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Finden, befinden und empfinden in der Wissenschaft

Kolumne von Tobias Beck

Finden

Was haben wir alle wieder gefunden im Sommer – Steine, Muscheln, Wurzeln oder Skurrilitäten. Der Sommer ist die große Pause im Jahr, genug Zeit also für Fundstücke, an denen man im Alltag womöglich vorbeigehastet wäre. Auch in der Wissenschaft haben in den letzten Wochen viele Findige Erkenntnisse und Dinge hervorgebracht, die vor Vielfalt schillern. Archäolog*innen, die Meister*innen forschenden Sammelns, haben gleich ein ganzes Bündel an Sommerloch-Fundstücken vorzuweisen: Nachdem ein Landwirt im US-Bundesstaat Kentucky auf seinem Maisfeld ein Goldstück entdeckt und die Behörden verständigt hatte, begannen sie zu buddeln. Am Schluss kam ein 700 Münzen zählender Goldschatz aus der Zeit des Amerikanischen Bürgerkriegs ans Tageslicht. Eine Sensation. Und in Griechenland wurden bei Renovierungsarbeiten im Tatoi- Palast nördlich von Athen die Insignien des griechischen Königs Otto aus dem 19. Jahrhundert entdeckt, die bisher als verschollen galten. Krone, Zepter und Schwert seien sehr gut verpackt und gut erhalten, wie es in der Pressemitteilung heißt. Ein Fundstück aus der Biologie liegt ebenfalls im Mittelmeer. Forscher*innen haben vor der Küste Ägyptens den Lieblingsort der Grünen Meeresschildkröte entdeckt. Während die Tiere nach dem Schlüpfen in den ersten Jahren ziellos herumtreiben und alles fressen, was ihnen begegnet, schwimmen die Reptilien aus dem Meer offenbar im Alter von fünf Jahren gezielt zu den Seegraswiesen, wo auch ihre Eltern und Großeltern schon geschlemmt haben. Entdeckt haben den Lieblingsimbiss der Schildkröten Biolog*innen, indem sie Ortungsdaten von Satelliten und Kohlenstoffanalysen von Knochen und Sedimenten ausgewertet haben. Bewundernswert ist die Treue der Tiere zu ihrem Lieblingsplatz: Seit 3.000 Jahren schwimmen Grüne Meeresschildkröten dorthin. Auf dem Mars wurde auch etwas gefunden. Dort hat der aktuelle Rover „Perseverance“ der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA in Gesteinsproben eine Fülle organischer Moleküle identifiziert. Forscher*innen haben darüber jüngst in einer Nature-Studie berichtet. Wie sie das Fundstück allerdings nun finden – darüber sind sich die Beteiligten uneins. Schließlich können organische Moleküle sowohl durch Lebewesen als auch durch geologische Prozesse erzeugt werden. Die Frage „Gab es Leben auf dem Mars?“ ist also immer noch nicht eindeutig entschieden.

Befinden

Neben dem bloßen Entdecken hat die Wissenschaft aber auch noch andere Bedeutungen des „Findens“ im Sommer ordentlich ausgekostet: Befunden hat eine internationale Gruppe von Wissenschaftler* innen, die „Anthropocene Working Group“ (AWG), über eine entscheidende Frage: Wo auf der Erde lässt sich der Beginn des Anthropozäns, des vom Menschen beeinflussten Zeitalters, am besten festmachen? Ihr Vorschlag: Es soll der Crawford-See im Süden Kanadas sein. Weil er im Vergleich zu seiner Oberfläche so tief ist, dass sich Wasserschichtungen kaum mischen, speichern die Sedimente des Sees Veränderungen wie die Jahresringe eines Baums zuverlässig über lange Zeiträume. Wenn drei der AWG noch übergeordnete Gremien zustimmen, wird die „Goldnadel“ für den Beginn des Anthropozäns jene Schicht im Schlamm sein, in der in den 1950er-Jahren plötzlich Plutonium-Isotope zu messen waren – als Überreste der Atomwaffenzündungen während des Kalten Kriegs.

Empfinden

Und was gibt’s Neues zum Empfinden? Auch Stille ist hörbar. Das konnten Psycholog* innen der John Hopkins University in einer großen Studie mit akustischen Täuschungen zeigen. Genauso wie Tonsequenzen unsere Wahrnehmung und Hirnaktivität verändern können, tun das auch Sequenzen, in denen nichts zu hören ist. Offenbar behandelt unser Gehirn demnach Stille bei der Verarbeitung genauso wie Geräusche. Ob diese Erkenntnis freilich hilft, wenn jetzt nach der Sommerpause wieder die Schulen mit Trubel und Lärm beginnen? Das werden wohl alle unterschiedlich … finden.

Tobias Beck

Tobias Beck geht als Lehrer, Wissenschaftsjournalist und unerschrockener Freizeitwissenschaftler für den MINT Zirkel schon seit Längerem Alltagsmythen auf den Grund. Für seine Kolumne schaut er sich regelmäßig auf dem Jahrmarkt der wissenschaftlichen Durchbrüche um und stößt dabei mal auf Sonderbares, mal auf Skurriles – oder auch auf schlichtweg Erstaunliches.

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