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Kolumne von Tobias Beck

Finden wir nicht alle, dass es endlich mal wieder Zeit wird für gute Nachrichten? Für ein bisschen Lachen? Oder gar für Freude? Wo man hinschaut: Schrecken, Krise, Dauergrau. Kein Wunder, was das Hans-Bredow-Institut kürzlich herausgefunden hat: Jeder zehnte Erwachsene vermeidet Nachrichten aktiv, und fast zwei Drittel (!) flüchten gerne manchmal davor. Fast gleich viele Menschen wären aber durchaus interessiert an guten Neuigkeiten. Wenn das kein Aufruf an die Wissenschaft ist!

Der „Ig-Nobelpreis“

Die erste gute Nachricht dieser Kolumne: Auch in diesem Herbst wurde der „Ig-Nobelpreis“ verliehen, der so ähnlich heißt wie sein großer Bruder, den es aber nicht für beinhart-bahnbrechende Spitzenforschung gibt, sondern für Arbeiten, die „zuerst die Menschen zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen“. Ausgezeichnet wird Forschung, die skurril, fantastisch und absurd ist – aber wissenschaftlich Hand und Fuß hat. Aus vielen Tausend Vorschlägen hat ein Gremium aus Wissenschaftler*innen und Wissenschaftsjournalist*innen wieder zehn Ig-Nobelpreisträger*innen gekürt. Alle sind auf der Website improbable.com zu sehen, samt sehenswerter Preisverleihung. Den Ig-Nobelpreis in Physik erhielten in diesem Jahr Wissenschaftler*innen aus England, Spanien und der Schweiz für ihre Untersuchung, wie sich Meeresströmungen
durch Schwimmen beeinflussen lassen. Ihr Ergebnis: Kleine Anchovis könnenganz schön große Wellen schlagen. Während der Laichzeit haben die winzigen Fische, die in Schwärmen vor die Küsten kamen, derart starke turbulente Strömungen erzeugt, dass diese vergleichbar waren mit den normalen, durch geophysikalische Gründe verursachten, vertikalen Meeresströmungen. Dass das Sexleben der Fische zumindest lokal durchaus den Ozean umwühlen kann, war so bisher noch unbekannt und ist sicher eine gute Nachricht – zumindest für Sardellen.

Bildung

Gut zu wissen für Lehrer*innen ist die Erkenntnis der Preisträger*innen aus der Kategorie Bildung: Sie konnten experimentell zeigen, dass schon die Erwartung von Langeweile das Erlebnis von tatsächlicher Langeweile messbar beeinflusst. Je langweiliger Schüler*innen und Student*innen eine Stunde oder Vorlesung erwarten, umso langweiliger nehmen sie die Stunde dann auch wahr. Drei Studien mit mehreren Hundert Teilnehmenden konnten das eindrucksvoll zeigen. Leider funktioniert auch das Einreden von Langeweile: Jene Student*innen, die vorher zusätzlich negativ beeinflusst wurden, fanden den Unterricht noch langweiliger als die unbeeinflusste Kontrollgruppe.

Gesundheit

Als drittes Beispiel deshalb jetzt noch etwas Unerwartetes: Für eine vielleicht bahnbrechende Erfindung im Bereich der Klo-Forschung wurden Biolog*innen und Mediziner*innen aus Stanford mit dem Ig-Nobelpreis der Kategorie Gesundheitswesen ausgezeichnet. Sie haben an ihrer Uni eine neue Hightechtoilette entwickelt, die Urin und Stuhlgang von Patient*innen direkt und automatisch „vor Örtchen“ analysiert. Das smarte Klo kann mithilfe von Drucksensoren und Bilderkennung Mengen und Geschwindigkeiten messen sowie Urin und Stuhlproben auf Auffälligkeiten
untersuchen und verfügt – dank maschinellem Lernen, wie die Autor*innen stolz schreiben – über eine ähnlich gute Fähigkeit zur Früherkennung von medizinischen Problemen wie geschultes medizinisches Personal. Die Zuordnung der gemessenen Werte zu den Patient*innen läuft dabei über den „Poabdruck“ auf der Klobrille, der offenbar ähnlich eindeutig wie ein Fingerabdruck ist. Ob sich das Hightechklo im klinischen Alltag durchsetzen wird, dürften die kommenden Jahre zeigen. Dass Ig-Nobelpreisträger*innen ihrer Zeit voraus sind, haben sie aber schon immer wieder mal gezeigt. So gewann vor 14 Jahren ein Forscherteam mit der Idee, einen BH zu entwickeln, der sich bei Bedarf in zwei funktionierende
FFP-Masken umbauen lässt – falls man mal keine dabei hat, wenn neben einem eine Katastrophe geschieht. Den „Emergency-Bra“ gibt es unter der Marke „EBbra“ heute patentiert zu kaufen. Und das ist doch jetzt selbst für krisengeschüttelte Schwarzseher*innen mal eine gute Nachricht.

Tobias Beck

Tobias Beck geht als Lehrer, Wissenschaftsjournalist und unerschrockener Freizeitwissenschaftler
für den MINT Zirkel schon seit Längerem Alltagsmythen auf den Grund. Für seine Kolumne schaut er sich regelmäßig auf dem Jahrmarkt der wissenschaftlichen Durchbrüche um und stößt dabei mal auf Sonderbares, mal auf Skurriles – oder auch auf schlichtweg Erstaunliches.

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