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Warum noch Schulen? Oder: Wie sich Schule ändern muss

Bildungsdiskussionen in Deutschland sind immer auf Messers Schneide: Auf der einen Seite müssen wir darüber sprechen, was wir eigentlich erreichen wollen. Auf der anderen Seite soll es nicht in langwierige Diskussionen über abstrakte Begriffe abdriften. Was vonnöten ist, ist ein Kern, der die Diskussion bestimmt. Dieser liegt darin, warum wir noch Schulen haben. Sie sind Orte des Lernens – oder sollten es sein. Wir brauchen einen Gegenentwurf zu dem traditionellen Schulverständnis.

Ein Essay von Bob Blume

Nach jeder PISA-Studie ist der Aufschrei groß, doch meist hält die Debatte, wenn man sie überhaupt als eine solche beschreiben kann, nur einen Tag an. Bildungsthemen sind selten im Zentrum einer tatsächlich längerfristigen öffentlichen Debatte. Dies liegt auch an einem Missverständnis, nämlich jenem, dass Menschen, die nicht mehr in der Schule sind, denken, Bildung betreffe sie nicht mehr. Doch eine mangelhafte Bildungspolitik hat langfristige Konsequenzen für die gesamte Gesellschaft – vom Generationenvertrag bis hin zu dem Glauben an die funktionierende Demokratie. Die fehlende Debatte über Bildung ist daher fatal. Eine Diskussion kann und muss in der Schule ansetzen, aber auch über diese hinausgehen, in die Politik und hin zu den Eltern nach Hause. Dabei müssen die neuen Gegebenheiten beachtet werden, die Bildung grundlegend verändern (können).

Nützlichkeit ist keine Relevanz

Die Integration von künstlicher Intelligenz (KI) in unser Bildungssystem ist nicht länger eine Frage des Ob, sondern des Wie. Einerseits bietet sie die Möglichkeit, individuelles Lernen effizienter und personalisierter zu gestalten. Andererseits droht die Gefahr, dass Schulen ihre Relevanz verlieren, wenn sie sich nicht aktiv mit der Nutzung von KI auseinandersetzen. Dies macht es umso dringlicher, ein neues Verständnis von Bildung im Zeitalter der KI zu entwickeln. Dieses muss auf die Relevanz des Lernens selbst abzielen. Konkret: Nur um die Informationen zu bekommen, muss man als Kind oder Jugendliche:r nicht in die Schule. Es ist alles schon da. Verantwortliche in Schulen beginnen, dieses Problem zu spüren, wenn etwa Sprachenlehrkräfte merken, dass die Schüler:innen besser sprechen können als sie. Netflix sei Dank! Schulen kommen damit in Argumentationsnot. Und nur mit Abschlüssen zu argumentieren, mag im Verständnis der Bürokratie funktionieren, aber wer nur über Vorgaben funktioniert, verliert die Schüler:innen. Die MINT-Fächer sind bei diesem Themen schon weiter, da sie unabhängig von einem Gesamtverständnis der Welt, zu dem sie beitragen, eine direkte Funktion vorweisen können: Kannst du dies, zeigt sich das. Es ist nützlich, etwas zu beherrschen, das einem weiterhelfen kann. Wenn wir aber über grundlegende Bildung sprechen, brauchen wir mehr als Nützlichkeit. Wir brauchen Relevanz. Und die ergibt sich aus einer Tätigkeit und deren Verständnis.

Begeisterung für das Lernen entfachen

Begeisterung, Leidenschaft und Motivation sind die Schlüsselkomponenten des Lernens, das ist bekannt. Dennoch gehen diese fundamentalen Aspekte in Schulen oftmals verloren. Dies ist so, weil in vielen Schulen der Fokus häufig nicht darauf gelegt wird, das Feuer zu entfachen. Dabei geht es natürlich auch um Ressourcen. Aber es ist nicht nur eine Frage der Rahmenbedingungen, sondern auch der pädagogischen Ansätze. Der Kernpunkt ist, dass Schule das Fundament für eine Art des Lernens und eine Haltung zu diesem legt, die für das gesamte Leben wichtig bleibt. Dass die heutige Arbeitswelt lebenslanges Lernen erfordert, wird allenthalben wiederholt. Kein Wunder: Die Flexibilität der Arbeitswelt, ihre Schnelligkeit und ihre Wandelbarkeit verlangt nach Menschen, die sich anpassen, verändern und weiterentwickeln können. Das Fundament dafür legt Schule oft noch nicht.

Eltern als Unterstützende im Lernprozess

Weil das so ist, müssen oftmals die Eltern ran, was die Ungleichheit verschärft. Dennoch ist es wichtig, darauf zu schauen, was Eltern tun können, wenn die Schule den Prozess des Lernens noch nicht ins Zentrum gestellt hat. Der Schlüssel liegt darin, den Fokus von der schulischen Logik von Noten und Prüfungen auf die Logik des Lernens zu verlagern. Ein bedeutendes Konzept dabei ist das sogenannte Growth Mindset, das die Idee vermittelt, dass Fähigkeiten durch Anstrengung und Lernbereitschaft entwickelt werden können. Eltern sollten eine Perspektive einnehmen, die das aktive Lernen und die persönliche Entwicklung ihrer Kinder unterstützt. Dies ist auch insofern wichtig, als Eltern auf diese Weise zu jenen Erziehungspartner: innen werden können, die sie qua Gesetz sein sollen.

Buch
Tipp

Buchcover von "Warum noch lernen?" von Bob Blume. Ein Mann sitzt auf einem blauen Sitzmöbel. Darunter der Untertitel: "Wie Schule in Zeiten von KI, Krisen und sozialer Ungerechtigkeit aussehen muss

Warum noch lernen?

Bob Blume: Warum noch lernen? Wie Schule in Zeiten von KI, Krisen und sozialer Ungerechtigkeit aussehen muss.
Mosaik Verlag, 304 S., 22 Euro, 2024

Wir brauchen weiterhin Utopien

Wenn wir Bildung wirklich ernst nehmen, brauchen wie, so widersprüchlich das ist, weiterhin Utopien. Sie bringen uns zwar nicht im Tagesgeschäft weiter, sind aber eine Zielsetzung dafür, wohin wir uns orientieren sollten. Eine davon: Jede Schule sollte der schönste Ort in der Stadt sein, ein Ort, an dem Schüler:innen gerne bleiben und lernen. Dass dies weit entfernt von einer Realität ist, in denen die Gelder für funktionierende Toiletten fehlen, ist klar. Aber bei all der Realpolitik von Menschen, die schon lange aus dem System heraus sind, müssen Utopien bestehen bleiben. Das gilt auch für pädagogische Grundsätze wie jenen, dass Schulen Orte sein müssen, an dem Kinder ihre Talente entdecken und weiterentwickeln können, um später nicht nur wirtschaftlich unabhängig, sondern auch kulturell und gesellschaftlich aktiv zu sein.

Mut zur Tiefe im Lehrplan

Wirkliche tiefgehende Aktivität hat auch damit zu tun, ob man einen Inhalt wirklich verstehen kann – und will. In den aktuellen Bildungsplänen fehlt es nicht an Inhalten, sondern an Tiefe. Schulen sollten sich darauf konzentrieren, weniger, aber dafür tiefergehendes Lernen zu initiieren. Wie genau das aussehen kann, ist im Buch ausgeführt. An dieser Stelle nur so viel: Eine solche Vertiefung würde den Schüler:innen helfen, zu Expert:innen in bestimmten Bereichen zu werden, was ihre Fähigkeit stärkt, Informationen kritisch zu hinterfragen und mündige Bürger:innen zu werden. Die Schwierigkeit beim Lernen liegt nicht daran, Lücken im Inhalt zu füllen, sondern überhaupt zurück zur Lernlust zu finden, wenn diese lange Zeit verloren gegangen ist. Diese Lust braucht es auch für den Glauben daran, dass man als junger Mensch einen Unterschied machen kann.

Politische Bildung und das Wahlverhalten der Jugend

Die Tatsache, dass viele 16-Jährige bei der Europawahl rechts gewählt haben, zeigt ein Versäumnis der demokratischen Parteien und ein Defizit in der politischen Bildung. Demokratie kann nicht passiv vermittelt werden. Es bedarf konkreter politischer Angebote und einer aktiven Einbindung der Jugend in demokratische Prozesse. Auch hier spielt Bildung eine zentrale Rolle. Und auch das verweist zurück auf das Lernen: Die Aushandlung von Inhalten ist ein aktiver Prozess, der eingeübt werden muss – und kann. Doch dafür müssen eben die Prioritäten der Schulen überdacht werden.

Pragmatische Veränderungen trotz Ressourcenmangels

Trotz des Lehrkräftemangels und knapper finanzieller Ressourcen sind Veränderungen, wie sie hier aus Platzgründen lediglich angedeutet wurden, möglich. Es geht um eine veränderte Haltung zum Lernen und ein neues Verständnis der Rolle von Schulen im 21. Jahrhundert. Der Fokus sollte auf Autonomie, Relevanz und dem Gemeinschaftssinn im Lernprozess liegen.

Ein Blick zurück und in die Zukunft

Wenn man mit Menschen spricht, die lange aus der Schule weg sind, stellt man fest, dass diese Bildung in einem Blick zurück betrachten. Und der ist nicht immer schlecht. Aber für eine Bildung des 21. Jahrhunderts braucht es mehr als das. Es braucht eine Beantwortung der Frage, warum es Schulen und Fächer gibt. Und die liegt in dem Fokus auf das Lernen selbst – ein sinnstiftendes, relevantes Lernen, das damit das Fundament für die gesamte Bildungsbiografie in unsicheren Zeiten bieten kann.

Bob Blume, lächelnd in einem hellblauen Hemd vor einer roten Wand.

Bob Blume

Bob Blume ist Lehrer, Blogger, Podcaster und Bildungsinfluencer. Er studierte Germanistik, Anglistik sowie Geschichte und arbeitet nun als Oberstudienrat an einem Gymnasium in der Nähe von Baden-Baden. Daneben schreibt er Sachbücher zum Lernen im digitalen Wandel und macht in den sozialen Medien auf Bildungsthemen aufmerksam. Bob Blume ist ein gefragter Experte in der deutschen Medienlandschaft zum Thema Schule. Bei der Verleihung der Goldenen Blogger 2022 wurde er als Blogger des Jahres ausgezeichnet.

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