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Waldameisen – unterschätzte Helfer im Wald

Selbst wenn manchen Menschen Ameisen in Haus und Garten lästig geworden sind, haben es diese Insekten nicht verdient, dass sie schnell und unbedacht als Schadinsekten eingeordnet werden. Das gilt erst recht für die Waldameisen, die in Haus und Garten gar nicht vorkommen. Unterstützen wir die Waldameisen, indem wir ihren Lebensraum erhalten oder ihn, wo er bereits verloren ist, neu erschaffen, tun wir auch uns Menschen und unser aller Zukunft einen größeren Gefallen, als die meisten von uns ahnen.

Ein Beitrag von Prof. Dr. Jürgen Tautz

Waldameisen sind extrem wichtige Bausteine in gesunden Wäldern. Eine Kolonie Waldameisen erbeutet pro Jahr bis zu 30 Kilogramm Insekten. Damit sind sie im Wald neben den Vögeln die wichtigsten Vernichter von Schadinsekten. Indem auch tote Tiere, die sie in kleine Portionen zerlegen, zu ihrer Nahrung zählen, vernichten sie organische Abfälle und beugen den Ausbrüchen von Krankheiten vor. Sie verbreiten Pflanzensamen und halten den Wald gesund, indem sie den Boden durchlüften. Zudem dienen sie selbst wiederum als Nahrung, auch für Spezialisten wie den Grünspecht.

Gemeinschaftsleistung mit Superkräften

Wie bei allen staatenbildenden Insekten erstaunen und faszinieren Gemeinschaftsleistungen der Ameisen. Ein gesamter Staat oder Teilgruppen einer Kolonie leisten mehr, als es einzelne Individuen könnten. So hat eine Gruppe aus Außendienst-Ameisen den erbeuteten Laufkäfer bereits bis auf die Kuppel des Nestes geschafft. Dort werden alle Körperanhänge abgeschnitten, die beim Hineinschaffen in das Nest hinderlich sind. Bei der Transportleistung ist eindrucksvoll, welche Kräfte die Ameisen entwickeln können. Durch den Verzicht auf Flügel und eine entsprechende Flugmuskulatur konnte der Körperbau der flügellosen Arbeiterinnen morphologisch/anatomisch so angelegt werden, dass aus dem Stand und beim Laufen mit Kopf und Vorderkörper das bis zu Zwanzigfache des eigenen Körpergewichtes vom Boden hochgehoben werden kann. Sollen Objekte lediglich über den Boden gezerrt werden, sind noch weit größere Kräfte im Spiel. 

Gilt es umgekehrt sich gegen Feinde zur Wehr zu setzen, kommt als „chemisches Kampfmittel“ Ameisensäure zum Einsatz, die von der Hinterleibsspitze aus verspritzt wird. Diese Verteidigung kann aufgrund der hohen Beweglichkeit des Hinterleibs gut gezielt gesetzt werden. Vögel provozieren derartige Massenreaktionen, um sich so von lästigen Parasiten im Gefieder befreien zu lassen.

Dunkelblauer Laufkäfer, der von Ameisen transportiert wird
Einem Dunkelblauen Laufkäfer, den eine Gruppe Arbeiterinnen bereits bis auf die Kuppel des Nestes transportiert hat, werden nun Stück für Stück die Körperanhänge abgetrennt, um die Beute leichter ins Innere des Nestes verfrachten zu können | © Ingo Arndt
Viele Ameisen, die gerade Ameisensäure aus ihren Drüsen spritzen
Fühlen sich Ameisen attackiert, greifen mit Ameisensäure an, die sie aus einer Drüse am Hinterleib gut gezielt einsetzen | © Ingo Arndt

Ameisenstraßen als Vorbild für Verkehrswege

Keineswegs eine Trivialität ist die Abstimmung und Koordinierung der Arbeiterinnen untereinander. Tausende Arbeiterinnen klappern in der Umgebung eines Nestes den Waldboden nach Beutetieren ab. Haben Außendienst-Ameisen ein lohnenswertes Objekt entdeckt, markieren sie den Weg, den sie laufen, mit Duftstoff aus einer Körperdrüse. Die Nestgenossinnen, die zur Unterstützung gewonnen werden, folgen dieser Duftspur und beduften sie dabei zusätzlich. So entstehen immer stärker begangene Ameisenstraßen. 

Es ist spannend, dass nach einiger Zeit die breiteste und meist genutzte der Ameisenstraße der kürzeste Weg zwischen Nest und Beutetier ist. Grund dafür ist vor allem das raschere Verduften der Lockstoffe auf den längeren Wegen und die entsprechend länger anhaltende Pheromonwirkung auf zunächst zufällig begangenen kurzen Strecken. Die dabei zu beobachtende sogenannte Schwarmintelligenz der Ameisen ist Vorbild für die Erstellung von Algorithmen, mit denen die Nutzung von Verkehrswegen optimiert werden können. Ein dabei eingesetzter Ameisen-Algorithmus ist auch ganz allgemein als Vorbild zur Lösung vielfältiger Optimierungsaufgaben vor allem im Bereich der Logistik geeignet.

Besser als Menschen? Teamarbeit im Dunkeln

Zur Leistungsfähigkeit einer Aufgabenlösung durch Ameisengruppen lässt sich ein weiteres spannendes Detail beobachten: Gibt man einer Gruppe Menschen die Aufgabe, im Dunkeln gemeinsam einen großen schweren Gegenstand um Hindernisse herum zu transportieren, dann sind Ameisengruppen bei einer vergleichbaren Aufgabe deutlich besser als die Menschen, wenn die Menschen nicht miteinander reden dürfen. Die stille Abstimmung klappt bei den Ameisen besser.

Faszination Forschung – von Tropen bis Formicarium

Um lebende Ameisen zu studieren, nutzen Myrmekolog:innen (Ameisenforscher:innen) zwei unterschiedliche Ansätze, die auch bei anderen Tierarten Anwendung finden.

Entweder man studiert das Leben der Insekten im Freiland oder unter Laborbedingungen. Die Erforschung der vielfältigen Vernetzung der Ameisen mit anderen Lebewesen erfolgt in deren natürlichen Lebensräumen. Ameisen haben sich fast alle terrestrischen Biotope erobert, wobei die größte Artenvielfalt in den Tropen zu finden ist. Es darf nicht verwundern, dass mit zunehmendem Artenreichtum die Vernetzungen der Lebewesen untereinander an Menge und Komplexität zunehmen. Daher werden gerade in den Tropen auch für die Ameisen ständig neue Wechselwirkungen mit anderen Tieren und Pflanzen entdeckt.

Eichelhäher, der auf einem Ameisenhaufen sitzt
Die massenhafte Verteidigung mit Ameisensäure nutzen Vögel, wie hier ein Eichelhäher, für das sogenannte Einemsen. Sie lassen sich mit Säure besprühen und werden so von Parasiten aus dem Gefieder, an die sie selbst nicht herankommen, befreit. | © Ingo Arndt

Die andere Herangehensweise im Studium der Ameisen besteht in der Schaffung künstlicher Umgebungen, in denen sich unter Laborbedingungen ganze Kolonien, aber auch einzelne Ameisen und deren Umwelt manipulieren lassen. Besteht eine entsprechende Einrichtung aus einem künstlich geschaffenen Nestbereich und einer angeschlossenen Auslaufarena, spricht man von einem Formicarium. Diese Einrichtungen sind nicht nur bei Forschenden beliebt, sie bieten allen interessierten Menschen einen perfekten Zugang zu spannenden Beobachtungen an diesen faszinierenden Tieren.

Bilder, die neue Welten eröffnen

Auch die fotografische Dokumentation des Lebens dieser Insekten ist Teil der Ameisenforschung. Dabei müssen sich nicht einmal vollkommen neue Erkenntnisse ergeben. Fotografische Aufnahmen, die erstmals abbilden, was bereits textlich festgehalten ist, sind nicht nur Belege individueller Beobachtungen, sondern bringen einen vollkommen neuen und in glücklichen Fällen auch ästhetischen Zugang zum Forschungsgegenstand.

Buch
Tipp

Cover zum Buch "Waldameisen" von Jürgen Tautz und Ingo Arndt

Waldameisen: Superheldinnen auf sechs Beinen

Der neue Fotobildband von Ingo Arndt und Prof. Dr. Jürgen Tautz öffnet faszinierende Einblicke in das Leben der Waldameisen. Textlich und bildlich präzise dokumentiert, macht er deutlich, wie sehr diese winzigen Tiere unsere Aufmerksamkeit verdienen und warum sie für stabile Waldökosysteme unersetzlich sind.

Prof. Dr. Jürgen Tautz und Ingo Arndt: Waldameisen: Superheldinnen auf sechs Beinen. Knesebeck, 176 S., 40 Euro, 2025

Prof. Dr. Jürgen Tautz

Eigentlich ist Prof. Dr. Jürgen Tautz für seine Forschungen und Bücher zur Honigbiene bekannt. Als klassischer Zoologe hat es ihn immer gereizt, das Spektrum der Tierarten, mit denen er sich befasst hat, zu erweitern. Bisher war seine Motivation dafür wissenschaftliche Neugier. Beim Waldameisenprojekt verhält es sich anders. Es macht große Sorge, dass die Biodiversität immer mehr unter Druck gerät. Das betrifft auch den Niedergang der Insekten. Aus der Überzeugung, dass man Menschen für dieses Problem öffnen kann, wenn man sowohl die Wunder als auch die Verletzlichkeit der Natur anschaulich vorstellt, war das Ameisenbuchprojekt mit den großartigen Fotos von Ingo Arndt  für ihn ein willkommener Baustein.

Headerbild | © Ingo Arndt

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