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Von den Bienen (wach)geküsst

Ein Sachbuch über Bienen, das mit einem „Kuss an der Haustür“ beginnt und am Ende ermutigt, in „die Fülle der Welt“ zu vertrauen, Altes loszulassen und angstfrei aufzubrechen!? Klingt vielversprechend.

In sieben leidenschaftlich erzählten Kapiteln taucht man in dem anregenden Sachbuch „Inspiration Biene“ von Thomas Radetzki und Matthias Eckoldt tief ein in das faszinierende Gemeinschaftswerk Bienenvolk und lernt die Bienen in all ihren Fassetten kennen: nicht nur wie, wo und wann sie küssen – auch wie sie schwänzeln, kämpfen und faulenzen, warum sie sich verjüngen oder schlagartig altern, wie sie Wachs schwitzen, bauen, diskutieren oder als Schwarm alles zurücklassen, um voller Energie ins Ungewisse aufzubrechen.

It started with a kiss

Bienen küssen, ständig. Draußen in der Natur, am Flugloch und im Stockdunklen, auf dem Tanzboden und in den engen Wabengassen. Wenn Bienen ihre langen Zungen ineinander verschlingen, fließt Nektar oder Honig. Küsst zum Beispiel eine Sammelbiene eine Arbeiterin am Stockeingang, gibt sie ihr Sammelgut an den Innendienst weiter. Dabei werden Küsse nicht nur unter Artgenossen ausgetauscht, sondern Bienen küssen – bekanntermaßen – auch Blüten …

Der Sammlerin wird Nektar abgenommen

Der Sammlerin wird Nektar abgenommen  (© Angelika Sust)

Von Bienen und Blüten

Als blütenstete Bestäuber sind Honigbienen unser drittwichtigstes Nutztier. Doch nach 45 Millionen Jahren Erfolgsgeschichte auf der Erde kämpfen sie plötzlich ums Überleben. In einem menschendominierten System, das auf Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und Wachstumsstreben setzt, gerät der Superorganismus Bienenvolk aus dem Gleichgewicht. Das Bienensterben gleicht einem alarmierenden Weckruf, der uns zeigt, dass unsere Welt an allen Ecken und Enden zu straucheln beginnt.

Wenn wir die Bienen retten wollen, sollten wir uns von ihnen inspirieren lassen. Denn sie zeigen besonders anschaulich und plastisch die Verzahnung alles Lebendigen: Ein reibungslos aufeinander abgestimmter Organismus aus zigtausenden Einzelwesen, der in enger Symbiose mit den Blütenpflanzen lebt. Angelockt vom süßen Nektar der Blüten sorgen Bienen im Gegenzug für deren Bestäubung und Fortpflanzung – ein Geben und Nehmen, bei dem alle Beteiligten profitieren. Wenn Bienen küssen, dienen sie dem Gemeinwohl: innerhalb des Volkes und draußen in der Natur.

Und Bienen vermögen noch mehr: Sie haben das Zeug, uns zu beflügeln und anzustacheln, uns Herz und Augen zu öffnen, damit wir unser Handeln kritisch hinterfragen – und zwar in vielerlei Hinsicht. So beschreitet „Inspiration Biene“ nicht nur unerwartetes Terrain, sondern stellt auch die ganz großen Fragen, die unsere Zukunft und unser aller (Zusammen)Leben betreffen. Es geht um Gesellschaft, Politik, Bildung, Ökonomie, Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion, um neue Horizonte und Lebensperspektiven, um Wertschätzung, Bruttonationalglück und fehlende Resonanzräume. Nicht nur Imker, Landwirte und Bienenwissenschaftler werden zitiert, auch Unternehmensberater, Pädagogen, Soziologen, Systemtheoretiker, Pfarrer und Philosophen kommen zu Wort.

Es ist genug für alle da!

Wir können es wagen, uns ebenso als Teil des Ganzen zu begreifen und mit der Natur (nicht gegen sie) zu arbeiten, indem wir die natürlichen Kreisläufe unterstützen, anfachen, beflügeln, küssen … wie auch immer man es nennen mag. So wie es biologisch-dynamische Landwirte praktizieren: Sie führen ihren Hof wie einen zusammenhängenden Organismus aus fruchtbarem Boden (voll lebendiger Mikroorganismen), Pflanzen und Tieren. Sich selbst verstehen sie als Prozessbegleiter für die vielfältigen natürlichen Abläufe. Agrikultur statt Agrarindustrie, die sich komplett ohne Kunstdünger und synthetische Pestizide realisieren lässt. Wir müssen nur wieder lernen, angstfrei darauf zu vertrauen, dass eine funktionierende und nachhaltig behandelte Natur uns alles in Hülle und Fülle zur Verfügung stellt.

Wer sich wirklich auf die Bienen einlässt und sich von ihnen küssen lässt, liebt nicht nur sein Volk und die emsig eingetragenen Honigvorräte, sondern begreift ein Stück weit das Wesen der Natur. Was im Sachbuch mit einem Kuss am Flugloch beginnt, wird mit viel Wissen, Fragestellungen und Visionen gefüttert, verpuppt und verwandelt sich und wächst zu einer Liebeserklärung an das Leben heran. Und wer das Leben küsst, anstatt es auszubeuten, beweist genau das mutige Vertrauen, auf dem jeder Aufbruch ins Ungewisse und jedes natürliche Miteinander basieren.

Angelika Sust

Über die Autorin:

Angelika Sust gründete 2005 in Berlin das Textlabor Sust – Raum für Kinder- und Jugendmedien, Bienenprojekte und Naturpädagogik. Als freie Autorin und Lektorin schreibt und konzeptioniert sie Bienenbücher sowie Kinder- und Jugendbücher für verschiedene Verlage.

AngelikaSust
Angelika Sust

DAS PROJEKT „BIENE UND BILDUNG“

Das Sachbuch „Inspiration Biene“ bildet das Herzstück des Gemeinschaftsprojektes „Bienen und Bildung“ der Software AG – Stiftung, der Aurelia Stiftung und Klett MINT.

Es wird flankiert durch anregende Unterrichtsentwürfe für den natur- und geisteswissenschaftlichen Schulunterricht, die von Autorinnen und Autoren aus der gesamten Bundesrepublik entwickelt wurden. Auf anregende Weise werden so die vielfältigen Bezüge zwischen Bienen und Bildung erkundet. Alle Akteure des Projekts gestatten es sich, Grenzen auszuloten, sie zu überschreiten, zu durchbrechen, und große und kleine Fragen zu stellen – und sich dabei nicht vom festen Glauben abbringen zu lassen, dass die Beschäftigung mit der Biene lehrreich, anregend und heilsam zugleich sein kann.

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