Skip to content

Können innovative Unterrichtsansätze in den MINT-Fächern die Motivation und Leistung fördern?

Während Grundschulkinder häufig noch reges Interesse an MINT-Fächern zeigen, nimmt diese Begeisterung im Laufe der Schulzeit oft ab. Dieser Trend ist durch die empirische Bildungsforschung aktuell gut belegt. Welche Möglichkeiten gibt es für Lehrkräfte, diesem negativen Trend entgegenzuwirken? Bildungsforscherinnen und -forscher vermuten besonders hinter innovativen Wegen der Unterrichtsgestaltung – wie Forschendem Lernen, außerschulischem Lernen oder Lernen mit digitalen Medien – ein großes Potenzial, um Schülerinnen und Schüler für die MINT-Fächer stärker zu begeistern.

In einer Metaanalyse aus dem Jahr 2016 untersuchte Elwin Savelsbergh deshalb gemeinsam mit seinen Mitautorinnen und -autoren empirisch, ob innovative Ansätze die Einstellung und das Interesse von Schülerinnen und Schülern gegenüber naturwissenschaftlich-mathematischen Inhalten tatsächlich besser fördern als regulärer Unterricht. Weil mehr Interesse aber nicht automatisch bedeutet, dass Schülerinnen und Schüler auch mehr
lernen oder bessere Leistungen bringen, untersuchten die Autorinnen und Autoren auch, wie sich die Leistungen von Heranwachsenden durch innovative Ansätze entwickeln. Die für die Metaanalyse ausgewählten Studien beschäftigten sich dabei mit fünf verschiedenen Arten innovativer
Unterrichtsansätze:
Kontextbasierte Ansätze: Unterrichtsansätze, die MINT-Inhalte bewusst in spezifischen Anwendungskontexten darstellen und an die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler anknüpfen
Forschendes Lernen: Unterricht, bei dem Schülerinnen und Schüler von naturwissenschaftlichen Fragestellungen ausgehend Daten sammeln, auswerten und interpretieren
Lernen mit digitalen Medien: Lehrkräfte gestalten Unterricht mithilfe von Computern und digitalen Medien, zum Beispiel setzen sie Simulationen, Quiz, Lernspiele oder Lehrvideos ein.
Kollaboratives Lernen: Schülerinnen und Schüler arbeiten in flexiblen Gruppen an gemeinsamen Aufgaben. Dazu gehören auch Peer-Feedback-Aktivitäten und Diskussionen.
Extracurriculare Aktivitäten: unterrichtsbezogene Aktivitäten, die meist
außerhalb des Klassenzimmers stattfinden, wie Museumsbesuche, Exkursionen oder Expertenvorträge

Bessere Leistungen und mehr Interesse – aber nicht in jedem Alter

Die Analysen zeigen, dass innovative Unterrichtsansätze signifikant positivere Ergebnisse erzielen als Unterricht, der nicht mit diesen Methoden gestaltet wurde. Dies betrifft sowohl die positivere Einstellung
gegenüber MINT-Inhalten als auch ein höheres generelles Interesse an MINT-Themen sowie bessere Lernleistungen. Für die Ergebnisse der Analysen spielt es keine Rolle, welcher der genannten Ansätze dabei eingesetzt wurde, wie lange Schülerinnen und Schüler mit innovativen Ansätzen unterrichtet wurden, in welchem MINT-Fach die Untersuchung stattfand oder ob Lehrkräfte spezifisch auf die Gestaltung des Unterrichts vorbereitet wurden.

Ein Einflussfaktor zeigte sich allerdings: Für die Jahrgangsstufe der Schülerinnen und Schüler ergab sich ein signifikant negativer Zusammenhang mit der Förderung einer positiven Einstellung. Das deutet darauf hin, dass es in höheren Jahrgangsstufen schwieriger wird, positive Einstellungen durch innovatives Unterrichten zu fördern.

Studienbeispiel: innovativer MINT-Unterricht digital

Wie MINT-Unterricht mithilfe digitaler Medien innovativ und effektiv gestaltet werden und dabei sowohl Leistungen als auch Interesse fördern kann, zeigt eine experimentelle Studie von Rosen (2009) mit 418 israelischen Fünft- und Siebtklässlern, die Teil der Metaanalyse ist: Schülerinnen und Schüler der Experimentalgruppe nutzten während des naturwissenschaftlichen Unterrichts zwei bis drei Monate lang regelmäßig mindestens einmal pro Woche die Online-Plattform BrainPOP (www.brainpop.com). Diese Plattform bietet Zugang zu einer Fülle von kurzen Videoclips, die unterschiedliche Unterrichtsinhalte anschaulich mithilfe von Zeichentrickanimationen erklären.

Die Studie konzentriert sich auf die beiden Inhaltsbereiche „Erde und Weltall“ sowie „Materialien und deren Eigenschaften“, die im Curriculum der jeweiligen Jahrgangsstufe verankert sind und zu denen jeweils ca. 20 Videoclips bereitstehen. Während in den Parallelklassen – der sogenannten Kontrollgruppe ohne Zugang zur Plattform – das Interesse im Laufe der Zeit abnahm, berichteten die Teilnehmenden der Experimentalgruppe ein deutlich höheres Interesse an Themen im Bereich der Naturwissenschaft und Technik. Auch ihre Fähigkeiten, das gewonnene Wissen in neuen Situationen einzusetzen, konnten sie deutlich steigern. Die Kontrollgruppe erzielte hier hingegen nur einen sehr geringen Zuwachs.

Fazit für die Unterrichtspraxis

Diese Metaanalyse unterstreicht bisherige Befunde zum Potenzial innovativer Unterrichtsansätze in den MINT-Fächern. Standen bisher ausschließlich positive Effekte hinsichtlich der Leistungsentwicklung im Vordergrund, so lässt sich auf Basis dieser Befunde feststellen, dass innovatives Unterrichten auch die Einstellung und das Interesse von Lernenden gegenüber MINT-Inhalten positiv beeinflusst. Dies bedeutet auch, dass die mancherorts geäußerte Befürchtung so nicht bestätigt werden kann, dass Schülerinnen und Schüler zwar mehr Begeisterung und Interesse zum Beispiel für außerschulischen Unterricht hätten, dabei aber nicht so effektiv lernten wie durch regulären Unterricht. Im Gegenteil: Sie profitieren auch in ihrer Leistungsentwicklung von innovativen Ansätzen. Insgesamt scheint es nicht so entscheidend zu sein, welchen Ansatz man wählt oder in welchem Schulfach man ihn einsetzt. Vielmehr ist es wichtig, dass Lehrkräfte überhaupt innovativ unterrichten und dabei auf die Qualität der Inhalte und der Umsetzung achten. Es lohnt sich, bereits bei jungen Schülerinnen und Schülern anzusetzen und das große Interesse, das diese zu Beginn ihrer Schullaufbahn mehrheitlich mitbringen, weiter zu fördern, um später nicht mühsam Defizite ausgleichen zu müssen.

Dr. Maximilian Knogler, Annika Schneeweiss


Weitere Informationen:

Das Clearing House Unterricht (TU München) wird im Rahmen der Qualitätsoffensive Lehrerbildung vom Ministerium für Bildung und Forschung gefördert. Das Modellprojekt bereitet die aktuell beste wissenschaftliche Evidenz zu Themen des MINT-Unterrichts für die Lehrerbildung auf.
www.clearinghouse-unterricht.de
Kurzreview Innovativer MINT-Unterricht
www.t1p.de/innovativer-mint-unterricht

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Mehr davon finden Sie in unserer Lehrerzeitung MINT Zirkel! Mit dem digitalen MINT Zirkel-Abo erhalten Sie regelmäßig neue Ausgaben der digitalen Lehrerzeitung – vollgepackt mit praxisnahen Fachartikeln, didaktisch fundierten Materialien und exklusiven MINT Zirkel-Zusatzmaterialien. Speziell für Lehrkräfte im MINT-Bereich.

Beitrag teilen:

Facebook
X
LinkedIn
Pinterest
XING
WhatsApp
Email

Ähnliche Beiträge

Nahaufnahme einer Brennnessel
5. Mai, 2026
Warum wachsen auf einem frisch geharkten Beet so schnell wieder unerwünschte Kräuter? Die Gründe sind vielfältig: Entweder bilden sie viele Samen, die neu einfliegen oder lange im Boden ruhten (Brennnessel, Vogelmiere, Löwenzahn), oder sie vermehren sich durch Ausläufer oder Rhizome (Brennnessel, Quecke, Giersch). Am Beispiel der Brennnesseln lassen sich im Biologie-Unterricht ökologische Nische, Zeigerarten, pflanzlicher Fraßschutz durch Brennhaare, Ein- und Zweihäusigkeit, Bestimmungsübungen an „Nesseln“, Pflanzenfasern und ökologisches Gärtnern thematisieren.
Mädchen lehnt an einer Tafel und lächelt, während jemand anderes eine Matheaufgabe notiert
29. April, 2026
Übung macht den Meister, das gilt auch für den Mathematikunterricht. Nun hält zwar jedes Lehrwerk einen schier unendlichen Fundus an Übungsaufgaben parat, doch spätestens wenn man auf Seite 198 bei Aufgabe 15 z) angekommen ist, hat man die Schülerschaft verloren. Gut verpackt dagegen können Rechenaufgaben durchaus unterhaltsam sein.
Taurus-Molekülwolke im Sternbild Stier
22. April, 2026
Die Materie zwischen den Sternen ist komplexer, als lange gedacht. Inzwischen wurden zahlreiche Moleküle identifiziert. Entstanden Bausteine des Lebens bereits im Weltraum?
Küste mit Pier und Wellen
15. April, 2026
Steigende Meeresspiegel, zunehmende Sturmfluten und veränderte Lebensräume – der Kli-mawandel stellt unsere Küsten vor immense Herausforderungen. Solche großen Phänomene lassen sich im Schulalltag jedoch oft nur schwer greifbar machen. Für genau dieses Problem wurde ein Deichmodell adaptiert, mit dem Lehrkräfte derartig komplexe Themen ins Klassen-zimmer holen und Schüler:innen aktiv verschiedenste Küstenschutzmaßnahmen nachbauen oder auch neu entwickeln können. Durch selbst erzeugte Wellen können sie zudem die Wirk-samkeit ihrer Konstruktion beobachten und messen. So verbindet das Modell praxisnahes Experimentieren mit einem tieferen Verständnis für den Einfluss des Klimawandels auf unsere Lebensräume.
Menschen arbeiteten auf einem Feld mit goldenem Reis
7. April, 2026
Wenige Themen in der Biologie werden so emotional diskutiert wie gentechnische Verfahren in der Landwirtschaft. Deshalb eignet sich die Agro-Gentechnik – auch grüne Gentechnik genannt – nicht nur dazu, molekularbiologisches Wissen an einem lebensnahen Objekt, unserem täglichen Essen, zu vermitteln. An den verschiedenen Aspekten dieses Themas können unterschiedliche wissenschaftliche Positionen diskutiert werden. Und es lässt sich aufzeigen, wie Fachwissen unterschiedlich bewertet und gewichtet wird, um zu gesellschaftlichen Entscheidungen zu kommen.
Jane Goodall und Prof. Dr. Maximilian Moser berühren den Baum, in dem TreeMuse befestigt ist
31. März, 2026
Wie unzählige Generationen vor uns verbrachten auch wir als Kinder viel Zeit im Wald. Der Wald war unser Spielgefährte und Lehrmeister: Wir rochen am Baumharz, knabberten Tannenwipfel im Mai, schliffen flache Steine, montierten sie auf gespaltene Aststücke als Tomahawks und nutzten das Gelände zum Verstecken- und Fangenspielen, zum Herumtollen und zur Suche nach Erdbeeren, Himbeeren und Pilzen. Heute hat sich diese Fülle an Bewegung bei Kindern weitgehend auf Wischbewegungen über ein leuchtendes Display reduziert. Es stellt sich daher die Frage: Wie können wir diese neue Generation von Kids wieder dazu bewegen, Zeit mit Bäumen und in der Natur zu verbringen?
Schildkröte im Meer mit einer Plastiktüte im Maul, während auf dem Meeresgrund weiterer Plastikmüll liegt
26. März, 2026
Achtung: Dieser Text könnte Ihr Bild von Schildkröten nachhaltig verändern. Wenn jemand diese Tiere mit dem Panzer auf dem Rücken bisher für possierlich, ruhig und liebenswert gehalten hat und bei dieser Sicht bleiben will: LESEN SIE NICHT WEITER!
Hände halten Bleistift und Zirkel und schweben über einem technischen Blatt Papier
18. März, 2026
Um Schüler:innen für das Leben und Arbeiten in einer technisch geprägten, digital vernetzten Welt zu befähigen, kommt dem Technikunterricht eine besondere Rolle zu. Technische Allgemeinbildung umfasst dabei die Fähigkeiten, Technik zu nutzen, zu verstehen und zu beurteilen (Höpken et al. 2003) sowie Probleme zu lösen. Neben den Problemtypen Technik nutzen, Störungen beseitigen und Entscheidungen treffen ist das Konstruieren von Technik (Stemmann & Lang 2014) Inhalt und neben der Fertigungsaufgabe die am häufigsten eingesetzte Methode des Technikunterrichts (Straub 2017). Das Potenzial des Einsatzes von 3D-CAD für den MINT-Unterricht wird im folgenden Beitrag am Beispiel einer Konstruktionsaufgabe aus dem Technikunterricht veranschaulicht.
Hände halten eine blau-grün schimmernde Puzzlelampe
11. März, 2026
Puzzlelampen wie die beliebte IQ Light des dänischen Designers Holger Strøm faszinieren mit ihrer klaren und zugleich komplexen Ästhetik. Beim Zusammenbauen erschließt sich ihre Schönheit Schritt für Schritt und fast nebenbei trainiert man dabei mathematisches Denken. Darüber hinaus bieten die Puzzlelampen verschiedene Ansatzpunkte, auch tiefer in die dreidimensionale Geometrie einzutauchen.
Geöffnetes Buch neben einer Tasse Kaffee und Blumen
6. März, 2026
Endlich startet der Frühling – und damit regt sich wieder die Lust auf Neues. Zeit, sich mit spannenden Themen aus der MINT-Welt zu beschäftigen. Hier kommen unsere Lektüreempfehlungen für den Frühling – viel Spaß beim Lesen.
Warum Menschen häufig gute Entscheidungen treffen
6. März, 2026
Die Frage, wie Menschen im Allgemeinen ihre Entscheidungen treffen und wie „gut“ sie entscheiden, wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. Grob lassen sich drei Strömungen unterscheiden: die neoklassische ökonomische Entscheidungstheorie, die traditionelle Verhaltensökonomie und die Forschung zur adaptiven Rationalität. Letztere wird leider in der (Wirtschafts-)Didaktik und der Schulbuchliteratur kaum beachtet. Ausgehend von einem kleinen Entscheidungsexperiment möchten wir im Folgenden zeigen, dass alle drei Ansätze wertvolle Erkenntnisse bieten, um menschliches Entscheiden zu verstehen und zu verbessern.
"Halten verboten"-Verkehrsschild mit dem Hinweis darunter "Auf dem gesamten Parkplatz"
6. März, 2026
Es gibt immer wieder Momente, in denen Menschen verwundert auf von ihnen nicht so einfach aufzulösende innere Widersprüche stoßen. Und genau da beginnt das rätselhafte Universum der Paradoxa, über alle Wissenschaftsdisziplinen hinweg.

Vielen Dank, dass Sie sich für den MINT Zirkel interessieren. Registrieren Sie sich jetzt, um Zugriff auf alle Zusatzmaterialien zu erhalten oder melden Sie sich mit Ihren bestehenden Zugangsdaten zu Ihrem “Mein MINT Zirkel-Account“ an.