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Miese Stimmung, pinkelnde Affen

Wir müssen nicht drum herumreden, die Stimmung ist schlecht. Ob Konjunkturklima oder Kauflaune: „Mies“ ist Mainstream gerade und Umfragen zur Stimmungslage jazzen sich gegenseitig hoch zu immer weiteren Negativrekorden. Das Meinungsforschungsinstitut Ipsos führt jeden Monat die Studie „What worries the world?“ durch, in der Menschen aus 29 Ländern befragt werden. In die Mikrofone der Meinungsforscher:innen der neuesten Umfrage bellten 82 Prozent der Befragten aus Deutschland ein lautes NEIN auf die Frage, ob sich ihr Land noch auf dem richtigen Weg befinde. So viele wie nie.

Eine Kolumne von Tobias Beck

Zur Interpretation dieser Stimmungslage lohnt sich vielleicht ein Blick auf neue Studienergebnisse von japanischen Verhaltensforscher:innen. Sie wurden in der Zeitschrift Current Biology veröffentlicht, haben es als Bericht bis in die New York Times geschafft und befassen sich mit einer bis dato völlig vernachlässigten Frage: Wie ansteckend ist es eigentlich, wenn Affen pinkeln?

Um sich dieser Frage wissenschaftlich anzunähern, analysierte das Forschungsteam mehr als 1.300 Toilettengänge einer Schimpansengruppe im „Kumamoto Sanctuary“. In der Forschungsstation der Universität Kyoto, 800 Kilometer südwestlich der Großstadt, haben zahlreiche Affen ein neues Zuhause gefunden. Viele von ihnen stammen aus Studienprogrammen der Pharmaforschung, leben in großen Gruppen, wie sie es in Freiheit auch tun würden – und wurden heimlich gefilmt. Nach mehr als 600 Stunden Videos von pinkelnden Affen erhärtete sich der statistische Verdacht: Affen pinkeln dann gern, wenn es andere auch tun.

Wenn einer muss, müssen alle

Die Ergebnisse sind so eindeutig, dass sie nicht kleinzureden sind. Mehr als doppelt so häufig, wie es der Zufall vermuten lässt, pinkelten die Affen gemeinsam oder direkt hintereinander. Und je näher ein Affe dabei einem pinkelnden Kollegen stand, umso größer war die Wahrscheinlichkeit, dass er es danach selbst auch laufen ließ.  

Urinieren ist bei Schimpansen also tatsächlich ansteckend und seither rätseln die japanischen Forscher:innen über die Gründe. „Dieses Ergebnis war für uns überraschend“, erklärte die Forscherin Ena Onoshi gegenüber der New York Times. „Es wirft faszinierende Fragen auf nach der sozialen Funktion dieses Verhaltens, die lange Zeit übersehen wurden.“

Und am liebsten pinkelt man mit dem Chef

Die Liste der Ideen ist lang. Gemeinsames Pinkeln könnte ein Signal sein, dass einzelne in der Gruppe bereit sind zu gemeinsamen Aktivitäten. Oder es könnte wie sozialer Kitt wirken und die Beziehungen in der Gruppe insgesamt stärken. Vielleicht ahmen aber auch nur einige gern das Verhalten von anderen nach, um das Gefühl zu haben, dazuzugehören.

Für die letzte These spricht, dass die Forscher:innen auch das Sozialgefüge der pinkelnden Schimpansen untersucht haben. Je niedriger in der Hierarchie der Gruppe ein Affe stand, umso eher ließ er sich anstecken – am beliebtesten war das gemeinsame Pinkeln mit dem Chef.

Andere Verhaltensbiolog:innen vermuten, dass sich die Ergebnisse der neuen detaillierten Pinkel-Studie auch auf Affengruppen in Freiheit übertragen lassen. Dass Affengruppen Dinge gemeinsam machten, sei schließlich keine Seltenheit, kommentierte der Evolutionsbiologe Martin Surbeck von der Harvard Universität die neue Studie. „Wir werden das vielleicht sogar in anderen sozialen Arten sehen“, prophezeite er.  

Was das jetzt alles mit den Rekordwerten der schlechten Stimmung bei uns im Land zu tun hat? Nun ja, die Artverwandtschaft von Schimpansen und Menschen ist schließlich nicht zu leugnen. Womöglich ist gemeinsames Miesmachen ja ähnlich ansteckend wie kollektives Pinkeln, wer weiß? 

Was geschehen würde, wenn Chefs großer Affengruppen, die etwas loswerden wollen, einfach mal achtsam und leise in die Büsche träten, lässt sich nur vermuten. Vielleicht käme dann ein ganz friedlicher Frühling.

Tobias Beck

Tobias Beck geht als Lehrer, Wissenschaftsjournalist und unerschrockener Freizeitwissenschaftler für den MINT Zirkel schon seit Längerem Alltagsmythen auf den Grund. Für seine Kolumne schaut er sich regelmäßig auf dem Jahrmarkt der wissenschaftlichen Durchbrüche um und stößt dabei mal auf Sonderbares, mal auf Skurriles – oder auch auf schlichtweg Erstaunliches.

© Headerbild | Freepik

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