Wie entstand die Quantenmechanik? Welche Leitideen führten die Forschung vor 100 Jahren zu einer so schwer fassbaren Theorie? Und wer waren die Protagonisten dieser neuen Wissenschaft, die der scheinbar einfachen Frage nachgingen: Was ist Licht?
Ein Beitrag von Thomas de Padova
Es war ein eigenartiges Erlebnis: Wenige Monate nachdem ich begonnen hatte, ein Buch über die Geschichte der Quantentheorie zu schreiben, stand ich eines Sonntags in der Berlinischen Galerie vor einem Bild mit dem Titel „Helgoland“. Der rumänische Künstler Arthur Segal hatte es im Jahr 1923 nach einem kurzen Helgoland-Aufenthalt gemalt. Es zeigt die Insel mit ihren rotbraunen Felsen und grünen Grasflächen aus wechselnden Perspektiven. Die Farben gleiten vom Dunklen ins Helle hinüber, und so bleibt unklar, wo die Küstenlinie, wo ein Fels oder Weg beginnt und was dem umgebenden Raum zuzurechnen ist.
Segal hatte für seine Komposition ein rechteckiges Raster gewählt. Ich war perplex. Vor meinen Augen verwandelte sich das Kunstwerk augenblicklich in eine Matrix, in ein mathematisches Objekt, in dem sämtliche Elemente ebenfalls in Zeilen und Spalten angeordnet sind. Die Verwendung solcher Matrizen führte 1925 zu einem Durchbruch in der Quantentheorie, und zwar kurz nachdem sich der Physiker Werner Heisenberg inmitten einer intensiven Schaffensperiode auf der Insel Helgoland von seinem Heuschnupfen erholt hatte.
Heisenberg – einsamer Denker auf Helgoland
Dieser Kurzurlaub des 23-Jährigen sollte in die Geschichte der Physik eingehen. Denn gut 30 Jahre später datierte Heisenberg die Entstehung der modernen Quantentheorie auf seine zehntägige Erholungskur im Juni 1925 zurück. Zunächst behauptete er in einem Brief an seinen ehemaligen Mitstreiter Ralph Kronig, er habe auf Helgoland die Matrizenmechanik entdeckt. Das ist nachweislich falsch. Zu diesem Zeitpunkt war dem jungen Heisenberg die seltsame Mathematik der Matrizen noch gar nicht bekannt gewesen.
In den 1960er-Jahren ging Heisenberg dann mit einer anderen Helgoland-Geschichte an die Öffentlichkeit, mit der er sich abermals und nun mit viel Pathos zum Entdecker auf der Insel stilisierte. Sie wird bis heute wieder und wieder erzählt, obschon es außer seinen späten Worten keine Anhaltspunkte dafür gibt. Es ist die Geschichte vom einsamen Denker, der den Gordischen Knoten mit einem Schlag löste. Die Physikliteratur schwelgt darin.
Zwillingsgeburt Matrizen- und Wellenmechanik
Das ist nicht weiter verwunderlich angesichts der Zumutungen, die die Geburt der Quantentheorie selbst Wissenschaftshistorikern abverlangt. Denn erstens war die Entstehung der modernen Quantentheorie eine Zwillingsgeburt, bei der unmittelbar auf die Matrizenmechanik eine Wellenmechanik folgte. Letztere erfreute sich schon bald einer ungleich größeren Beliebtheit, sehr zu Heisenbergs Verdruss. Und zweitens gingen sowohl die Matrizen- als auch die Wellenmechanik aus einem Zusammenspiel von Ideen hervor. Viele Köpfe waren daran beteiligt und leisteten unverzichtbare Beiträge, darunter Wolfgang Pauli und Max Born, Louis de Broglie und Erwin Schrödinger.
In der Wellenmechanik ist das Geflecht der Ideen leichter zu entwirren, weil die Protagonisten an entfernten Orten sitzen. Weder stecken sie monatelang die Köpfe zusammen, noch schreiben sie sich ständig Briefe. Stattdessen wandern wenige überzeugende Gedanken hin und her.
Von Teilchen und Wellen
Unsere Geschichte soll in Berlin beginnen, im Seitenflügel der heutigen Staatsbibliothek Unter den Linden, wo sich in den 1920er-Jahren die Preußische Akademie der Wissenschaften zu ihren regelmäßigen Sitzungen trifft. Ihre betagten Mitglieder kommen aus den unterschiedlichsten Fachbereichen. Und so nimmt abgesehen von Max Planck kaum jemand den revolutionären Gedanken zur Kenntnis, den Albert Einstein dort am 8. Januar 1925 in eine Arbeit mit dem sperrigen Titel „Quantentheorie des idealen Gases“ einflicht: die Vorhersage von Materiewellen.
Es ist nicht seine eigene Idee. Sie ist soeben aus Paris an ihn herangetragen worden. Der Franzose Louis de Broglie knüpft damit direkt an Einsteins schon länger bekannte Lichttheorie an. Einstein zufolge offenbart Licht zwar in vielen Experimenten seinen Wellencharakter, in anderen jedoch verhält es sich so, als bestünde es aus diskreten Energieportionen, aus Lichtquanten. Louis de Broglie hat diesen Welle-Teilchen-Dualismus zusammen mit seinem Bruder Maurice experimentell bestätigen können. Aber anders als seine Zeitgenossen will er ihn nicht länger als leidiges Übel betrachten, sondern rückt ihn ins Zentrum der Physik: Wenn man die seltsame Doppelnatur des Lichts anerkennt, warum sollte dasselbe nicht auch für Materie gelten, für Moleküle, Atome oder Elektronen? Könnten nicht auch sie sowohl Wellen- als auch Teilcheneigenschaften haben?
Jeder Bewegungsvorgang ein Wellenfeld
Bei der Prüfungskommission in Paris, der er seine Dissertation vorlegte, kam de Broglie damit nicht gut an: Bei den Materiewellen handele es sich um „reine Schöpfungen des Verstandes“. „Die Kühnheit dieser Idee war so groß – ich muss aufrichtig sagen, dass ich selber auch damals den Kopf schüttelte“, so Max Planck rückblickend.
Einstein dagegen beglückwünscht de Broglie. „Er hat einen Zipfel des großen Schleiers gelüftet.“ Im Januar 1925 stellt er sich hinter dessen These: So wie mit der Bewegung der Lichtquanten das optische Wellenfeld verknüpft sei, sei anscheinend mit jedem Bewegungsvorgang ein Wellenfeld verbunden. Dieses Wellenfeld, „dessen physikalische Natur einstweilen noch dunkel ist, muss sich im Prinzip nachweisen lassen durch die ihm entsprechenden Beugungserscheinungen“. Und ein solcher Nachweis sollte im Fall von Elektronen am ehesten gelingen.
De Broglie wird ihm ein Leben lang dankbar sein. Denn Einsteins Worte haben Gewicht, als sie in den „Sitzungsberichten“ der Akademie abgedruckt werden. Im Laufe des Jahres erreichen sie die kreativen Köpfe der gesamten Zunft. Erste experimentelle Hinweise auf Elektronenwellen finden Physiker im Handumdrehen in den Aufzeichnungen zurückliegender Laborversuche.
Formulierung der Quantentheorie
Sollten Elektronen tatsächlich Wellencharakter haben, dann hätte dies erhebliche Folgen für das Verständnis inneratomarer Prozesse. Dann könnte man Bohrs Atommodell beiseitestellen und die seltsamen Quantenregeln im Mikrokosmos auf völlig neue Weise erklären. Die vermeintlichen Umlaufbahnen teilchenartiger Elektronen um den Atomkern wären dann womöglich durch stehende Elektronenwellen zu ersetzen.
In Zürich greift der theoretisch geschulte Erwin Schrödinger diesen Gedanken beherzt auf. Bei Einstein bedankt er sich brieflich dafür, ihn durch seinen Akademiebeitrag mit der Nase auf die Elektronenwellen gestoßen zu haben. Binnen weniger Monate arbeitet Schrödinger eine Wellenmechanik aus. Am Ende seines Wegs steht die für die nächsten 100 Jahre maßgebliche mathematische Formulierung der Quantentheorie: die „Schrödinger-Gleichung“.
Neues Fenster zur Mikrowelt
Werner Heisenberg und Wolfgang Pauli, Max Born und Pascual Jordan kommen ihm jedoch zuvor. Auf ganz andere Weise bahnen sie den Weg zu einer neuen Atomtheorie: indem sie sich darauf konzentrieren, was das von den Atomen ausgesandte oder aufgenommene Licht über die physikalischen Abläufe im Mikrokosmos verrät.
Atome ändern ihren Energiezustand unter der Abgabe oder Absorption von Licht. Ob Wasserstoff-, Helium- oder Stickstoffatome – sie alle sind empfänglich für Licht ganz bestimmter Frequenzen. Jedes chemische Element hat seinen eigenen Strichcode und gibt sich dadurch zu erkennen. Die Spektrallinien der Atome, sichtbar nur beim Blick durch geeignete optische Apparaturen, waren bereits der experimentelle Schlüssel zu Niels Bohrs Atommodell.
Mitte der 1920er-Jahre beinhaltet das Beobachtungsmaterial neben den Frequenzen immer häufiger auch die jeweiligen Intensitäten des ausgesandten oder aufgenommenen Lichts. Diese Intensitäten lassen sich ermitteln, wenn man die entsprechenden Schwärzungen einer Fotoplatte unter die Lupe nimmt. Dann verwandeln sich einzelne Spektrallinien in profilierte Schwärzungskurven. Mit ihnen öffnet sich auch Theoretikern ein weiteres Fenster zur Mikrowelt.
Heisenbergs neue alte Multiplikationsregel
Im Frühjahr 1925 fassen Werner Heisenberg, Wolfgang Pauli und Ralph Kronig den Plan, allein auf der Basis der beobachtbaren Frequenzen und Intensitäten ein Bild von den Vorgängen im Atom zu gewinnen. Das Zusammentreffen der drei jungen Physiker in Kopenhagen setzt eine Denkbewegung in Gang, die sich in einem intensiven Briefwechsel fortsetzt. Vor allem Heisenberg lässt nicht mehr locker und spielt sein mathematisches Können aus.
Am 5. Juni berichtet er Kronig von Göttingen aus von einer „sehr sonderbaren“ Multiplikationsregel, die er auf seinem Weg gefunden hat. Mit ihr hält er bereits kurz vor einem zehntägigen Erholungsurlaub auf der Insel Helgoland einen mathematischen Türöffner zum Atominneren in den Händen. Dennoch kommt er von dort voller Zweifel nach Göttingen zurück. Von einem Heureka-Moment keine Spur. In den Briefen kehrt sein Optimismus erst Ende Juni zurück. Zwar kann er nicht das Atom selbst, aber zumindest einfache Modellsysteme mit seinem neuen mathematischen Verfahren zugänglich machen.
Heisenbergs Arbeit sehe sehr mystisch aus, schreibt sein Göttinger Professor Max Born im Juli an Einstein. Sie sei aber sicher richtig und tief. Born hat den dahinterliegenden Formalismus durchschaut: Heisenbergs Multiplikationsregel sei nichts anderes als das den Mathematikern bekannte Gesetz der Multiplikation von Matrizen.
Von der Kunst in die Physik
Nachdem Heisenberg die in den Spektrallinien enthaltenen Informationen geschickt zergliedert hat, fasst Born sie wieder zusammen. Gemeinsam mit seinem Assistenten Pascual Jordan bündelt er sie in Matrizen, in einem Raster aus Zeilen und Spalten. Ähnlich wie in Segals Bild „Helgoland“ werden in einer solchen Matrix verschiedene Ansichten zusammenprojiziert: nun aber physikalische Ansichten des Atoms im Sinne von Frequenzen und Intensitäten.
Segals Kunstwerk durchkreuzt alte Sehgewohnheiten. Die einheitliche Sicht auf das Geschehen löst sich in viele Perspektiven auf. Die Wissenschaft vom Allerkleinsten folgt den bildenden Künsten auf dem Fuß. Nachdem sich die Vorstellung von Elektronenbahnen im Atom als Illusion erwiesen hat, sehen sich Heisenberg, Born und Jordan dazu gezwungen, die für das Verständnis der Atome wesentlichen Größen neu zu ordnen.
Neue Quantentheorie der Atome
Es bleibt Wolfgang Pauli vorbehalten, den komplizierten mathematischen Formalismus, der ihm anfangs gar nicht gefällt, erstmals auf ein Atom mit nur einem Elektron anzuwenden. Im Herbst 1925 ermittelt Pauli auf Basis der Matrizenmechanik die Energiestufen des Wasserstoffatoms.
„Er ist schon ein phänomenaler Kerl“, staunt Schrödinger. Denn wenige Monate später gelingt Pauli außerdem der Nachweis, dass die Wellenmechanik trotz ihrer höchst unterschiedlichen Form der Matrizenmechanik gleichwertig ist. Die eine Theorie bestätigt die andere. Plötzlich fließt alles zusammen, gehen die Bemühungen eines der aufregendsten Jahre der Wissenschaftsgeschichte auf in einem großen Ganzen: einer neuen Quantentheorie der Atome.
Buch
Tipp
Quantenlicht – Das Jahrzehnt der Physik 1919–1929
Zum Jahr der Quantentheorie 2025 liefert uns Thomas de Padova eine lebendige Geschichte über den Ursprung der Quantenphysik und ein schillerndes Bild der zwanziger Jahr.
Thomas de Padova: Quantenlicht. Das Jahrzehnt der Physik 1919–1929. Carl Hanser Verlag, 432 S., 28 Euro, 2024
Thomas de Padova
Thomas de Padova studierte Physik und Astronomie in Bonn und Bologna. Er war Wissenschaftsredakteur beim Tagesspiegel und arbeitete 2014 als Journalist in Residence am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Er ist Autor verschiedener Sachbücher, unter anderem Allein gegen die Schwerkraft. Einstein 1914–1918 (2015) und Alles wird Zahl. Wie sich die Mathematik in der Renaissance neu erfand (2021).
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