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Mit einer Klimawährung und persönlichen Emissionsbudgets zum Klimaziel?

Mit den gängigen Werkzeugen CO2-Steuer und dem EU-Emissionshandelssystem (EU-ETS) werden wir nicht in ausreichendem Maße CO2-Emissionen reduzieren, um die Klimaziele einhalten zu können. Eine effektive Alternative bieten persönliche, handelbare Emissionsbudgets.

Ein Beitrag von Angela und Jens Hanson

In Deutschland liegen die durchschnittlichen Pro-Kopf-Emissionen laut Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) bei über 10 Tonnen pro Jahr. Um das Pariser Klimaziel einzuhalten, müssten wir unseren CO2-Verbrauch auf unter 2 Tonnen pro Person und Jahr reduzieren. Das bedeutet eine erforderliche Einsparung von 80 Prozent. Dass dies allein durch Einsparungen und Verzicht nicht zu bewältigen ist, liegt auf der Hand.

Kann eine CO2-Steuer als Preissignal klimaschädliches Verhalten ausreichend reduzieren?

Durch die Umsetzung der CO2-Steuer im Bereich Wärme und Verkehr soll klimaschädliches Verhalten innerhalb dieser Sektoren unattraktiv werden. Aber selbst die horrenden Preissteigerungen, ausgelöst durch den Ukraine-Krieg, haben nicht dazu geführt, dass deutlich weniger Energie verbraucht wurde. Wie auch? Uns Bürger*innen stehen bei Weitem nicht in ausreichendem Maße klimafreundliche Konsumalternativen zur Verfügung. Doch die Verteuerungsmaßnahmen der Politik setzen maßgeblich auf die Methode verschiedener Preissignale zur Emissionsreduzierung.

Ist eine wirksame Emissionsreduktion durch einen Zertifikatehandel auf Industrieebene zu erreichen?

Mit dem Zertifikatehandel EU-ETS hat die Europäische Union bereits im Jahr 2005 ein Modell etabliert, bei dem eine Obergrenze (Cap) an Emissionen festgelegt wird, die von den emissionshandelspflichtigen Betrieben insgesamt ausgestoßen werden dürfen. Diese Unternehmen müssen dabei Zertifikate erwerben, die ihnen den Ausstoß einer bestimmten Menge Kohlendioxid-Äquivalent (CO2e) erlauben. Solche Emissionsberechtigungen erhalten sie über Versteigerungen, aber auch teilweise durch kostenlose Zuteilung, um Wettbewerbsnachteile besonders energieintensiver Betriebe abzufedern. Diese Zertifikate können auf dem Markt frei gehandelt werden, wodurch sich ein Preis für den Ausstoß von Treibhausgasen (THG) bildet. Dieser Preis setzt Anreize bei den beteiligten Unternehmen, ihre THG-Emissionen zu reduzieren. Jedoch nehmen an diesem System laut Umweltbundesamt verpflichtend derzeit nur etwa 10.000 Unternehmen teil, sodass nur circa 36 Prozent aller THG-Emissionen in Europa erfasst werden. Zudem gibt es den Effekt, dass emissionsintensive Industrien ins Ausland mit weniger strengen Auflagen abwandern (Carbon Leakage).

Ähnlich wie bei der CO2-Steuer verteuern auch die durchgereichten Zertifikatspreise unseren Konsum zusätzlich, was vor allem einkommensschwache Haushalte überproportional trifft. Darüber hinaus ist eine transparente Differenzierung der Klimaschädlichkeit verschiedener Produkte für Verbraucher*innen kaum möglich, da die ökologischen Preisaufschläge im wirtschaftlichen Gesamtpreis untergehen.

Warum wir die Klimaschädlichkeit unseres Konsums vom Geldsystem abkoppeln sollten

Trotz existierender Werkzeuge zur Reduktion von Emissionen steigen diese von Jahr zu Jahr und waren noch nie so hoch wie heute.

©ntv/Global Carbon Project, Während die CO2-Emissionen während der Corona-Krise kurz sanken, waren sie noch nie so hoch wie heute

Der sogenannte Rebound-Effekt bewirkt, dass Einsparpotenziale, beispielsweise durch effizientere Technologien, nicht zwingend zu einer wünschenswerten Emissionsminderung führen. Denn das so eingesparte Geld wird an anderer Stelle für weiteren Konsum ausgegeben – etwa für einen zusätzlichen Urlaub. Somit wird ein an sich positiver Effekt, zumindest in Teilen, durch zusätzlichen Konsum wieder zunichtegemacht.

Auch im internationalen Kontext ist dieser Effekt zu beobachten. Denn selbst wenn nationale Preissignale (CO2-Steuer) oder ein multinationaler Zertifikatehandel (EU-ETS) einen Rückgang der Nachfrage fossiler Primärenergieträger im hiesigen Wirtschaftsraum bewirken, wird das bei uns eingesparte Kontingent über den Preismechanismus von anderen Ländern in der Welt aufgekauft und dort verbrannt. Denn den Gesetzen des Marktes folgend reduziert eine verringerte Nachfrage automatisch auch den internationalen Preis von Kohle, Öl und Gas, was letztlich dazu führt, dass die fossilen Energieträger von anderen Ländern verstärkt nachgefragt und dort verfeuert werden. Dies hat zur Folge, dass die von uns eingesparten Emissionen an anderer Stelle in die Atmosphäre gelangen.

In Kombination mit unzureichenden Border-Adjustments konterkarieren so im Ausland fossil hergestellte und importierte Produkte unsere Bemühungen um Klimaschutz. Das Ziel, mittels der momentan angewendeten Werkzeuge die notwendigen globalen Auswirkungen auf Emissionen und Klima zu erreichen, lässt sich daher eher unzureichend einhalten. 

Mit persönlichen Emissionsbudgets das Klimaziel erreichen

Deshalb sollte man THG-Emissionen stringent vom Geldsystem entkoppeln. Wir sollten den Fokus vielmehr auf die kleinste Einheit am Markt – die Konsument*innen– legen, mit deren enormem Steuerungspotenzial durch interessengelenkte Konsumentscheidungen. Denn der bislang erhoffte Effekt von Konsumeinsparungen oder Verzicht ist wesentlich geringer, als es dringend notwendig wäre. Unser Konsum muss daher generell klimafreundlich produziert werden. Im gegenwärtigen System stehen uns allerdings nicht in ausreichendem Maße klimafreundliche Konsumalternativen zur Verfügung.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte die Einführung einer komplementären CO2-Währung sein. Als CO2-Äquivalent würde sie parallel zur jeweiligen Landeswährung existieren. Das heißt, der ökonomische Preis einer jeden Sache würde weiterhin in Euro bezahlt, die entstandenen CO2-Emissionen hingegen mit einer digitalen Kohlenstoff-Ressourcenwährung. Die Klimaschutz-NGO SaveClimate.Earth des Autorenteams hat dazu ein Konzept handelbarer persönlicher Emissionsbudgets entwickelt. Mit der Klimawährung ECO (Earth Carbon Obligation) würden alle Waren und Dienstleistungen mit einem zusätzlichen CO2-Label ausgepreist. Ein Vergleich der Klimaschädlichkeit verschiedener Produkte wäre dadurch überhaupt erst möglich. Bezahlt wird dieser separate Klimapreis mit dem persönlichen handelbaren Emissionsbudget, das alle Bürger*innen in Form eines monatlichen ökologischen Grundeinkommens in ECO erhalten. Dessen Höhe ergibt sich aus dem festgelegten Klimaziel und ist für alle gleich.

Durch die Einführung eines solchen Modells würde das Steuerungspotenzial für Klimaschutz komplett in die Hände aller Bürger*innen (Konsument*innen) gelegt. Unternehmen hätten so den notwendigen Transformationsdruck, ihre Herstellungsprozesse schneller klimafreundlich zu gestalten, als dies über die derzeitigen staatlichen Maßnahmen geschieht. Denn die Industrie produziert das, was wir mit unseren begrenzten Budgets kaufen (können).

Wir Verbraucher*innen werden aufgrund unserer limitierten Kontingente klimafreundlich hergestellte Waren favorisieren. Mitbewerber, die noch überwiegend fossil produzieren, müssten automatisch gleichziehen, um konkurrenzfähig zu bleiben. So reduzieren sich intrinsisch motiviert CO2-Emissionen entlang der Lieferkette und klimafreundliche Konsumalternativen entstehen. Persönliche Emissionsbudgets definieren so die erforderlichen ökologischen Leitplanken, innerhalb derer wir uns alle frei bewegen können.

Ein Emissionshandel auf Ebene der Bürger*innen trägt auch zur Verringerung der Wohlstandsschere bei

Das Konzept der Klimawährung ECO sieht vor, dass die persönlichen Emissionskontingente von Bürger*innen gehandelt werden können (nicht jedoch von Unternehmen, um Preismanipulation vorzubeugen). Das heißt, Haushalte, die ihr Budget nicht komplett verbrauchen, können sich durch deren Verkauf ein zusätzliches finanzielles Einkommen ermöglichen. Bei diesem Modell findet somit ein direkter finanzieller Ausgleich zwischen Mehrverbraucher*innen und Geringverbraucher*innen statt. Durch die begrenzte Ausgabemenge des ECO ist jedoch stets sichergestellt, dass das vereinbarte Gesamtemissionsbudget nicht überschritten wird.

Fazit

Das Modell handelbarer persönlicher Emissionskontingente bedeutet sicherlich einen Paradigmenwechsel für Wirtschaft und Gesellschaft. Es könnte jedoch auch der Neuanfang sein, der eine sozio-ökologische Transformation einleitet, weil es die Verantwortung für Klimaschutz komplett auf die kleinste Einheit am Markt, nämlich die große Menge aller Verbraucher*innen mit deren enormem Steuerungspotenzial überträgt. Das aufwendige Bilanzieren des CO2-Fußabdrucks der Produkte entlang der Lieferkette entfällt komplett, da mit Beginn der Förderung angefallene Emissionen in Form des ECO bereits auf jeder Rechnung ausgewiesen sind. Greenwashing ist somit kaum mehr möglich.

Initial auf EU-Ebene umgesetzt, könnte die Klimawährung ECO den EU-ETS und die CO2-Bepreisungen ablösen und überdies das dringliche Problem lösen, nationale Interessen mit globalen Notwendigkeiten zu verknüpfen.

Wir Bürger*innen müssten mit einem weiteren (Klima-)Konto haushalten. Für die Industrie würde es Mehraufwand in Form eines zusätzlichen Buchungspostens bedeuten. Auch bei diesem Modell führen die notwendigen Investitionen in die Transformation der Herstellungsprozesse und der Energieerzeugung zu einer Verteuerung des Konsums, da diese Kosten auch hier zu den Endverbraucher*innen durchgereicht werden. Allerdings kommt das Modell ohne jegliche zusätzliche ordnungsrechtliche Verteuerungen aus – ganz im Gegensatz zu den etablierten Werkzeugen.

Die Emissionen drastisch zu reduzieren, um planetare Grenzen einzuhalten, ist nicht optional, sondern alternativlos. Durch den marktwirtschaftlichen Ansatz der Klimawährung ECO kämen jedoch automatisch die am besten geeigneten Methoden und Techniken zur Anwendung, die mit dem geringsten Aufwand die größte Emissionsreduktion bewirken – und dies ohne Notwendigkeit staatlicher Intervention und ohne zusätzliche ordnungsrechtliche Verteuerung unseres Konsums.

Buch
Tipp

Exit Strategie Klimawährung ECO

Angela und Jens Hanson: Exit-Strategie Klimawährung ECO. Mit persönlichen Emissionsbudgets das Klimaziel erreichen. Oekom Verlag, 180 S., 24 Euro, 2023

Das Buch kann zudem als Gratis-E-Book heruntergeladen werden.

Angela und Jens Hanson

Angela und Jens Hanson sind als EU-Klimapakt-Botschafter von der EU-Kommission zertifiziert und setzen sich für globale Klimagerechtigkeit ein. Im Jahr 2020 haben sie dafür die Klimaschutz-NGO SaveClimate.Earth gegründet, eine Organisation für nachhaltige Ökonomie. Mit der Klimawährung ECO (Earth Carbon Obligation) haben sie die Idee des Personal Carbon Trading aufgegriffen und zu einem Modell weiterentwickelt, das initial auf EU-Ebene eingeführt werden könnte.

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