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Neue Prüfungsformate – Chancen für besseres Lernen

Prüfungen gehören zum Schulalltag – doch wie zeitgemäß sind sie wirklich? Immer mehr Schulen erproben neue Formate der Leistungsmessung, die weniger Druck erzeugen und stattdessen Lernprozesse sichtbar machen. Im Gespräch mit dem MINT Zirkel erklärt Lehrer und Speaker Murat Alpoğuz, warum sich die Prüfungslandschaft verändern muss, ob ein Bewerten ohne Noten funktionieren würde und wie Schulen näher an die Lernrealität der Schüler:innen rücken können.

Ein Interview mit Murat Alpoğuz

MINT Zirkel: Ganz grundsätzlich: Warum brauchen wir neue Prüfungsformate?

Murat Alpoğuz: Ich denke, dass es hierauf zwei ganz gute Antworten gibt. Zum einen brauchen wir neue Prüfungsformate, weil unsere alten Prüfungsformate nachweislich nicht das tun, was sie eigentlich tun sollten. Die Idee, dass standardisierte Prüfungen zu mehr Chancengleichheit führen und valide individuelle Leistung messen, wurde durch die Prüfungsforschung widerlegt. Ganz verkürzt würde ich sagen, dass unsere Art des Prüfens einfach nicht das misst, was wir gerne messen würden.

Zum anderen passen unsere Prüfungsformate nicht mehr in unsere Zeit. Die Kultur der Digitalität und technische Innovation wie KI fordern uns als Gesellschaft heraus. Es zeigt sich, dass junge Menschen für ihre Zukunft andere Kompetenzen und Fähigkeiten brauchen, als dies bisher der Fall war. Klassische Prüfungsformate fragen viel zu häufig Dinge ab, die mit einem Klick durch eine KI erledigt werden können. Daher brauchen wir Settings, in denen Lernende Zukunftskompetenzen wie die 4K (Kommunikation, Kollaboration, kritisches Denken, Kreativität) erproben können.

Welche Konsequenzen hat das für die Gestaltung von Prüfungsformaten?

Wir müssen grundlegend überdenken, wie wir Prüfungen gestalten und Leistung messen wollen. Ein Aspekt ist zum Beispiel, dass wir wegkommen müssen von der Idee, alles in Kategorien wie „richtig“ und „falsch“ zu packen. Prüfungen müssen Erprobungsräume für Zukunftskompetenzen bieten. Hierzu gehört auch das Schaffen von „Scheiternsräumen“. Im Sinne einer positiven Fehlerkultur muss es Normalität werden, dass Schüler:innen sich erproben und auch Fehler machen dürfen, ohne dass ihnen daraus negative Konsequenzen erwachsen. Die aktuelle Prüfungskultur sieht dies bisher leider nicht oder nur unzureichend vor. Letztlich werden wir akzeptieren müssen, dass sich Lern- und Leistungsräume in einer zeitgemäßen Prüfungskultur immer weniger voneinander trennen lassen.

In Ihrem Buch stellen Sie summative Prüfungsformate auf den Prüfstand. Was ist der Unterschied zu formativem Feedback und zu welchem Schluss kommen Sie?

Zunächst einmal lohnt sich der Blick in die Forschung. Summatives Feedback (oder summative Evaluation) meint die rückblickende Rückmeldung am Ende eines Lernprozesses wie zum Beispiel durch Klassenarbeiten am Ende einer Unterrichtseinheit. Leider zeigen Forschungsergebnisse, dass diese Form des Prüfens, insbesondere wenn sie benotet ist, zu weniger echtem Lernen und mehr „Kompetenzsimulation“ führt. Zudem ist die Validität, also die reale Aussagekraft einer solchen Prüfung, infrage zu stellen. Tatsächlich eignet sich summatives Feedback viel besser, die Wirksamkeit des eigenen Unterrichts zu überprüfen, als die individuelle Leistung des Lernenden.

Im Gegensatz dazu bietet das formative Feedback, also die stetige lernprozessbegleitende Rückmeldung, große Chancen für echte Lernprozesse. Statt defizitorientiert am Ende eines Lernprozesses zu schauen, können bei formativen Unterrichtssettings Schüler:innen durch stetige Feedbacks und Interventionen in ihrem Lernen unterstützt werden. Insbesondere die Forschungsergebnisse zu formativem Feedback sind hier sehr überzeugend!

Wie haben Ihre Erfahrungen als Lehrer Ihren Blick zur Leistungsmessung geprägt?

Klassenarbeiten und klassische Unterrichtssettings haben schon immer Situationen hervorgebracht, die ich nicht verstanden habe. Wenn zum Beispiel ein Kind in einer Mathearbeit zum Thema „Addition und Subtraktion“ eine 5 schreibt, dann bedauern wir das, schieben es auf fehlende Fähigkeiten oder Fleiß und machen weiter mit dem nächsten Thema, welches mit ziemlicher Sicherheit die Kompetenzen des vorherigen Themas voraussetzt.

Oder nehmen wir die systematische Benachteiligung von eher introvertierten Menschen durch mündliche Noten. Und nicht zuletzt treibt mich das Thema Schul- und Prüfungsangst um. Ich musste viel zu häufig beobachten, welch negative Auswirkungen die bestehende Prüfungskultur auf die Psyche vieler Kinder und Jugendlicher hat. Ehrlich gesagt war mir nie klar, wie solch ein System mit unserem Bildungsauftrag und der Idee zusammenpassen soll, Lernende individuell in ihren Kompetenzen zu fördern und auf die Teilhabe in einer zukünftigen Gesellschaft vorzubereiten.

Bewerten ohne Noten – würde das funktionieren? Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Schwächen des klassischen Notensystems?

Ich halte wenig von der dogmatisch geführten Diskussion zur Abschaffung von Noten. Aber auch hier lohnt sich ein Blick in die Forschung allemal. Noten sind erst einmal ein extrinsischer Motivator, der kurz- bis mittelfristig auch ganz gut funktionieren kann. Langfristig aber schaffen wir eine für uns nachteilige Lernkultur, die gerade in Zeiten von KI und Digitalität zu einem zunehmenden Problem wird. So lässt sich beobachten, dass es Schüler:innen häufig nicht ums Lernen geht, sondern um gute Noten. Besonders eindrucksvoll zeigt sich dies im Umgang unserer Schüler:innen mit KI. Statt KI als eine Ressource für den eigenen Lernprozess zu begreifen („Hilf mir, bessere Texte zu schreiben“), wird die Abkürzung genommen und „Skillskipping“ betrieben („Schreibe mir einen Text“). Statt Kompetenzen zu erwerben, werden Kompetenzen simuliert.

Eine gute Alternative zu Noten wäre eine durchdachte Feedbackkultur. Wenn sie handwerklich korrekt durchgeführt werden, haben Feedbacks einen nachweislich großen positiven Einfluss auf den Lernerfolg.

Drei unbekannte Personen im Gespräch, eine erläutert etwas anhand von Aufzeichnungen

Statt einbahnstraßenartig Noten zu verteilen, können ein Gespräch über die Bewertung oder auch reflexive Aufgaben dazu beitragen, dass die Lernenden ihren Lernprozess hinterfragen und reflektieren | © Freepik

 

Buch
Tipp

Cover des Buches "Upgrade: Leistungsmessung und Beurteilung von Murat Alpoğuz

Upgrade: Leistungsmessung und Beurteilung

Martina Sobel und Murat Alpoğuz: Upgrade: Leistungsmessung und Beurteilung. Wege in eine veränderte Prüfungskultur | Hannover 2024: Klett/Kallmeyer | 29,95 €

Sie regen an, die Schüler:innen selbst in die Bewertung einzubeziehen. Wie lässt sich das praktisch umsetzen?

Zu einer modernen Lernkultur gehört es letztlich auch, dass Lernende ihren eigenen Lernprozess immer wieder reflektieren und hinterfragen. Daher erscheint es für mich auch unerlässlich, dass Bewertungen immer im Dialog mit den Lernenden geschehen müssen. Dies kann zum Beispiel sehr gut über Portfolios oder andere reflexive Aufgaben realisiert werden. Aber auch ein einfaches Gespräch über die Bewertung ist besser, als einfach nur einbahnstraßenartig Noten zu verteilen.

Welche grundsätzlichen Impulse können Sie den Leser:innen des MINT Zirkels für alternative Prüfungsformate mitgeben?

Schauen Sie sich um. Allerorts denken engagierte Kolleg:innen darüber nach, wie unsere Prüfungskultur in die Gegenwart gebracht und zukunftsfähig gemacht werden kann. Dank der letzten Veröffentlichungen der Kultusministerkonferenz hat das Thema generell Auftrieb bekommen und auch in der Bildungsverwaltung und auf politischer Ebene Türen geöffnet.

Gehen Sie in den Austausch mit Ihrem Kollegium. Die meisten von uns haben längst erkannt, dass unsere gegenwärtige Prüfungskultur nicht wirklich das hergibt, was wir für unsere Lernenden brauchen. Suchen Sie zusammen nach Lösungen, denn gemeinsam ist alles etwas einfacher.

Schauen Sie beim „Institut für zeitgemäße Prüfungskultur“ vorbei. Dort finden Sie einen Zusammenschluss aus sehr engagierten Kolleg:innen aus Schule und Wissenschaft, die sich intensiv mit dem Thema Prüfungskultur auseinandersetzen und auch praktische Beispiele bringen, wie eine veränderte Prüfungskultur aussehen kann.

Trauen Sie sich etwas. Die rechtlichen Rahmenbedingungen geben uns mehr Spielraum, als wir manchmal ahnen. Zudem lässt sich sagen, dass noch keine deutsche Lehrkraft im Gefängnis gelandet ist, weil er oder sie ein alternatives Prüfungsformat getestet hat.

Welche rechtlichen Rahmenbedingungen müssen Lehrkräfte bei der Einführung neuer Prüfungsformate beachten?

Die rechtlichen Rahmenbedingungen unterscheiden sich je nach Bundesland. Es lohnt sich aber, einen genauen Blick in die Vorgaben zu wagen, da oft Spielräume vorhanden sind, die gar nicht genutzt werden. Zudem gibt die Kultusministerkonferenz mit ihrer klaren Forderung nach einer veränderten Prüfungskultur all jenen Kolleg:innen Auftrieb, die hier etwas probieren. 

Nicht zuletzt haben viele Bundesländer bereits rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen, die Schulen einen größeren pädagogischen Spielraum einräumen (etwa Zukunftsschulen in Niedersachsen, Schulen der Zukunft in Rheinland-Pfalz, pädagogisch selbstständige Schulen in Hessen). 

Welches Prüfungsformat halten Sie für besonders geeignet, um individuelle Lernprozesse sichtbar zu machen?

Gerade in Zeiten von KI deutet es sich an, dass die mündliche Prüfung eine Renaissance erfährt. Selbst komplexeste Aufgaben können heute durch KI erledigt werden, was einen rein produktorientierten Lernprozess immer komplizierter macht. Im Gespräch hingegen lässt sich fast immer in kürzester Zeit herausfinden, welches Grundverständnis welche Kompetenzen bei Schüler:innen vorhanden sind. Zudem bieten sich auch reflexive Formate wie E-Portfolios an. Generell ist es eine gute Idee, wenn das Reflektieren des eigenen Lernprozesses immer ein Bestandteil einer jeden Prüfung ist.

Was ist der erste Schritt, den Lehrkräfte gehen können, um veränderte Prüfungsformate in der Praxis umzusetzen?

Lesen Sie sich ein. Die aktuellen KMK-Papiere („Lehren und Lernen in der digitalen Welt“ und die Handreichung zu KI) sind ein sehr guter Ausgangspunkt. Suchen Sie sich anschließend Verbündete in Ihrem Kollegium. Und nicht zuletzt: Probieren Sie Dinge aus und sammeln Sie Erfahrungen. 

Erlauben wir uns einen Blick in die Zukunft: Was denken Sie, wie erfolgt da die Wissensvermittlung und Leistungsmessung in Schulen?

Wagen wir mal den optimistischen Blick: In Schulen wird es in Zukunft nicht mehr um Unterricht gehen, sondern um Lernen. Die sinnvolle Einbindung der Mittel unserer Zeit (wie zum Beispiel KI) werden die Lernprozesse an Schule maßgeblich beeinflussen. Nachdem die notwendigen Grundfertigkeiten vermittelt wurden, werden Schüler:innen sehr viel mehr Freiheiten darin bekommen, mit welchen Inhalten Sie sich auseinandersetzen und welche Hilfsmittel sich hierfür nutzen wollen. Entsprechend werden Prüfungen in Zukunft immer individuell und ganzheitlich gestaltet werden, um die individuellen Kompetenzen aller Schüler:innen bestmöglich zu erfassen.

Das Gespräch führte Jörg Schmidt.

Porträt des Interviewpartners Murat Alpoğuz

Murat Alpoğuz

ist Lehrer und Experte für Digitalität und innovative Schulentwicklung. Als Schulentwickler und didaktischer Leiter einer integrierten Gesamtschule beschäftigt er sich mit der Frage, wie die Kultur der Digitalität Schule und Lernen verändert. Geprägt durch seine bundesweite Vernetzung und langjährige Erfahrung plädiert er heute für eine neue Lernkultur, die junge Menschen besser auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorbereitet.

Headerbild | © Freepik

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