Das Schuljahr ist wieder gestartet. Für Millionen Schüler:innen, Lehrkräfte und Eltern fühlt sich der Alltag jetzt, nach dem Sommer, ähnlich an wie der davor. Es gibt wieder: frühes Aufstehen, verstopfte Schultoiletten, Formeln, Vokabeln und unrenovierte Gebäude. Für alle, die dabei Gefahr laufen, in den Trott vom letzten Jahr zu verfallen, hilft vielleicht der Blick auf zwei wissenschaftliche Highlights der letzten Zeit.
Eine Kolumne von Tobias Beck
Eine Rettung für Mathe-Schwache könnte eine neue Studie des Neurowissenschaftlers Roi Kadosh sein. Die Gruppe um den britischen Forscher hatte 72 Freiwillige darauf getestet, ob sie durch gezielte Stimulation des Gehirns mit elektrischen Strömen besser in Mathe werden. Das Resultat war so erstaunlich, dass es zu einer Veröffentlichung im Magazin PLOS Biology reichte: Im Lauf eines fünftägigen Versuchszeitraums verbesserten sich durch die elektrischen Ströme die mathematischen Leistungen bei Menschen, die zuvor schlecht rechnen konnten, deutlich.
Warum Strompulse Mathe leichter machen könnten
Warum sollen ausgerechnet Strompulse matheförderlich sein? Schon lange ist bekannt, dass manche Hirnregionen bei mathematisch Begabten anders aufgebaut sind als bei anderen. Das sieht man bei Untersuchungen im MRT: Dort sind manche Bereiche im präfrontalen Cortex aktiver miteinander vernetzt. Die neue Mathe-Kappe der Hirnforscher:innen stimuliert mit ihren Impulsen nun genau diese Verbindungen und bringt sie auf Trab. Bei der Gruppe mit den schwachen Verbindungen der Hirnregionen verbesserte die Mathe-Mütze die Leistung am meisten. Alle, die in den Eingangstests bereits gute Mathe-Fähigkeiten hatten, konnten dagegen nicht profitieren. Als mögliche Erklärung geben die Forscher:innen an, dass die Reize von außen die Nervenzellen über eine Schwelle heben, ab der sie beginnen, sich weiter mit anderen Nervenzellen auszutauschen, bei den Begabten sind diese Schwellen schon im Normalzustand erreicht.
Inzwischen laufen weitere Tests an der Universität im englischen Surrey. Und es scheint gut möglich, dass die Elektro-Kappe zum Kassenschlager wird: Die Stimulation ist nämlich nebenwirkungs- und schmerzfrei. In einer Umfrage unter Studierenden gaben schon 80 Prozent an, dass sie sich für gute Matheleistungen die Kappe gern aufsetzen würden. Es wäre wohl ein Wunder, wenn Eltern das zum Mathe-Wohl ihrer Kinder anders sehen würden.
Prüfungserfolg ist auch eine Frage der Uhrzeit
Für alle, die bisher noch ohne Mütze eine Prüfung bestehen müssen, könnte sich ein Blick in eine neue Studie von italienischen und deutschen Psycholog:innen im Magazin Frontiers in Psychology lohnen. Sie haben in einer Fleißarbeit die Daten des italienischen Prüfungssystems an Universitäten ausgewertet und mehr als 100.000 Prüfungen von knapp 20.000 Studierenden und 680 Prüfer:innen auf die Frage hin analysiert, zu welcher Uhrzeit die Prüfung stattfand. Ihr verblüffendes Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, eine Prüfung zu bestehen, hängt neben dem Fachwissen der Prüflinge tatsächlich davon ab, wann die Prüfung stattfindet. Mündliche Prüfungen, die zwischen 11 und 13 Uhr stattfinden, werden häufiger bestanden als jene, die morgens um 8 oder nachmittags um 16 Uhr ablaufen.
Wahrscheinlich sind daran beide Seiten schuld: Während Prüflinge morgens eher Anlaufschwierigkeiten haben, lässt am Nachmittag die Konzentration der Prüfenden ab, vermuten die Autor:innen der Studie.
Ein Augenzwinkern zum Schluss
Vielleicht haben diese beiden Erkenntnisse das Zeug dazu, auch den Alltagstrott an den Schulen hierzulande zu verändern. Vorschlag: Prüfungen gibt’s ab jetzt nur noch in der Mittagspause. Und in Mathe-Stunden gilt die Mützenpflicht.
Tobias Beck
Tobias Beck geht als Lehrer, Wissenschaftsjournalist und unerschrockener Freizeitwissenschaftler für den MINT Zirkel schon seit Längerem Alltagsmythen auf den Grund. Für seine Kolumne schaut er sich regelmäßig auf dem Jahrmarkt der wissenschaftlichen Durchbrüche um und stößt dabei mal auf Sonderbares, mal auf Skurriles – oder auch auf schlichtweg Erstaunliches.
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