Skip to content

Schon bemerkt? Bei ziemlich jedem Thema herrscht inzwischen Krise. Da lernt man jemanden kennen, beginnt unverfänglich ein Gespräch und ist, ratzfatz, schon bei einer Krise gelandet, über die man sich unterhalten muss. Bildung, Wetter, Weltlage – Krisen sind jetzt scheinbar überall und Ängste und Ahnungen purzeln selbst in die harmlosesten Gespräche, als ob es kein Morgen gäbe. Früher konnte man sich wenigstens noch über Autos unterhalten, aber das ist jetzt auch vorbei.

Eine Kolumne von Tobias Beck

Essen geht noch. Immerhin. Zwar lauern auch da Untiefen und Dogmen – ein großer Lebensmittelkonzern hat im vergangenen Jahr den Deutschen ein „Spannungsfeld zwischen Verzicht und Genuss“ attestiert –, aber die große Essenskrise hat den Small Talk noch nicht erwischt. Über Essen, sei es was, wo, wie viel oder wann, kann man immer noch gut und lange reden, ohne beim nächsten Satz vom drohenden Weltuntergang überrascht zu werden.

Essen als unverfängliches Gesprächsthema

Die kommunikative Flucht raus aus der Krise und rein ins Essen hat jetzt auch die Wissenschaft erwischt, das war bei der diesjährigen Verleihung des Ig-Nobelpreises im Herbst zu spüren. Der Preis wird zeitgleich mit der berühmten Ehrung in Stockholm von einer Gruppe Wissenschaftler:innen, Journalist:innen, Musiker:innen und Künstler:innen in den USA verliehen, doch er hat einen anderen Fokus. Er zeichnet nur solche wissenschaftlichen Studien aus, die ein Kriterium besonders gut erfüllen: Sie sollen zum Lachen UND zum Nachdenken anregen.

Schmunzeln konnte man in diesem Jahr wieder über alle Preisträger:innen: So hat es jahrzehntelange, akribische Forschung am Wachstum von Fingernägeln genauso geschafft wie eine Arbeit zur Bemalung von Kühen mit Zebramuster und zur Auswirkung davon auf die Anzahl der Mückenstiche.

Wissenschaft, die satt macht

Bemerkenswert ist jedoch, dass in diesem Jahr von zehn Preisen gleich sechs mit Essen und Trinken zu tun hatten. Den Physik-Preis holte sich ein Forschungsteam mit einer Untersuchung von Phasenübergängen in Spaghettisoße. Sie fanden heraus, dass vor allem die Stärke-Konzentration eine Rolle spielt, wenn die berühmte „Cacio e Pepe“-Soße aus Käse und Pfeffer nicht klumpen soll. In Chemie gewannen Wissenschaftler:innen, die untersucht hatten, ob sich der bei uns als „Teflon“ bekannte Stoff zum Abnehmen eignet. Weil Polytetrafluorethylen inert ist, also mit nichts chemisch reagiert, haben die Forscher:nnen es in Pulverform als Nahrungsergänzung getestet. Fazit: Teflon sättigt ohne Kalorien – und das ohne Nebenwirkungen, zumindest im Labor.

Dass Regenbogen-Eidechsen Vier-Käse-Pizza lieben, sorgte für den Sieg in der Kategorie Ernährung. Bei der gezielten Fütterung mit verschiedenen Pizzasorten konnte das ein europäisch-afrikanisches Team bei Eidechsen in Togo eindrucksvoll zeigen. Und den Preis für Kinderheilkunde räumten Forscher:nnen für eine Knoblauchstudie ab. Bei stillenden Müttern und ihren Babys bemerkten sie nach dem Verzehr von Knoblauch eine deutliche Veränderung: Zwei Stunden nach dem Essen schmeckte Muttermilch anders und Babys nuckelten ausgiebiger als ohne die Würzknolle.

Prost, Ig-Friedensnobelpreis

Der Preis für Flugforschung ging an Biolog:innen, die sich mit ägyptischen Flughunden im Alkoholrausch beschäftigt hatten. Diese Tiere verlieren merklich Orientierung und Ortungsfähigkeiten, wenn sie vergorene Früchte essen. Ach ja, und den Ig-Friedensnobelpreis gab es auch für Alkohol. Genauer: Es gab ihn für die Untersuchung, wie gemäßigter Alkoholkonsum das Lernen einer Fremdsprache erleichtert. Das Ergebnis: Nach einem Gläschen wurden die Sprachfähigkeit und die Aussprache bei Lernenden von Fremdsprachen tatsächlich besser. Die angeduselten Proband:innen wurden von Muttersprachler:innen signifikant besser verstanden.

Geht man davon aus, dass Krisen immer dann entstehen, wenn man zu wenig miteinander spricht, sich nicht zuhört oder vielleicht gar nicht versteht, was das Gegenüber sagen will, könnte diese Erkenntnis jetzt vielleicht wirklich einen Weg aus vielen Krisen der Welt weisen.

Tobias Beck

Tobias Beck geht als Lehrer, Wissenschaftsjournalist und unerschrockener Freizeitwissenschaftler für den MINT Zirkel schon seit Längerem Alltagsmythen auf den Grund. Für seine Kolumne schaut er sich regelmäßig auf dem Jahrmarkt der wissenschaftlichen Durchbrüche um und stößt dabei mal auf Sonderbares, mal auf Skurriles – oder auch auf schlichtweg Erstaunliches.

© Headerbild | Freepik

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Mehr davon finden Sie in unserer Lehrerzeitung MINT Zirkel! Mit dem digitalen MINT Zirkel-Abo erhalten Sie regelmäßig neue Ausgaben der digitalen Lehrerzeitung – vollgepackt mit praxisnahen Fachartikeln, didaktisch fundierten Materialien und exklusiven MINT Zirkel-Zusatzmaterialien. Speziell für Lehrkräfte im MINT-Bereich.

Beitrag teilen:

Facebook
X
LinkedIn
Pinterest
XING
WhatsApp
Email

Ähnliche Beiträge

Sitzungssaal mit vielen Menschen
7. Januar, 2026
Ende 2024 gingen, zum Teil von den Medien un(ter)beobachtet, mehrere UN-Konferenzen zu Ende, die sämtlich um den Erhalt unserer Umwelt gerungen haben. Inzwischen neigt sich 2025 dem Ende zu und wir befinden uns weiterhin auf einem desaströsen Pfad des sich beschleunigenden Klimawandels, Artenverlustes und der Umweltverschmutzung.
Zwei gefüllte Champagnergläser vor Bokeh-Hintergrund
30. Dezember, 2025
Das Schuljahr ist wieder gestartet. Für Millionen Schüler:innen, Lehrkräfte und Eltern fühlt sich der Alltag jetzt, nach dem Sommer, ähnlich an wie der davor. Es gibt wieder: frühes Aufstehen, verstopfte Schultoiletten, Formeln, Vokabeln und unrenovierte Gebäude. Für alle, die dabei Gefahr laufen, in den Trott vom letzten Jahr zu verfallen, hilft vielleicht der Blick auf zwei wissenschaftliche Highlights der letzten Zeit.
Eine Frau, von der nur die Arme zu sehen sind, hält ein Glas mit einem künstlichen Weihnachtsbaum ins Bild
23. Dezember, 2025
Das populärwissenschaftliche britische Magazin New Scientist erscheint seit 1956 jede Woche. Von 1967 bis 1977 enthielt es die Kolumne „Tantalizer“ (auf Deutsch: „Peiniger“) mit mathematischen und logischen Rätseln, die von dem britischen Philosophen Martin Hollis geschrieben wurden. Seit dem 22. Februar 1979 findet man in dem Magazin eine Denksportkolumne mit dem Titel „Enigma“ (auf Deutsch: „Rätsel“). Die Kolumne lief fast 35 Jahre lang, als am 28. Dezember 2013 das 1780. und letzte „Enigma“ erschien. Am 2. Januar 2013 stellte Peter Chamberlain das folgende Rätsel.
Adventsgesteck mit vier roten brennenden Kerzen
16. Dezember, 2025
Advent ist nicht nur die Zeit des Lichts, sondern auch des Nachdenkens – und manchmal sogar des logischen Denkens. Das folgende Rätsel bringt die feste Struktur des Adventsbrauchs mit einer kleinen mathematischen Herausforderung zusammen. Perfekt für alle, die gern über Kerzen hinaus in Zahlen denken. Viel Freude beim Knobeln!
Rentier im Schnee
9. Dezember, 2025
Weihnachten 1939 gab die Kaufhauskette „Montgomery Ward“ aus Chicago ein von Robert Lewis May entworfenes Malbuch für Kinder heraus, das von einem Rentier mit einer leuchtend roten Nase namens Rudolph handelte. 1949 landete Gene Autry mit dem darauf basierenden von Johnny Marks geschriebenen Weihnachtslied „Rudolph, the Red-Nosed Reindeer“ einen Welthit. Die Geschichte des rotnasigen Rentiers ist auch mehrfach verfilmt worden.
Leere Liste vom Weihnachtsmann inmitten weihnachtlicher Dekoration wie Zuckerstange und Weihnachtsmütze
2. Dezember, 2025
Simone Falk-Hiller wurde 1966 in Bremen geboren. Sie ist Betriebswirtin und Programmiererin, arbeitet als Lehrbeauftragte an der Lüneburger Universität Leuphana und bietet an Volkshochschulen Programmierkurse an. Außerdem ist sie eine sehr kreative Erfinderin von Denksportaufgaben. 2023 entwarf sie folgende Knobelei.
Geschmückter Tannenbaum steht in mystischerr Kulisse
26. November, 2025
Das populärwissenschaftliche britische Magazin New Scientist erscheint seit 1956 jede Woche. Von 1967 bis 1977 enthielt es die Kolumne „Tantalizer“ (auf Deutsch: „Peiniger“) mit mathematischen und logischen Rätseln, die von dem britischen Philosophen Martin Hollis geschrieben wurden. Seit dem 22. Februar 1979 findet man in dem Magazin eine Denksportkolumne mit dem Titel „Enigma“ (auf Deutsch: „Rätsel“). Die Kolumne lief fast 35 Jahre lang, als am 28. Dezember 2013 das 1780. und letzte „Enigma“ erschien. Am 2. Januar 2013 stellte Peter Chamberlain das folgende Rätsel.
LEGO Education Science im Unterricht
26. November, 2025
Es kann frustrierend sein, sowohl für Schüler:innen als auch für Lehrkräfte an weiterführenden Schulen: Man gibt alles, gestaltet den Unterricht abwechslungsreich, sucht lebensnahe Beispiele, und trotzdem scheint das Interesse mancher Kinder und Jugendlichen schnell zu schwinden. Spätestens beim Korrigieren der Klassenarbeiten fragt man sich: Haben wir dieses Thema überhaupt behandelt? Was bleibt, ist das Gefühl, dass Wissen zwar vermittelt, aber nicht wirklich verankert wurde.
Junge Frau hält eine Tasse mit Kakao und Marshmallows in der Hand, während sie ein Buch liest
19. November, 2025
Vorweihnachtszeit, Advent und dann endlich die Tage zwischen den Jahren: Endlich wieder ein wenig mehr Ruhe, um etwas Spannendes aus der MINT-Welt zu lesen. Stöbern Sie mit uns – hier kommen unsere Lektüreempfehlungen für die Weihnachtstage.
Pappschild mit einer farbigen Zeichnung einer brennenden Erde
19. November, 2025
Schon längst ist der Klimawandel kein politisches oder gesellschaftliches Randthema mehr. Die Klimaveränderungen sowie die damit verbundenen Auswirkungen auf Natur und Mensch betreffen uns alle. Hinzu kommt, dass vor allem die nachfolgenden Generationen mit den Folgen der globalen Erderwärmung umgehen und leben lernen müssen. Dafür ist es wichtig, dass schon Kinder verstehen, wie diese Veränderungen entstehen, welche Lebensgrundlagen dadurch bedroht sind und wie sie aktiv eine lebenswerte Zukunft für alle gestalten können.
Farbige Kuchen mit Garnitur
19. November, 2025
Die molekulare Küche, die ihren Ursprung in der Spitzengastronomie hat, bietet zahlreiche Möglichkeiten für die Zubereitung und Präsentation von Speisen. Ein bekanntes Beispiel sind Alginatperlen, die als „Fruchtkaviar“ bekannt wurden und heute bei Jugendlichen in Bubble Tea als „Popping Boba“ große Beliebtheit genießen. Abgesehen von derartigen spielerischen Aspekten hält die molekulare Küche jedoch auch praktische Anwendungen bereit, etwa im Bereich Gesundheit und Pflege. Im Klassenzimmer verbindet sie kulinarische Kreativität mit naturwissenschaftlichem Lernen und macht Chemie im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar.
Erde gibt den Blick frei auf zwei andere Planeten
12. November, 2025
Inzwischen ist der Nachweis von Planeten bei anderen Sternen Routine. Nun können Superteleskope sogar deren Atmosphären analysieren – und vielleicht bald Lebensspuren entdecken.

Vielen Dank, dass Sie sich für den MINT Zirkel interessieren. Registrieren Sie sich jetzt, um Zugriff auf alle Zusatzmaterialien zu erhalten oder melden Sie sich mit Ihren bestehenden Zugangsdaten zu Ihrem “Mein MINT Zirkel-Account“ an.