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Die pädagogische Dimension des Raums

Lehren und Lernen findet gemeinhin in Räumen statt – in Mitteleuropa dient dies vorrangig dem Schutz vor Unbilden des Wetters, doch die Wirkung des Raumes auf Lehrende und Lernende darf nicht unterschätzt werden.

Ein Beitrag von Dr. Dierk Suhr

Raumsoziologisch interessant ist beispielsweise, dass mit Überschreiten der Türschwelle zum Klassenzimmer unbewusst ein neues Regelwerk akzeptiert wird: Darf ich mich auf dem Schulhof noch mit Freund*innen meiner Wahl treffen und dabei rennen, toben und laut sein, so gilt all dies im Klassenzimmer nicht mehr. Doch auch auf Pädagogik und Didaktik haben Räume und deren Ausstattung einen bedeutenden Einfluss; der italienische Reformpädagoge Loris Malaguzzi sprach gar vom „Raum als drittem Pädagogen“ – rund 100  Jahre alt ist dieses viel zitierte geflügelte Wort.

Das Konzept „Flurschule“ ist überholt​

Der pädagogischen Dimension des Raumes wurde in Deutschland allerdings bisher wenig Bedeutung geschenkt, Grundrisse im Bildungsbau sehen heute noch genauso aus wie vor 150  Jahren, geprägt von der „Flurschule“ oder „Industrieschule“ des 19. Jahrhunderts.

Ein hörsaalbestuhlter Chemiefachraum mit Experimentiertisch für die Lehrkraft erlaubt Frontalunterricht mit Demonstrationsexperimenten – und sonst nichts

Diese „Flurschulen“ mit einheitlichen Klassenräumen rechts und links eines Flures, ausgerichtet auf lehrkraftzentrierten Frontalunterricht, stammen noch aus der Zeit der Industrialisierung, die für die gleichförmigen Tätigkeiten nach uniformen Arbeitskräften verlangte. Unsere Lebens- und Arbeitswelt hat sich aber in den letzten 150 Jahren verändert: Heute geht es in Schulen um die Vermittlung von Zukunftskompetenzen für eine (Arbeits-)Welt, von der wir die neuen Berufe und Herausforderungen noch nicht einmal kennen. Die Vermittlung dieser sogenannten 21st Century Skills verlangt nach wechselnden Unterrichtsverfahren, nach Methodenvielfalt und alternierenden Sozialformen. Inklusion und Sprachförderung erfordern zudem darüber hinausgehende Differenzierung.

Auch die zunehmende Einrichtung von Ganztagsschulen hat Auswirkungen auf Raumkonzept und Architektur. Eine als Halbtagsschule geplante Schule wird durch den Neubau einer Mensa nicht zur geeigneten Ganztagsschule. Pädagogisch wertvoller Ganztagsunterricht bedeutet nicht, den Frontalunterricht im 45-Minuten-Takt bis zum Nachmittag auszudehnen, nur unterbrochen von einer Mittagspause – das wäre für Lehrkräfte wie für Lernende eine Zumutung. Die Ganztagsschule braucht daher eine neue Rhythmisierung mit Unterrichtseinheiten und Zeiten des Selbstlernens, der Einzel- und der Gruppenarbeit, aber auch mit Ruhezeiten für Lernende wie für Lehrende – und die entsprechenden Räume.

Neue Lehrformen verlangen neue Raumkonzepte

Erst in den letzten Jahren werden Konzepte wie „Lernwerkstätten“ und „Makerspaces“ als Bereich eigener Theorie und Praxis erkannt, grundlegend beforscht und vor allem in Schülerforschungszentren, Schülerlaboren, Science Centers und zunehmend auch in Schulen umgesetzt. Hier ist oft nicht mehr der Klassenverband die bestimmende Sozialform, er schwindet zugunsten individualisierter Arbeitsformen und wechselnder (Klein-)Gruppen. In einzelnen Leuchtturmprojekten werden Klassenverband und Stundenplan sogar gänzlich aufgelöst und völlig neue Formen des Lernens erprobt – von „Unterricht“ im klassischen Sinne kann hier gar nicht mehr gesprochen werden. Diese neuen Formen des Lehrens und Lernens verlangen aber auch nach neuen Raumkonzepten und Gebäudegrundrissen.

Flexible Lernräume verlangen nach neuen  Grundrissen im Bildungsbau – die „Flurschule” ist pädagogisch ein Auslaufmodell

Die (Lern-)Räume müssen dabei sowohl herausfordernd sein als auch Platz für Kooperationen bieten, die Aneignung durch Schüler*innen erlauben, aber auch ordnend im Sinne des pädagogischen Regelwerks wirken. Und natürlich muss die Gestaltung dieser Lernräume neben der sozialen Formation der Lerngruppe auch die spezifischen Interaktionsprozesse der eingesetzten Lehr- und Lernmethoden fördern – erst kommt die pädagogische Vision, dann das daraus abgeleitete und darauf abgestimmte Raumkonzept.

Multifunktionale statt monofunktionaler Räume

Angesichts zu erwartender Nutzungsverschiebungen – wer weiß schon heute, welche Nutzung pädagogisch in 20 Jahren verlangt wird? – bietet es sich an, bereits im heutigen Bildungsbau nicht mehr in mono-funktionalen, sondern in multifunktionalen Räumen zu denken. Und diese flexiblen Lernräume verlangen nach neuen Grund-rissen im Bildungsbau, zusammen mit

  •  Räumen für Einzel- und Gruppenarbeit,
  •  Räumen für Instruktions- oder Prüfungs-situationen,
  •  Räumen für Differenzierung,
  • Aufenthalts- und Arbeitsräumen für Lehrende und auch
  •  Rückzugsräumen für Ruhephasen.

 

Nicht zuletzt muss die Ausstattung der Lern- und Laborräume die zukünftigen pädagogischen Anforderungen unterstützen und daher möglichst anpassungsfähig an die jeweilige Lernsituation und Sozialform sein: Von der Versorgung mit technischen Medien wie Gas, Wasser oder Druckluft bis hin zu Tischen und Stühlen, Schränken und Raumtrennern verlangt eine multifunktionale Offenheit des Raumes nach flexiblen Lösungen.

Dr. Dierk Suhr ​

Dr. Dierk Suhr ist Naturwissenschaftler und Technikdidaktiker und beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit Gelingensbedingungen naturwissenschaftlicher und technischer Bildung. Seit 2020 betrachtet er als Leiter Bildungskonzepte bei Hohenloher Lernräume und Labore aus der pädagogisch-didaktischen Perspektive.

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