Skip to content

Das Sofaproblem: einfach zu verstehen, aber ungelöst

Man stelle sich vor, man zieht gerade um und auch das Sofa soll mit. Es wäre ja auch zu schön, wenn alles glattlaufen würde. Und so passiert’s: Das Sofa passt im Flur nicht um die Ecke. Aber wie kann das ein ungelöstes Problem der Mathematik sein?

Für ein gegebenes Sofa kann man leicht nachrechnen, ob man hängen bleibt oder nicht. Die offene Frage ist, wie groß die Grundfläche eines solchen Sofas maximal sein kann, damit es um die Ecke eines Flurs der Breite 1 passt. Während eine exakte Lösung nicht bekannt ist, kann man einige Aussagen bezüglich der gesuchten maximalen Fläche treffen.
Als Mathematiker trifft man zunächst Annahmen. Erst mal wollen wir nur starre Gegenstände zulassen. Um weniger von Verhältnissen der Größen von Flur und Sofa reden zu müssen, legen wir die Breite des Flurs auf 1 fest; und zwar „vor“ und „hinter“ der Ecke, die genau rechtwinklig sein soll. Für die Grundfläche eines Sofas schreiben wir A.

Geschickt rotieren

Gervers Sofa mit 18 Kurvensektionen

Um sich an das Problem heranzuwagen, kann man jetzt mal ausprobieren, was funktioniert. Ein Würfel mit Seitenlängen 1, d. h. A = 1 ⨯ 1 = 1, passt um die Ecke, wenn man ihn von der einen Seite so weit schiebt wie möglich und dann von der anderen Seite der Ecke weiterzieht. Wir sehen an diesem Beispiel: Die maximale Grundfläche beträgt auf jeden Fall mindestens 1 (A ≥ 1). Ist es vielleicht möglich, einen größeren Gegenstand zu nehmen? Nein, denn man kann noch einen größeren Gegenstand konstruieren, den man um die Ecke schieben (rotieren) kann. Das Rotieren geht so: Nimmt man einen Halbkreis mit Radius 1 – mit der flachen Seite zur inneren Seite der Ecke – und schiebt ihn bis zur gegenüberliegenden Wand, dann kann man ihn an der unteren Ecke um die Ecke ziehen. So finden wir eine Fläche der Größe A = π/2 ≈ 1,571, was schon mal deutlich größer als 1 ist.

Telefonhörer statt Sofa

Aber man kann noch weiter kommen: John Hammersley, Mathematiker in Oxford, hat ein Objekt in der Form eines (alten) Telefonhörers konstruiert, dessen Fläche π/2 + 2/π ≈ 2,207 beträgt. Der Trick besteht darin, an der Innenseite eine passende Aussparung einzubauen, die sich an der spitzen Ecke entlang bewegen kann. Der „Telefonhörer“ besteht einfach aus zwei Viertelkreisen an den Seiten und einem Rechteck in der Mitte, aus dem innen ein Halbkreis „herausgefräst“ wurde. Diese einfache Konstruktion hat der amerikanische Mathematiker Joseph Gerver verfeinert, indem er eine optisch ähnliche Form aus 18 Kurvensektionen zusammengesetzt hat. Die vielen Kurvensektionen sind nötig, um den Platz auf der anderen Seite optimal auszunutzen. Damit kommt er auf eine leicht größere Fläche von A ≈ 2,219. Hammersley hat sich auch bemüht, eine möglichst niedrige Obergrenze für die maximale Fläche zu finden. Als solche obere Schranke hat er 2 √2 ≈ 2,828 identifiziert. Man beachte den überraschend schönen (d. h. kürzen) Zahlausdruck. Vor Kurzem, im Jahr 2017, haben jedoch zwei Mathematiker eine niedrigere obere Schranke von 2,37 ermittelt. Wo zwischen 2,219 und 2,37 liegt nun das wahre Maximum? Man weiß es nicht. Vielleicht kann man mit Kreativität und eigenen Ideen die Konstruktion weiter verbessern. Oder eventuell etwas über ein erweitertes Problem herausfinden; zum Beispiel für den Fall, dass am Ende des Flurs eine weitere Ecke in die andere Richtung folgt – dann muss der Telefonhörer auch auf der anderen Seite ausgefräst werden und ähnelt einer 8.
Das Problem ist jedenfalls ein gutes Beispiel für anschauliche und leicht zu verstehende Probleme der Mathematik, die man mit komplexen Methoden behandeln kann, um dann am Ende klare Aussagen über die Realität treffen zu können. In der Mathematik gibt es viele solche Probleme, die ungelöst sind. Wer sich in die Probleme selbst hineindenkt und einen Ansatz findet, den andere bisher übersehen haben, kann zur Forschung eigene Resultate beitragen.

 

Tim M. Baumgartner, Deutsches Jungforschernetzwerk – juFORUM e. V.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Mehr davon finden Sie in unserer Lehrerzeitung MINT Zirkel! Mit dem digitalen MINT Zirkel-Abo erhalten Sie regelmäßig neue Ausgaben der digitalen Lehrerzeitung – vollgepackt mit praxisnahen Fachartikeln, didaktisch fundierten Materialien und exklusiven MINT Zirkel-Zusatzmaterialien. Speziell für Lehrkräfte im MINT-Bereich.

Beitrag teilen:

Facebook
X
LinkedIn
Pinterest
XING
WhatsApp
Email

Ähnliche Beiträge

Molekularbiologe Ludwig Dersch im Labor
25. Februar, 2026
Günstig, leicht, sensibel: Das Sensorsystem LUCY ist dem menschlichen Gehör haushoch überlegen. Befestigt an Drohnen detektiert es Hilfeschreie von Verschütteten und kann so dabei helfen, Leben zu retten. Entwickelt hat das System die Forschungsgruppe von Dr. Marc Oispuu am Fraunhofer-Institut FKIE in Wachtberg.
Optische Illusion mit vielen Rechtecken, die sich kreisförmig verdichten
17. Februar, 2026
Zauberei und Magie haben die Menschen schon seit jeher fasziniert und in eine andere Welt mitgenommen – ganz besonders auch deshalb, weil die Gesetze der Physik anscheinend mühelos außer Kraft gesetzt werden können.
Insektenhotel aus Holz mit mehreren Etagen an einem Wegesrand
11. Februar, 2026
Die Artenvielfalt schwindet und entsprechende Schutzmaßnahmen werden immer wichtiger. Am Beispiel eines Insektenhotels können Schüler:innen der Klassenstufen 3 bis 6 aller Bildungsgänge Biodiversität mathematisch erkunden und an der eigenen Schule oder zu Hause aktiv werden.
Sternhaufen und Gasnebel
3. Februar, 2026
Das Webb-Weltraumteleskop hat Galaxien entdeckt, die schon 300 bis 500 Millionen Jahre nach dem Urknall entstanden sind – die ältesten bekannten Sternsysteme überhaupt. Es scheint viel mehr und leuchtkräftigere davon in größeren Distanzen zu geben als bislang angenommen. Bringen sie das Standardmodell der Kosmologie in Erklärungsnot?
Bunter Wackelturm, dem sich eine Hand nähert, um einen Stein rauszuziehen
27. Januar, 2026
Die weltweite Artenvielfalt schrumpft alarmierend – ein Trend, der verschiedenste Ökosysteme zunehmend aus dem Gleichgewicht bringt und gravierende Folgen nach sich zieht. Doch wie lassen sich diese komplexen Zusammenhänge greifbar machen, insbesondere für Schü-ler:innen? Für dieses Problem wurde das Lernspiel „BioBalance“ entwickelt, das das Wech-selspiel zwischen Natur und Mensch auf spielerische Weise erlebbar macht.
Externe Wärmepumpe an einem Haus im Grünen
20. Januar, 2026
Deutschlands Energieversorgung muss klimaneutral werden – eine Mammutaufgabe. Durch die geschickte Wahl effizienter Verbraucher wird die Umstellung aber leichter, als es auf den ersten Blick scheint.
Gletscher in einem isländischen Nationalpark
13. Januar, 2026
Die Klimakrise zählt zu den größten Herausforderungen unserer Zeit und eine ihrer sichtbarsten Folgen ist die beschleunigte Gletscherschmelze. Dies ist jedoch kein neues Phänomen, denn bereits in den vergangenen 150 Jahren stiegen die Temperaturen weltweit deutlich an und bedrohen seitdem die Gletscher als wichtige Süßwasserspeicher. Ein anhaltendes Schmelzen der Gletscher kann kurzfristig Überschwemmungen auslösen sowie langfristig zu Wassermangel führen. Zudem verstärkt der Rückgang heller Eisflächen durch die sinkende Albedo den globalen Temperaturanstieg. Um Schüler:innen frühzeitig für diese Zusammenhänge zu sensibili-sieren, wurde ein digitales Lerncomic für die Klassenstufe 5/6 entwickelt.
Sitzungssaal mit vielen Menschen
7. Januar, 2026
Ende 2024 gingen, zum Teil von den Medien un(ter)beobachtet, mehrere UN-Konferenzen zu Ende, die sämtlich um den Erhalt unserer Umwelt gerungen haben. Inzwischen neigt sich 2025 dem Ende zu und wir befinden uns weiterhin auf einem desaströsen Pfad des sich beschleunigenden Klimawandels, Artenverlustes und der Umweltverschmutzung.
Zwei gefüllte Champagnergläser vor Bokeh-Hintergrund
30. Dezember, 2025
Das Schuljahr ist wieder gestartet. Für Millionen Schüler:innen, Lehrkräfte und Eltern fühlt sich der Alltag jetzt, nach dem Sommer, ähnlich an wie der davor. Es gibt wieder: frühes Aufstehen, verstopfte Schultoiletten, Formeln, Vokabeln und unrenovierte Gebäude. Für alle, die dabei Gefahr laufen, in den Trott vom letzten Jahr zu verfallen, hilft vielleicht der Blick auf zwei wissenschaftliche Highlights der letzten Zeit.
Eine Frau, von der nur die Arme zu sehen sind, hält ein Glas mit einem künstlichen Weihnachtsbaum ins Bild
23. Dezember, 2025
Das populärwissenschaftliche britische Magazin New Scientist erscheint seit 1956 jede Woche. Von 1967 bis 1977 enthielt es die Kolumne „Tantalizer“ (auf Deutsch: „Peiniger“) mit mathematischen und logischen Rätseln, die von dem britischen Philosophen Martin Hollis geschrieben wurden. Seit dem 22. Februar 1979 findet man in dem Magazin eine Denksportkolumne mit dem Titel „Enigma“ (auf Deutsch: „Rätsel“). Die Kolumne lief fast 35 Jahre lang, als am 28. Dezember 2013 das 1780. und letzte „Enigma“ erschien. Am 2. Januar 2013 stellte Peter Chamberlain das folgende Rätsel.
Adventsgesteck mit vier roten brennenden Kerzen
16. Dezember, 2025
Advent ist nicht nur die Zeit des Lichts, sondern auch des Nachdenkens – und manchmal sogar des logischen Denkens. Das folgende Rätsel bringt die feste Struktur des Adventsbrauchs mit einer kleinen mathematischen Herausforderung zusammen. Perfekt für alle, die gern über Kerzen hinaus in Zahlen denken. Viel Freude beim Knobeln!
Rentier im Schnee
9. Dezember, 2025
Weihnachten 1939 gab die Kaufhauskette „Montgomery Ward“ aus Chicago ein von Robert Lewis May entworfenes Malbuch für Kinder heraus, das von einem Rentier mit einer leuchtend roten Nase namens Rudolph handelte. 1949 landete Gene Autry mit dem darauf basierenden von Johnny Marks geschriebenen Weihnachtslied „Rudolph, the Red-Nosed Reindeer“ einen Welthit. Die Geschichte des rotnasigen Rentiers ist auch mehrfach verfilmt worden.

Vielen Dank, dass Sie sich für den MINT Zirkel interessieren. Registrieren Sie sich jetzt, um Zugriff auf alle Zusatzmaterialien zu erhalten oder melden Sie sich mit Ihren bestehenden Zugangsdaten zu Ihrem “Mein MINT Zirkel-Account“ an.