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Wie Kaiser Wilhelm die Jahrhundertwende vorverlegte

Am Mittwochmorgen nach dem Unterricht sagt die Lehrerin: „Die nächste Lateinstunde ist in acht Tagen.“ In acht Tagen? Meint sie also am Donnerstag nächster Woche? Nein, wahrscheinlich nicht. Vermutlich meint sie damit den nächsten Mittwoch, auch wenn bis dahin nur sieben Tage verstreichen. Die Redewendung „in acht Tagen“ für „in einer Woche“ ist uralt und geht auf die Zählweise der Römer zurück.

Ein Beitrag von Prof. Dr. Heinrich Hemme

Im Altertum kannten die Römer noch nicht die Zahl Null und benutzten darum, um den Abstand zweier Ereignisse anzugeben, die sogenannte Inklusivzählung. Sie bedeutet, die beiden Tage, an denen das erste und das zweite Ereignis stattfinden, werden mitgezählt. Der Mittwoch, an dem die Lehrerin die nächste Lateinstunde ankündigt, ist demnach der erste Tag:

  • 1. Tag: Mittwoch
  • 2. Tag: Donnerstag
  • 3. Tag: Freitag
  • 4. Tag: Samstag
  • 5. Tag: Sonntag
  • 6. Tag: Montag
  • 7. Tag: Dienstag
  • 8. Tag: Mittwoch

Nach römischer Zählweise ist also in acht Tagen tatsächlich wieder ein Mittwoch. Die Lehrerin hat sich folglich völlig korrekt, wenn auch hoffnungslos veraltet, ausgedrückt.

Biblische Beispiele

Die Inklusivzählung mag aus der Mode gekommen sein, aber Reste davon halten sich hartnäckig. Die Bibel ist ein uraltes Buch und daher noch voll davon. Jeder halbwegs bibelfeste Mensch hat sicherlich schon einmal gehört, Jesus sei am dritten Tage vom Tode auferstanden. Moderne Menschen verstehen das oft so, dass Jesus drei Tage tot war. Aber das ist mitnichten so. Laut Bibel starb Jesus am Karfreitag um 15 Uhr. Karfreitag ist also der erste Tag und somit Karsamstag der zweite Tag. In der Nacht zum Ostersonntag, dem dritten Tag, ist Jesus laut Bibel vom Tode auferstanden. Er war also nicht drei Tage tot, sondern nur etwa anderthalb Tage.

Ein anderes biblisches Beispiel ist Pfingsten. Das Wort ist eine Verballhornung der beiden griechischen Wörter pentekoste hemera, die auf Deutsch fünfzigster Tag bedeuten, womit gemeint ist, dass Pfingsten der fünfzigste Tag nach Ostern ist. Von Ostersonntag bis Pfingstsonntag sind es sieben Wochen – oder 49 Tage. Nach römischer Zählweise ist also Pfingsten tatsächlich der fünfzigste Tag nach Ostern.

Startjahr für unsere Jahreszählung

Die römische Zählweise galt nicht nur für Tage, sondern auch für Jahre. Im 6. Jahrhundert schlug der in Rom lebende Mönch Dionysius Exiguus vor, die Jahreszählung mit dem Geburtsjahr Christi zu beginnen, und er ermittelte, wann dieses Geburtsjahr war. Vermutlich hat er sich dabei um einige Jahre verrechnet. Dennoch gilt dieses von Dionysius Exiguus berechnete Geburtsjahr auch heute noch als Startjahr für unsere Jahreszählung. Da Dionysius Exiguus keine Null kannte, war dieses Startjahr für ihn das erste Jahr nach Christi Geburt.

Angenommen, Dionysius Exiguus hätte tatsächlich das richtige Geburtsjahr ermittelt und Jesus Christus wäre auch wirklich genau am 25. Dezember dieses Jahres geboren worden, dann wäre kurioserweise Maria, seine Mutter, im Jahre eins nach Christi Geburt mit ihm schwanger gewesen.

Da es kein Jahr null gibt, ist das Jahr vor dem Jahr eins nach Christi Geburt das Jahr eins vor Christi Geburt. Auf den 31. Dezember 1 v. Chr. folgt also direkt der 1. Januar 1 n. Chr. Der Abstand von einem bestimmten Datum eines Jahres vor Christi Geburt zu dem gleichen Datum eines Jahres nach Christi Geburt ist darum nicht einfach die Summe der beiden Jahreszahlen, sondern ein Jahr weniger als die Summe. Vom 1. Januar 1 v. Chr. bis zum 1. Januar 1 n. Chr. sind nicht zwei Jahre, sondern ist nur ein Jahr verstrichen.

Probleme mit dem fehlenden Jahr null

Im Jahr 43 vor Christus starb der römische Staatsmann Marcus Tullius Cicero. Im gleichen Jahr wurde der Dichter Publius Ovidius Naso geboren. Die beiden Ereignisse haben sich wegen des fehlenden Nulljahres nicht schon 1957, sondern erst 1958 zum zweitausendsten Mal gejährt. Die italienische Post hatte offensichtlich im letzten Jahrhundert auch Probleme mit dem nicht vorhandenen Jahr null. Sie gab 1957 zwei Gedenkbriefmarken heraus mit den Aufschriften „Bimillenario di Ovidio 43 AC–1957“ und „Cicerone 43 AC–1957“.

Die römische Jahreszählung

Die Jahreszählung begann am 1. Januar 1 n. Chr.

Am Ende des 31. Dezembers 10 n. Chr. waren somit zehn Jahre verstrichen und das zweite Jahrzehnt begann am 1. Januar 11 n. Chr.

Das erste Jahrhundert lief vom 1. Januar 1 bis zum 31. Dezember 100 und somit begann das zweite Jahrhundert am 1. Januar 101.

Das 19. Jahrhundert lief folglich vom 1. Januar 1801 bis zum 31. Dezember 1900 und das 20. Jahrhundert vom 1. Januar 1901 bis zum 31. Dezember 2000.

Poträt von Kaiser Wilhelm im Jahr 1902
Kaiser Wilhelm II. stellte sich erfolgreich gegen die römische Zählweise | © Public domain

Und dann kam Kaiser Wilhelm II.

Deutschlands Kaiser Wilhelm II. gehörte bekanntlich nicht zu den intelligentesten Vertretern des europäischen Hochadels. Vermutlich sah er dies selbst völlig anders, denn es hielt ihn nicht davon ab, mathematische Probleme per kaiserlichem Erlass zu lösen.

Ende des 19. Jahrhunderts ordnete er an, dass das 20. Jahrhundert nicht am 1. Januar 1901 beginne, sondern bereits am 1. Januar 1900. Alle Gegenargumente wischte er kurzerhand vom Tisch. Und so feierten seine Untertanen gehorsam ein Jahr zu früh den Jahrhundertwechsel.

Beim nächsten Jahrhundertwechsel, mit dem auch gleichzeitig das Jahrtausend wechselte, war Kaiser Wilhelm schon lange tot und Deutschland keine Monarchie mehr, sondern eine Republik. Dennoch hielten sich die Deutschen an den über hundert Jahre alten kaiserlichen Erlass und feierten Jahrhundert- und Jahrtausendwende ein Jahr zu früh in der Neujahrsnacht 2000. Nur einige Exot:innen und Antiroyalist:innen begrüßten das neue Jahrtausend korrekt erst ein Jahr später mit Sekt und Böllern.

Headerbild | © EyeEm – Freepik

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