Skip to content

Molekulare Küche – vom Sternerestaurant ins Klassenzimmer

Die molekulare Küche, die ihren Ursprung in der Spitzengastronomie hat, bietet zahlreiche Möglichkeiten für die Zubereitung und Präsentation von Speisen. Ein bekanntes Beispiel sind Alginatperlen, die als „Fruchtkaviar“ bekannt wurden und heute bei Jugendlichen in Bubble Tea als „Popping Boba“ große Beliebtheit genießen. Abgesehen von derartigen spielerischen Aspekten hält die molekulare Küche jedoch auch praktische Anwendungen bereit, etwa im Bereich Gesundheit und Pflege. Im Klassenzimmer verbindet sie kulinarische Kreativität mit naturwissenschaftlichem Lernen und macht Chemie im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar.

Ein Beitrag von Dr. Peter Steurer, Prof. Dr. Katja Maaß und Dr. Oliver Straser

Ein praxisnahes Beispiel liefert ein Projekt an den Beruflichen Schulen Wolfach. Dort erprobten Schüler:innen der 9. Klasse im Fach Hauswirtschaft Methoden der molekularen Küche im Zusammenhang mit Dysphagie, also Schluckbeschwerden. Davon sind rund fünf Millionen Menschen in Deutschland betroffen, insbesondere ältere Personen. Ziel des Projekts war es, Lebensmittel so zuzubereiten, dass sie sicher geschluckt werden können, ohne dabei auf Genuss oder Ästhetik zu verzichten.

Molekulare Küche und Dysphagie

Menschen mit schwerer Dysphagie benötigen beispielsweise eingedickte Getränke, um ein Verschlucken und Eindringen von Fremdkörpern in die Atemwege und eine damit einhergehende Lungenentzündung zu verhindern. Je stärker die Schluckbeschwerden, desto viskoser müssen die Getränke sein. Die Eindickungsmittel dürfen sich nicht bereits mit dem Speichel wieder zersetzen. Im Magen-Darm-Bereich soll die Flüssigkeit dafür jedoch schnell wieder freigegeben werden.

Impulse für den Unterricht

Schülerin macht den IDDSI-Test mithilfe einer leeren Sprudelflasche
IDDSI-Test mithilfe einer leeren Sprudelflasche | © Dr. Peter Steurer

Zunächst wurden die Thematik und der Begriff der Viskosität schülertauglich behandelt.

Anschließend führten die Jugendlichen einfache Tests zur Viskosität von Flüssigkeiten durch, etwa den IDDSI-Tropftest. Hierfür wurden lediglich eine 10-Milliliter-Spritze ohne Kolben und eine Stoppuhr benötigt. Als Testflüssigkeiten eignen sich sowohl kommerzielle Eindickungsmittel als auch Xanthan- oder Stärkelösungen.

Während eine physikalische Definition der Viskosität hier nicht zielführend wäre, ist der Zusammenhang zwischen Durchlaufgeschwindigkeit und Viskosität auch für die Schüler:innen einfach zu erkennen.

Anschließend wurde ein Menü gekocht, bei dem alle Komponenten püriert und mithilfe von Bindemitteln in eine ansprechende Form gebracht wurden. Das Ergebnis: Gerichte, die optisch kaum vom Original zu unterscheiden waren, aber ein deutlich geringeres Risiko des Verschluckens bargen.

Nachdem die Schüler:innen ihre Produkte verkostet hatten, wurden an einem nachgelagerten Termin mehrere Senior:innen mit Schluckbeschwerden vom Seniorenzentrum am Schlossberg in Hausach zum Essen an die Berufsschule in Wolfach eingeladen und bewirtet. Das Menü, bestehend aus Bratwurst mit Kartoffelrösti und Vichy-Karotten sowie Softschokolade mit Joghurt-Zimtschaum wurde durchweg positiv angenommen.

IDDSI-Ansatz

Hinter dem Kürzel verbirgt sich die Internationale Dysphagie-Diät-Standardisierungs-Initiative. Sie teilt Speisen und Getränke in sieben Stufen ein. Ein interessanter Ansatz besteht darin, dass die Tests zur Einstufung der Nahrungsmittel ohne Spezialausrüstung nur mithilfe von Gabel, Löffel oder einer Plastikspritze erfolgen, mit anderen Worten also überall und von jedem durchführbar sind. Hier gibt es eine konkrete Beschreibung zur Durchführung des Tests:

Das Spritzenset inkl. Halterung, Spritze und Eindickungsmittel kann hier bestellt werden:

Bezug zwischen Naturwissenschaft und Alltag

Das Projekt verdeutlicht, wie die molekulare Küche fächerübergreifend eingesetzt werden kann. Chemische und physikalische Phänomene – Gelierung, Viskosität, Wechselwirkungen von unterschiedlich geladenen Ionen – werden praktisch erfahrbar und mit sozialen Fragestellungen wie Ernährung im Alter verknüpft.

Damit eignet sich das Thema sowohl für berufsbildende als auch für allgemeinbildende Schulen, etwa in Projekttagen oder im Rahmen von MINT-Angeboten.

Zudem kann ein Bezug zwischen naturwissenschaftlichen Ideen und realen Problemen hergestellt werden. Schüler:innen können für Probleme außerhalb ihrer Alltagserfahrung sensibilisiert werden, eventuell auch als Vorbereitung oder Nachbereitung zu Sozialpraktika oder „Compassion“-Projekten.

Bratwurst mit Kartoffelrösti und Vichy-Karotte auf einem dunklen Teller
Bratwurst mit Kartoffelrösti und Vichy-Karotte – gekocht, püriert und neu gebunden | © Dr. Peter Steurer

Auch kleinere Experimente lassen sich leicht in den Unterricht integrieren:

  • Fruchtspaghetti aus Fruchtsaft und Agar-Agar
  • schnittfeste Getränke, die in Orangen oder Zitronen serviert werden
  • die Herstellung von Alginatperlen, die Schüler:innen aus dem Alltag kennen

Diese Experimente sind einfach umzusetzen, aber trotzdem faszinierend. Durch den Bezug zum Bubble Tea sind Schüler:innen insbesondere bei der Herstellung der Alginatperlen mit Begeisterung dabei.

Neben dem Wow-Effekt entsteht so ein Anlass, die Eigenschaften von Lebensmittelzusatz-stoffen und deren Einsatz in verarbeiteten Lebensmitteln zu thematisieren. Viele Schüler:innen, aber auch Lehrkräfte sind überrascht, dass aus der Anwesenheit von E-Nummern in der Zutatenliste keine Aussage über die Gesundheit eines Lebensmittels gemacht werden kann: Es obliegt den Herstellern, die Zutaten je nach Gusto als E-Nummer, mit chemischem Namen oder Trivialnamen anzugeben. Überraschend für viele ist beispielsweise, dass E101, Riboflavin und Vitamin B2 identisch sind – ein guter Einstieg, um Vorurteile zu reflektieren.

Molekulare Gerichte selbst herstellen

Es gibt mindestens drei Herangehensweisen, um pürierte Kost in Form zu bringen:

  • Universalgeliermischungen ermöglichen es, nahezu jedes flüssige Ausgangsmaterial wieder formstabil zu machen. Die Produkte werden nach kurzem Aufkochen in Formen gegossen.
  • Spezielle Geliermittel können abwechslungsreichere Texturen erzeugen; hier kommen etwa Gellan (Low Acyl), Xanthan, Agar-Agar, Carragene oder auch Gelatine zum Einsatz.

Klassische Bindeverfahren unter Nutzung von Ei, Sahne oder Stärke können ebenfalls zum gewünschten Ergebnis führen.

Download

Die Rezepte zum Menü können Sie hier herunterladen:

Fazit

Die Themen Nahrungsmittelzubereitung, Ernährung und Gesundheit eignen sich perfekt zur Durchführung von fächerübergreifendem Unterricht mit MINT-Themen. Gerade die neuen Trends zum Einsatz von Techniken aus der Molekularküche im Bereich der Pflege zeigen die Verbindungen zwischen den einzelnen Fachbereichen auf. Ein besonderer Dank geht an dieser Stelle an Frau Haas von den Beruflichen Schulen Wolfach für ihr Engagement in dem Projekt und den direkten Kontakt zu der Pflegeeinrichtung.

Headerbild | © Freepik/jannoon028

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Ab sofort können Sie mit dem Digital-Abo alle Fachartikel aus dem MINT Zirkel am Bildschirm lesen, alle Zusatzmaterialien zu den Beiträgen nutzen, die Beiträge auch als Audioversion anhören und das Ausgabenarchiv bequem durchsuchen. Viermal im Jahr kommt eine neue Ausgabe – für Ihren Wissensvorsprung! Außerdem erhalten Sie im Abo unbegrenzten Zugriff auf sämtliche im MINT Zirkel veröffentlichten Downloads (Arbeitsblätter, Unterrichtsmaterial etc.) und sichern sich weitere exklusive Vorteile.

Beitrag teilen:

Facebook
X
LinkedIn
Pinterest
XING
WhatsApp
Email

Ähnliche Beiträge

Langhalsiger Dinosaurier in einer kargen Waldlandschaft
7. Oktober, 2026
Das Tier des Frühlings kam aus dem Meer: der gestrandete Ostsee-Wal, den Journalist:innen im April „Hope“ oder „Timmy“ tauften, ein Buckelwal, 12,3 Meter lang, tonnenschwer und als Wal ein Mitglied jener Tiere, die bisher als die größten in den Ozeanen galten. Sehr wahrscheinlich ist, dass seine Größe den Rummel um ihn befeuerte. Er wurde geliebt, bemitleidet, hochgejazzt und schließlich als unser aller Meeres-Buddy in eine ungewisse Zukunft entlassen.
ESA-Astronaut Matthias Maurer und Reserve-Astronautin Amelie Schoenenwald
Gesponserte Inhalte
5. Oktober, 2026
Der Schulwettbewerb „Beschützer der Erde – Space for Change“ geht in die vierte Wettbewerbsrunde! Schüler:innen der 6., 7. und 8. Klassen in ganz Deutschland sind wieder gefragt: Was können wir für den Schutz unserer Erde tun – und wie können uns Daten aus dem All dabei helfen? Für Lehrkräfte bietet der Wettbewerb die Möglichkeit, ein aktuelles Thema forschend, praxisnah und mit viel Raum für eigene Ideen in den Unterricht zu holen.
Jugendlicher auf dem Schulflur springt enthusiastisch in die Luft
30. September, 2026
Es gibt diese Momente im Schulalltag, die sich nicht planen lassen. Momente, in denen jemand etwas ausprobiert, obwohl es noch keine fertige Lösung gibt. Momente, in denen trotz Unsicherheiten gehandelt wird. Nicht die große Reform, nicht das fertige Konzept verändert Schule, sondern diese kleinen, oft unscheinbaren Entscheidungen. Diese Mutausbrüche. Sie liegen zum Beispiel im Ausprobieren einer neuen Methode oder im Abgeben der Kontrolle, im Loslassen und Zutrauen.
" "
29. September, 2026
Ob KI im Klassenzimmer, innovative Physik-Projekte oder interdisziplinäre BNE-Konzepte: MINT Zirkel, die auflagenstärkste Fachpublikation für MINT-Lehrkräfte im deutschsprachigen Raum, bietet auch in der neuen Ausgabe 3/26 wieder jede Menge Themen-Inspiration und Unterrichtsideen.
Drei Männer vor einem Whiteboard, auf dem eine Grafik zu sehen ist
22. September, 2026
Einer Umfrage der Vodafone-Stiftung zufolge nutzten bereits 2024 ca. 68 Prozent der Jugendlichen in Deutschland generative KI im schulischen Kontext. Die Tendenz steigt. Die eigentliche Herausforderung besteht jedoch darin, Lehrkräfte so zu qualifizieren, dass KI nicht nur genutzt, sondern auch verstanden, kritisch eingeordnet und didaktisch sinnvoll eingesetzt werden kann.
Schülerin schaut verträumt zur Seite
16. September, 2026
Statistisch betrachtet sitzt in jedem Klassenraum mindestens ein Kind mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), denn sie gehört zu den am häufigsten diagnostizierten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter. Somit ist es wichtig, dass die Schule für diese Schüler:innen eine lernförderliche Umgebung ist. Zudem gilt: Alles, was Kindern und Jugendlichen mit ADHS hilft, in der Schule und im Unterricht besser zurechtzukommen, hilft auch Kindern und Jugendlichen ohne ADHS.
Drei Personen auf dem Siegerpodest halten ihre Landesfahnen hoch
2. September, 2026
Pflanzen kommunizieren – das ist keine Esoterik, sondern belegte Pflanzenphysiologie. Was aber, wenn wir ihre elektrischen Signale nicht nur messen, sondern mit KI „übersetzen“ könnten? Ein Bericht aus fünf Jahren Forschung und darüber, was das für den MINT-Unterricht bedeutet.
Aufgeschlagenes Buch neben einer Tasse Tee und trockenem Herbstlaub
28. August, 2026
Der Sommer liegt in den letzten Zügen, und es beginnt wieder die Zeit, sich mit einer dampfenden Tasse Kräutertee oder einem warmen Kakao abends zurückzuziehen, um sich mit Neuem zu beschäftigen. Ein paar Anregungen gefällig? Ich habe mich wieder mit spannenden neuen Büchern aus der MINT- und Bildungswelt beschäftigt und aus der Fülle der Neuerscheinungen einige ausgewählt. Hier kommen meine Lektüreempfehlungen für den Spätsommer und Herbst. Viel Spaß beim Lesen.
Kinder halten gemeinschaftlich ihre Hände zusammen
26. August, 2026
Kooperation und Vertrauen sind der Schlüssel für ein gelingendes Miteinander. Das gilt gleichermaßen für Familien, Schulen, Unternehmen oder auch Staaten. Durch kooperatives Verhalten kann gemeinsam mehr erreicht werden als allein, und Vertrauen ist eine Basis für effiziente Zusammenarbeit. Wie aber entwickeln sich Kooperation und Vertrauen? Welche Rolle spielt dabei das Elternhaus und welche Möglichkeiten bieten gezielte Interventionen in unserem Bildungssystem zur Steigerung von Kooperation und Vertrauen?
Lehrerin steht hinter Schülern und erklärt etwas auf einem Tablet
19. August, 2026
Seit dem Launch von ChatGPT Ende 2022 ist generative künstliche Intelligenz an vielen Stellen und mit verschiedenen Tools in der Bildungsarbeit angekommen. Parallel steigen die Erwartungen an Lehrkräfte, die Technologie kompetent einzusetzen und im Unterricht zu thematisieren. Was jedoch zu diesen KI-Kompetenzen gehört, ist komplex und häufig schlecht greifbar. Um in diesem Bereich mehr Orientierung zu ermöglichen, stellen Susanne Alles, Joscha Falck, Manuel Flick und Regina Schulz ein Kompetenzmodell für die Bildungspraxis vor.
Partikel aus tausenden von Atomen
11. August, 2026
Die Seltsamkeiten des Mikrokosmos reichen immer weiter: Jetzt wurden Metallkügelchen über einen Abstand vom Zehnfachen ihres Durchmessers „verschmiert“.
Illustration erstellt von ChatGPT mit dem Prompt „Erstelle eine Illustration für eine Zeitung für Lehrkräfte aus dem MINT-Bereich. Das Thema des Artikels ist ‚KI als Autor‘.“
KI-generiert
4. August, 2026
Um den Gedanken des vorangegangenen Artikels weiterzuführen, haben wir ein kleines Experiment unternommen: Was wäre, wenn der Beitrag vollständig durch eine KI erstellt würde?

Vielen Dank für Ihr Interesse am MINT Zirkel! Registrieren Sie sich jetzt hier für den kostenfreien Download der Unterrichtsmaterialien.

Wenn Sie bereits einen MINT-Zirkel-Account eingerichtet haben, können Sie sich hier anmelden.