende zu und wir befinden uns weiterhin auf einem desaströsen Pfad des sich beschleunigenden Klimawandels, Artenverlustes und der Umweltverschmutzung.

Ein Beitrag von Prof. Dr. Ralf Seppelt

Kurzer Rückblick: 1992. Die Mauer war gefallen. Liberale Demokratien waren en vogue. Brundtland-Bericht und Limits-to-Growth-Studie waren lange vorher erschienen. Da einigte sich die Weltengemeinschaft auf dem Gipfel in Rio de Janeiro unter dem Dach der Vereinten Nationen darauf, sich jetzt endlich mal zusammen um Umweltprobleme zu kümmern. Die Klima-, Biodiversitäts-, Wüsten- und Feuchtgebiets-Konventionen wurden ratifiziert. Vor allem zur Klimakonvention (UNFCCC, heute 198 Mitgliedsstaaten) und Konvention zum Schutz der Artenvielfalt (CBD, 196 Mitgliedsstaaten) wird in den Medien berichtet, etwa wenn es um die Vereinbarung von Zielen geht, am prominentesten das 1,5-Grad-Ziel von Paris 2015.

Politikrelevante Zusammenstellung wissenschaftlicher Erkenntnisse

Nur, wie kommen solche Beschlüsse zustande? Grundlage für diese völkerrechtlich bindenden Abkommen sind die sogenannten Sachstandsberichte. Dazu einigen sich Regierungen zunächst auf die Inhalte und stellen die Fragen, die es zu beantworten gilt. Fast 200 Staaten legen eine sehr umfangreiche Hausaufgabe fest. Und wer bearbeitet die?

Wissenschaftler:innen. Die bewerben sich (fachliche Eignung, Erfahrung) und werden von ihren Regierungen nominiert (Legitimation). Das endgültige Autor:innenteam wird vom Büro der jeweiligen Konvention festgelegt und so entstehen internationale, interdisziplinäre, multi-kulturelle, halt diverse Teams, die den Stand des Wissens zusammentragen und so die Hausaufgabe bearbeiten.

Das dauert ein paar Jahre. Politikrelevante Synthese wissenschaftlicher Publikationen ist in dem Umfang schon ein bisschen die Königsdisziplin der Politikberatung. Mehrere Tausend Publikationen werden ausgewertet, interpretiert, eingeordnet. Die Grundlage ist also das, was in den Medien als „Studie“ bezeichnet wird – nur halt sehr viele. Damit schöpfen Autor:innenteams die „Sahne“ wissenschaftlicher Erkenntnis ab. Denn hinter jeder einzelnen Studie stehen ja wieder mehrere Autor:innen, jahrelange Arbeit und ebenfalls ein Begutachtungsverfahren.

Den Exkurs, dass dabei natürlich auch Fehler passieren können (sind halt alles Menschen) oder Studien aus unlauteren Gründen gefälscht werden (dito), kürzen wir mal ab. Nur so viel: Ja, das gibt es, und die Gründe dafür sind hinlänglich bekannt, aber das Wissenschaftssystem verbessert immer wieder die eigenen Kontrollmechanismen. Damit sind solche Fälle eine absolute Ausnahme. Und gerade wenn man zu einem Thema Wissen aus allen Ecken zusammenkehrt, fallen Ausreißer mit besonderen Ergebnissen auf und werden genauer überprüft. Im Kern bleibt nämlich unverrückbar: Wissenschaft war und ist die Grundlage des Erfolges unserer Zivilisationen. Oder wollen Sie in einer Welt ohne Antibiotika leben?

Windhoek, Namibia, 2024: IPBES-11

Eine im Dezember letzten Jahres erfolgreich zu Ende gegangene Konferenz war IPBES-11. IPBES ist die wissenschaftliche zwischenstaatliche Beratungsinstitution für die CBD, die Biodiversitätskonvention. Auf ebendieser Konferenz wurden zwei Berichte verabschiedet: der zum „Transformativen Wandel“ und der zu den Zusammenhängen von Biodiversität, Nahrungssicherheit, Gesundheit, Wasser und Klima, das sogenannte „Nexus Assessment“. Wo letzterer aufzeigt, wie es um diese Kerngrößen unseres Lebens steht, welche Trends es gibt und wie man darauf Einfluss nehmen kann, zeigt der Erstere, welche Schritte und Maßnahmen für gesellschaftliche Veränderungen nötig und möglich sind. Dabei zeigen beide Berichte unzählige Lösungsmöglichkeiten auf, sagen aber auch, dass Silo-artiges Denken keine Lösungen bringt. Interministerielle Zusammenarbeit ist nötig.

Wer liest diese Berichte eigentlich?

1.900 Seiten, so groß ist das „Nexus Assessment“. In Gänze liest das niemand, schon gar nicht Politiker:innen. Also braucht es eine Zusammenfassung, und zwar für Entscheidungsträger:innen, die Summary für Policy Maker: Auf 57 Seiten fassen 39 Kernaussagen die 1.900 Seiten Bericht und damit 6.500 wissenschaftlichen Publikationen zusammen. Der Bericht selbst wird zum Nachschlagewerk, was die Begründung und Erklärungen für diese Zusammenfassung liefert, die das entscheidende Dokument ist, das auf einer solchen Konferenz verhandelt wird. Satz für Satz wird im Plenum diskutiert. Nur wenn niemand Einspruch erhebt, geht es weiter im Text. Mühselig. Am Ende heißt es dann „I see no objections, so decided!“, ein einzelner Hammer fällt und vielen ein Stein vom Herzen, weil man eine Woche lang um viele einzelne Formulieren gerungen hat.

Was passiert jetzt? Leider zu wenig!

Sitzungssaal mit vielen Menschen
Wenn es in der eigentlichen Sitzung keine Einigung gibt, wird im kleineren Kreis, in sogenannten „Friends of the Chair“-Gruppen, weiterverhandelt | © Taylor Rickets

Nach drei Jahren Arbeit an einem solchen Bericht ist es natürlich unfassbar frustrierend, wie gering die Wirkung dieser Arbeit ist, wie langsam all diese politikrelevanten, aber nicht vorschreibenden Vorschläge umgesetzt wurden.

Aber hier muss man unterscheiden zwischen den rechtlich bindenden Beschlüssen, wie zum Beispiel dem Paris Agreement, das mit dem bahnbrechenden Urteil des Bundesverfassungsgerichtes aus 2021 (Az. 1 BvR 2656/18) auch für die deutsche Klimagesetzgebung Konsequenzen hatte. Die Berichte entfalten noch eine andere Wirkung. In den Rechtswissenschaften bezeichnet man das als „Soft Law“. Durch das Einstimmigkeitsprinzip sind diese Texte von allen Mitgliedsstaaten akzeptiert. Jede Regierung kann sich die zu eigen machen. Und auf lange Sicht passiert genau das. Wissenschaft erklärt der Politik die Welt. 

Mittlerweile wird es nicht mehr infrage gestellt, dass Biodiversität die Grundlage für funktionierende Ökosysteme ist. Und ansatzweise kompetente Politiker:innen zweifeln nicht am Klimawandel und seinen menschengemachten Ursachen. Nur, lange, zu lange hat das gedauert. Und die letzten Skeptiker:innen sind medial zu laut.

Und doch gibt es Erfolge

Dabei sind die letzten 75 Jahre der Menschheitsgeschichte schon eine ziemliche Erfolgsgeschichte. Eigentlich produzieren wir mehr als genug Nahrung, um 10 Milliarden Menschen oder mehr zu ernähren. Die Kindersterblichkeit ist deutlich zurückgegangen, auch die Geburtenraten und gleichzeitig Ausbildung angestiegen. Ja, das basiert alles auf Technologien, die fossile Energien benötigen. Aber wir haben auch die Alternativen entwickelt. Der Anteil an erneuerbarer Energieproduktion wächst weiterhin exponentiell. Und wo sich die Welt 2009 noch einem globalen Temperaturanstieg von 3,5 Grad Celsius gegenübersah, ergeben die Maßnahmen aller Länder seit dem Pariser Abkommen nun eine Trajektorie von 2,1 Grad Celsius. Umweltkonferenzen verändern doch die Welt.

Aber noch etwas ist ermutigend: Man redet, und zwar miteinander. Das finde ich, bei allem Streit in den Verhandlungen, immer wieder beruhigend. Regierungsvertreter:innen sitzen nebeneinander, alphabetisch nach Ländernamen sortiert. Da können also zwei zusammensitzen, die entweder Tausende von Meilen entfernt wohnen oder die sich zu Hause gar nicht grün sind. Dieser Konsens wird brüchig. Das Recht des Stärkeren scheint gegenüber dem wissenschaftlich überzeugenderen Argument zu verblassen. Noch aber ist der überwiegenden Mehrheit auf einer solchen Konferenz klar: „Make somebody great again“ ist eine ganz dämliche Haltung. Probleme müssen auf unserem Planeten gemeinsam gelöst werden. Dafür hocken wir uns – Globalisierung sei Dank – einfach schon zu sehr auf der Pelle.

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