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Krise im Klassenzimmer – Neue Lehrkräfte braucht das Land

Der Blick in den Spiegel des deutschen Bildungssystems erinnert an die böse Königin aus dem bekannten Märchen »Schneewittchen und die sieben Zwerge«, die Tag für Tag ein und dieselbe Frage stellt: »Wer ist die Schönste im ganzen Land?« Nur sucht das Bildungssystem statt nach Schönheit verzweifelt nach einer Antwort auf die Frage, ob denn tatsächlich so viele Lehrkräfte fehlen wie bisher angenommen, getreu dem Motto: Man muss nur oft genug fragen, irgendwann bekommt man schon die Antwort, die man haben will. An dem Problem, dass bereits aktuell mehrere Bundesländer nicht mehr alle offenen Stellen für Lehrkräfte besetzen können, ändert das jedoch nichts.

Ein Beitrag von Silke Panten

Im Durchschnitt sind an Schulen, die eigenen Aussagen zufolge mit Lehrkräftemangel zu kämpfen haben, aktuell rund 11 Prozent der tatsächlich zur Verfügung stehenden Stellen unbesetzt. Dennoch gab es jüngst für kurze Zeit einen Grund zur Freude, als die Bertelsmann Stiftung in ihren Berechnungen ein Ende des Lehrkräftemangels bis 2035 in Aussicht stellte – zumindest für Grundschulen. Dieser Freude wurde allerdings mit den neuesten Zahlen des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) ein ordentlicher Dämpfer verpasst. Die legen nämlich nahe, dass uns die schlimmste Phase des Lehrkräftemangels in den allgemeinbildenden Schulen noch bevorsteht.

Lehrkräftemangel liegt 2035 bei 115.000 bis 177.000

Demnach könnte es zwar im Primarbereich „lediglich“ zu einem Lehrkräftemangel von rund 16.000 kommen – und bei deutlich sinkenden Geburtenzahlen und einer ungünstigeren Relation zwischen Schüler:innen und Lehrkräften könnte sogar tatsächlich ein leichter Lehrkräfteüberschuss drin sein. Doch für die allgemeinbildenden Schulen insgesamt ist mit einem Lehrkräftemangel zwischen 115.000 und 177.000 zu rechnen.

Grundlage der Berechnungen sind aktuelle Bevölkerungs- und Schuldaten. Zum einen steigt die Zahl der Schüler:innen, sei es aufgrund gleich bleibender oder erstarkender Geburtenjahrgänge, Zuwanderung oder weil immer mehr Schüler:innen länger an der Schule bleiben, da sie mit der Allgemeinen Hochschulreife abschließen. All das bewirkt, dass der Neubedarf an Lehrkräften steigt. Zum anderen gibt es aber auch einen erhöhten Ersatzbedarf für Lehrkräfte, die aus dem Schuldienst ausscheiden – laut der FiBS-Studie sind das bis zum Jahr 2035 immerhin zwei Drittel des aktiven Lehrkörpers. Hierunter fallen nicht nur Lehrkräfte, die altersbedingt ausscheiden, weil sie in den Ruhestand eintreten, sondern auch jene, die etwa von einer Dienst-, Erwerbs- oder Berufsunfähigkeit betroffen sind, unvermittelt sterben, in Teilzeit arbeiten oder aufgrund von Schwangerschaft und Elternzeit befristet nicht verfügbar sind.

Tafel in einer Schule mit negativem Kreide-Smiley

Viele Lehrkräfte empfinden den Schulalltag als herausfordernd

Egal, welche Studie am Ende recht behält – am aktuellen und mindestens noch ein Jahrzehnt andauernden Lehrkräftemangel ändern sie nichts. Dabei empfinden laut einer Umfrage von mehr als 1.000 Lehrkräften an allgemein- und berufsbildenden Schulen 21 Prozent der Befragten genau diesen Lehrkräftemangel als besonders herausfordernd. Getoppt wird das nur noch von der Arbeitsbelastung und dem Zeitmangel, den 31 Prozent der Lehrkräfte als größte Herausforderung im Schulalltag erachten, sowie dem Verhalten der Schüler:innen, das mit 34 Prozent der Nennungen auf Platz 1 in der Umfrage lag. Es liegt auf der Hand, dass die letztgenannten Herausforderungen mit genügend Lehrpersonal gar nicht so herausfordernd wären.

Was Zeitmangel und Schüler:innenverhalten mit Personalmangel zu tun haben

Wenn eine Schule aufgrund von Lehrkräftemangel nicht über ausreichend Personal verfügt, müssen die verbleibenden Lehrkräfte oft Mehrfachbelastungen tragen – eine Methode, die schon jetzt gang und gäbe ist. Lehrkräfte müssen möglicherweise zusätzliche Klassen oder Unterrichtseinheiten übernehmen. Dass dies einen erhöhten Arbeitsaufwand mit sich bringt, ist offensichtlich. Es kostet Zeit. Zeit, die anschließend bei der Vorbereitung von eigenen Unterrichtsstunden und insbesondere bei der Betreuung der Schüler:innen fehlt. Und Zeit, die daraufhin wegfällt für eigene Weiterbildung und Erholung, was langfristig zu Überlastung und Burnout führen kann. Knapp 25 Prozent aller angehenden Lehrkräfte leiden bereits heute unter Burnout-Symptomen. Fast ein Drittel verlässt die Schule wieder innerhalb der ersten fünf Jahre. Zu diesem Ergebnis kamen zwei Studien der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU).

Depression, Scheitern oder Angst
Die Anforderungen an Lehrkräfte steigen, sodass immer mehr von psychischen Erkrankungen wie Burnout betroffen sind

Auch das Verhalten der Schüler:innen könnte sich aufgrund des Lehrkräftemangels verschärfen. Wenn Klassen überfüllt sind oder nicht genügend Lehrkräfte vorhanden sind, um den Unterricht effektiv zu gestalten, kann dies zu einer Verschlechterung des Lernumfelds führen. Die Schüler:innen erhalten möglicherweise nicht die notwendige Aufmerksamkeit und Unterstützung, die sie benötigen würden, um sich angemessen zu engagieren. Dies kann zu Desinteresse, Unaufmerksamkeit, Frustration und einem Gefühl von Vernachlässigung führen und hat zudem Auswirkungen auf die Bildungsqualität und damit auf die langfristigen Perspektiven der Schüler:innen.

Teufelskreis Lehrkräftemangel

Insgesamt verstärkt der Lehrkräftemangel die bereits bestehenden Herausforderungen im Schulalltag und kann zu einem Teufelskreis führen: Weniger Lehrkräfte bedeuten eine höhere Arbeitsbelastung für die verbleibenden Lehrkräfte, was wiederum die Attraktivität des Berufs verringern kann und es schwieriger macht, qualifizierte Lehrkräfte zu gewinnen und zu halten.

Und wie lautet die Lösung?

Wer mit diesem Beitrag auf eine schnell umsetzbare Lösung gehofft hat, wird enttäuscht sein – die gibt es nicht. Dennoch lassen sich trotz der aktuellen Schwierigkeiten auch positive Entwicklungen erkennen: Das Thema Lehrkräftemangel erhält schon seit Längerem eine verstärkte öffentliche Aufmerksamkeit, es gibt diverse politische Initiativen zur Verbesserung der Bildungsinfrastruktur, Ansätze zur Gewinnung und Qualifizierung von Lehrkräften und die Rufe nach einem angemessenen Gehalt finden inzwischen auch Gehör.

Und wer weiß? Vielleicht wird uns der Spiegel des Bildungssystems auf unsere Frage »Spieglein, Spieglein an der Wand, wie viele Lehrkräfte fehlen im ganzen Land?« irgendwann tatsächlich einmal antworten: »Gar keine.«

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