Skip to content

Programmieren ist oftmals wie Detektivarbeit

Von wegen „Frauen können keine Technik“. Dr. Carmen Köhler beweist, dass technische Hingabe manchmal Umwege nimmt, sich am Ende aber immer durchsetzt. Wie sie ihre spannenden Aufgaben miteinander verknüpft und warum sie mit ihrer Leidenschaft für MINT andere begeistern möchte, erzählt sie im Interview.

Frau Dr. Köhler, Sie sind Analog-Astronau-tin, analysieren Wetterdaten und vermitteln Grundlagen des Programmierens und der künstlichen Intelligenz an Lehrkräfte und Schüler*innen – wie verknüpfen Sie diese Bereiche?

Egal, ob ich als Analog-Astronautin astro-nautische Missionen auf der Erde simu-liere, als Fraunhofer-Wissenschaftlerin programmiere oder als CEO in meinem Unternehmen Wetterdaten auswerte – ein fundiertes Wissen in Technik und Natur-wissenschaften sind dabei immer von großer Bedeutung. Ich möchte, dass junge Menschen nicht nur verstehen, wie wich-tig sogenannte MINT-Kenntnisse  – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaf-ten und Technik – für die eigene Zukunft sind, sondern dass sie sich auch dafür begeistern. Was manchmal vielleicht trocken scheint, ist doch der Schlüssel, um so viele faszinierende Phänomene auf unserer Welt – und darüber hinaus – zu erforschen.

Welche Inhalte vermitteln Sie in Ihren Lehr- und Lernangeboten?

Das Fraunhofer IAIS hat bereits vor 20 Jah-ren die Initiative „Roberta – Lernen mit Robotern“ gegründet. Im Kern arbeitet das Team stetig daran, vor allem Programmier- und Robotikkenntnisse zu vermitteln. Dafür entwickeln wir zum Beispiel die grafische Programmierplattform „Open Roberta“, auf der inzwischen Millionen Menschen weltweit ihre Roboter und auch Mikrocontroller intuitiv per Drag-and-drop programmieren können. Aber als Institut, das sich mit künstlicher Intelligenz und Data Science, also mit einem der zentralen technologischen Themenfelder unserer Zeit, beschäftigt, ist es uns wichtig, auch diese Themen an Schüler*innen und Berufs-einsteiger*innen zu vermitteln. So haben wir gemeinsam mit der Google Zukunftswerkstatt zum Beispiel das Projekt „KI in der Berufsausbildung“ ins Leben gerufen. Darin vermitteln wir Auszubildenden, aber auch deren Lehrkräften und Ausbilder*innen, die Grundlagen künstlicher Intelligenz.

Im Projekt KI in der Berufsausbildung, das Dr. Carmen Köhler leitet, geht es darum, Auszu­bildende möglichst unterschiedlicher Branchen fit für KI zu machen

Viele junge Menschen, insbesondere Mädchen, haben Berührungsängste mit Technik und Naturwissenschaften. Wie waren Ihre ersten Erfahrungen mit MINT im Unterricht?

Mir hat damals Mathematik sehr viel Spaß gemacht. Dann hatte ich aber leider einen Mathelehrer, der mir nicht sehr wohlgesonnen war. Also ging ich nach der Schule erst mal meinen kreativen Fähigkeiten nach und machte eine Friseurausbildung, um danach Maskenbildnerin zu werden. Doch mein Interesse an der Mathematik blieb bestehen und ich las beispielsweise das Buch „Fermats letzter Satz“, das von einem mathematischen Beweis handelt.  Darüber sprach ich auch mit einem Wirtschaftsprofessor, dem ich die Haare schnitt. Dieser riet mir daraufhin: „Wenn man an etwas Interesse hat und es einem Spaß macht, dann ist man auch gut darin.“ Somit begann ich nach meiner abgeschlossenen Friseurausbildung mein Mathematikstudium und promovierte danach in Physik.

Wie gehen Sie heute mit jungen Menschen das Thema an?

Als Analog-Astronautin kann ich auch Kindern oder Jugendlichen anhand meiner Mars-Simulations-Missionen spannende Beispiele aus der Arbeit von Wissenschaftler*innen liefern, um grundsätzlich erst mal das Interesse zu wecken. Um besondere Anreize zu schaffen, rufen wir zudem Projekte wie Code4Space ins Leben. Das war ein Grundschulwettbewerb, bei dem Kinder die Möglichkeit hatten, ein echtes Experiment für den Einsatz auf der Internationalen Raumstation mit Open Roberta zu programmieren.

Das Grundschülerinnen­Team hat Weltraumexperimente für den Wettbewerb Code4Space mit  Open Roberta und dem Calliope mini entwickelt

Was begeistert Sie selbst am Programmieren?

Ich liebe das Programmieren, weil man hierbei algorithmisch denken muss: also sich für die Lösung eines Problems eine Reihe von Anweisungen überlegen muss, die Schritt für Schritt ausgeführt werden. Wenn man sich einen Algorithmus überlegt hat und dann dem Computer in verständlicher Sprache vermittelt hat, läuft dann das Programm oder eben nicht. Im letzteren Fall hat man irgendwo einen Fehler gehabt, den man dann finden möchte. Das ist wie Detektivarbeit.

Dr. Carmen Köhler

Dr. Carmen Köhler machte eine Ausbildung zur Friseurin, studierte anschließend Mathematik und promovierte  in  Physik.  Als KI­  und  Pro­grammierexpertin  am  Fraunhofer­Institut für Intelligente Analyse­ und Informationssysteme IAIS  (Fraunhofer  IAIS)  vermittelt  sie  jungen Menschen  die  Grundlagen  künstlicher  Intelli­genz.  Als Analog­Astronautin simuliert sie zudem Forschungsmissionen für Astronaut*innen auf der Erde. 

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Ab sofort können Sie mit dem Digital-Abo alle Fachartikel aus dem MINT Zirkel am Bildschirm lesen, alle Zusatzmaterialien zu den Beiträgen nutzen, die Beiträge auch als Audioversion anhören und das Ausgabenarchiv bequem durchsuchen. Viermal im Jahr kommt eine neue Ausgabe – für Ihren Wissensvorsprung! Außerdem erhalten Sie im Abo unbegrenzten Zugriff auf sämtliche im MINT Zirkel veröffentlichten Downloads (Arbeitsblätter, Unterrichtsmaterial etc.) und sichern sich weitere exklusive Vorteile.

Beitrag teilen:

Facebook
X
LinkedIn
Pinterest
XING
WhatsApp
Email

Ähnliche Beiträge

Partikel aus tausenden von Atomen
11. August, 2026
Die Seltsamkeiten des Mikrokosmos reichen immer weiter: Jetzt wurden Metallkügelchen über einen Abstand vom Zehnfachen ihres Durchmessers „verschmiert“.
Illustration erstellt von ChatGPT mit dem Prompt „Erstelle eine Illustration für eine Zeitung für Lehrkräfte aus dem MINT-Bereich. Das Thema des Artikels ist ‚KI als Autor‘.“
4. August, 2026
Um den Gedanken des vorangegangenen Artikels weiterzuführen, haben wir ein kleines Experiment unternommen: Was wäre, wenn der Beitrag vollständig durch eine KI erstellt würde?
Illustration von ChatGPT passend zur Geschichte: Junge sitzt lauernd im Vordergrund, im Hintergrund sieht man einen typischen bösen Professor
28. Juli, 2026
Künstliche Intelligenz bietet erhebliches Potenzial zur Weiterentwicklung und Verbesserung des eigenen Unterrichts. Gleichzeitig ist ein reflektierter und bewusster Einsatz unerlässlich, um zu vermeiden, dass Quantität über Qualität gestellt wird oder Arbeitserleichterung zulasten didaktischer Tiefe geht. Im Folgenden stelle ich meine persönlichen Erfahrungen vor und gebe praxisorientierte Tipps.
Ausschnitt aus der Programmierumgebung
21. Juli, 2026
„Vibe Coding“ ist eine Praxis in der Softwareentwicklung, bei der Programme fast ausschließlich über die Eingabe von Befehlen oder Prompts entstehen. Der Trend verändert grundlegend den Weg, über den Software entsteht, wirft aber auch wichtige Fragen auf.
Screenshot aus der App: Quantenradierer
14. Juli, 2026
Wer kennt es nicht? Die Schulexperimente im eigenen Physikunterricht kommen überwiegend gut bei der Klasse an. Doch dann geht es in die Quantenphysik: Der Fokus des Schulunterrichts liegt hier hauptsächlich auf Experimenten zum Photoeffekt oder dem Frank-Hertz-Versuch – Experimente zur Quantenphysik des frühen 20. Jahrhunderts, die meist als Demoexperimente durchgeführt werden. Doch gemäß den Bildungsstandards für die allgemeine Hochschulreife wird darüber hinaus auch die unterrichtliche Behandlung von (einzelnen) Quantenobjekten (Elektronen und Photonen) und ihrem Verhalten festgelegt. Die neue App Quantum AR Lab schafft Abhilfe, indem sie das Quantenphysik-Labor in Augmented Reality ins Klassenzimmer holt und eigenständiges Arbeiten ermöglicht.
Junge und Mädchen sitzen lauschend vor einer Grünpflanze
8. Juli, 2026
Pflanzen kommunizieren – das ist keine Esoterik, sondern belegte Pflanzenphysiologie. Was aber, wenn wir ihre elektrischen Signale nicht nur messen, sondern mit KI „übersetzen“ könnten? Ein Bericht aus fünf Jahren Forschung und darüber, was das für den MINT-Unterricht bedeutet.
Grüner Baum von unten fotografiert
30. Juni, 2026
Sie steuern unser Wetter, beeinflussen unsere Gefühle und formten die Evolution: Bakterien sind überall – und laut Peter Wohlleben stark unterschätzt. Ein Gespräch über schlaue Einzeller, die Rettung aus der Klimakrise und das faszinierende Netzwerk der Natur.
Die Diskussionsteilnehmenden sitzen in einem Stuhlhalbkreis auf der Bühne
24. Juni, 2026
Viele Schüler:innen stellen sich im Laufe ihrer Schulzeit dieselbe Frage: Wofür lerne ich das eigentlich? Formeln, Ableitungen, chemische Reaktionsgleichungen oder Programmierlogik erscheinen im Unterricht oft abstrakt und losgelöst von der Lebensrealität. Gerade in den MINT-Fächern fällt es nicht immer leicht, den unmittelbaren Bezug zur späteren Berufswelt zu erkennen.
Riesenkrake in natürlicher Umgebung
17. Juni, 2026
Das Tier des Frühlings kam aus dem Meer: der gestrandete Ostsee-Wal, den Journalist:innen im April „Hope“ oder „Timmy“ tauften, ein Buckelwal, 12,3 Meter lang, tonnenschwer und als Wal ein Mitglied jener Tiere, die bisher als die größten in den Ozeanen galten. Sehr wahrscheinlich ist, dass seine Größe den Rummel um ihn befeuerte. Er wurde geliebt, bemitleidet, hochgejazzt und schließlich als unser aller Meeres-Buddy in eine ungewisse Zukunft entlassen.
Lehrer steht an einer Tafel, auf der mathematische Formeln zu sehen sind
10. Juni, 2026
Mathematik ist weit mehr als Beweise, Herleitungen und abstrakte Strukturen. Sie ist eine elegante Sprache, die unsere Welt ordnet, erklärt und sogar verzaubern kann, wenn man es nur zulässt. Dennoch haftet ihr oft das Vorurteil an, trocken, schwer zugänglich oder gar verstaubt zu sein. Genau diesem Bild sollte im Leistungskurs 11 des Schuljahres 2024/25 am Otto-Hahn-Gymnasium Landau mit der Erstellung eigener Mathematikbücher entgegengewirkt werden.
Nawi-Lernlandschaft bestehend aus Tischen und Stühlen und diversen mobilen Geräten
3. Juni, 2026
Naturwissenschaftliche Fachräume müssen heute mehr leisten als früher: Sie sollen flexible Unterrichtsformen ermöglichen, höchste Sicherheitsanforderungen erfüllen und pädagogische Entwicklungen wie Individualisierung und selbstorganisiertes Lernen unterstützen. Im Interview beleuchtet Dr. Dr. Dierk Suhr, Bildungsexperte beim Schulausstatter Hohenloher, wie zeitgemäße Raumkonzepte für Biologie, Chemie, Physik und Makerspaces aussehen können.

Vielen Dank für Ihr Interesse am MINT Zirkel! Registrieren Sie sich jetzt hier für den kostenfreien Download der Unterrichtsmaterialien.

Wenn Sie bereits einen MINT-Zirkel-Account eingerichtet haben, können Sie sich hier anmelden.