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Wilde Vorfahren unserer Haustiere – seltene Haustierrassen

Regionale, an die lokalen Gegebenheiten angepasste Haustierrassen prägten bis vor zirka 100 Jahren die bäuerlichen Landschaften. Die zunehmende Industrialisierung der Landwirtschaft führte dazu, dass traditionelle Haustierrassen mehr und mehr von spezialisierten Rassen verdrängt wurden.

Eine der wichtigsten Elemente in der Kulturgeschichte der Menschheit war von jeher die Beziehung des Menschen zum Tier. Während der Jäger und Sammler nur das Wildtier kannte, entwickelte sich unter dem Einfluss der jungsteinzeitlichen Bauern etwas völlig Neues: das domestizierte Tier. Die jungzeitlichen Bauern übernahmen die Kontrolle über die Fortpflanzung der Tiere und veränderten sie so, dass sie ihnen mehr Nutzen brachten als deren wilde Vorfahren. So entwickelten sich Haus- und Nutztiere erstmals in der Jungsteinzeit. Seitdem haben sie sich Nutztiere durch den Menschen auf der ganzen Welt verbreitet.

Vielfalt entsteht

An unterschiedlichen Orten der Welt wurden die Nutztiere durch Zuchtauswahl an die spezifischen Umweltbedingungen angepasst – so entstand eine große Vielfalt. Erst im 18. Jahrhundert entstand der Begriff „Rasse“, doch schon vorher existierten die lokalen Anpassungen an Klima, Bodenbeschaffenheit und Nutzungsart. So ist zum Beispiel das Turopolje-Schwein aus den kroatischen Save-Auen ideal an Sümpfe und Flußauen angepasst. Die Turopolje sind ausgezeichnete Schwimmer und tauchen nicht selten nach Wasserpflanzen oder Muscheln. Zudem haben sie eine bis zu 15 Zentimeter dicke Speckschicht und dichte Borsten, die sie vor Kälte und Hitze schützen.

Die Landwirtschaft wandelt sich

Nutztierrassen waren bis vor zirka 100 Jahren in der Regel Mehrnutzungstiere, d. h. sie waren multifunktional und wurden als Arbeits-, Fleisch- und Milchtiere sowie wegen ihres Dungs gehalten. Der technische Fortschritt veränderte immer mehr die traditionelle Verwendung von Nutztieren. Die zunehmende Nachfrage nach tierischen Erzeugnissen wie Fleisch, Eier, Milch sorgte für einen Wandel in der Zucht: Es entstanden spezialisierte Rassen, wie Milchrinder, Fleischschafe sowie Legehühner.

Die bis dahin weit verbreiteten lokalen Rassen wurden zunehmend verdrängt und überlebten nur dort, wo wirtschaftliche, kulturelle oder ökologische Bedingungen eine intensivere Nutzung nicht zuließen. Weltweit gelten etwa 20 Prozent aller Nutztierrassen oder Tierbestände als „gefährdet“ und neun Prozent sind bereits ausgestorben (FAO, 2007).

Bei diesen lokalen Rassen handelt es sich um einen wichtigen Teil der Biodiversität. Die regionalen Rassen sind anpassungsfähig unter extremen geographischen, klimatischen Verhältnissen sowie unter extensiven Haltungsbedingungen. Im Vergleich zu den modernen, sehr leistungsfähigen Rassen, bringen sie jedoch weniger Ertrag. Sie geben weniger Milch, wachsen langsamer und legen weniger Eier. Und dennoch sind sie für die Zukunft sehr wichtig. Die leistungsfähigen Rassen benötigen eine hoch-technisierte, intensive Landwirtschaft mit Stallsystemen, einem hohen Anteil an Kraftfutter und einem hohen Managementaufwand. Diese intensive Form der Landwirtschaft birgt auch Probleme, z. B. die sehr nitratbelastete Gülle durch die hohen Kraftfuttermengen. Die regionalen Rassen können hingegen extensiv gehalten werden, mit lokalem Futter und überwiegend draußen.

Erlebnis alte Haustierrassen – was lässt sich beobachten?

In der Arche Warder in der Nähe von Kiel leben Wildschweine und Hausschweine, wilde Hühner (Bankiva-Hühner) und Haushühner sowie andere Stammformen und Haustiere. Dies ermöglicht, dass Wildtiere (als Ergebnis der Evolution) und Haustiere (als Ergebnis der Tierzucht), sowie deren Verhalten beobachtet und hier hautnah erlebt werden können.

Bei genauem Beobachten können die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Aussehen und Verhalten der zusammengehörigen Wild- und Haustiere entdeckt werden. So sehen zum Beispiel die Gehege von Wild- und Hausschweinen gleichermaßen durchwühlt aus, weil die Tiere ihre mit perfektem Geruchs- und Tastsinn ausgestatteten Rüsselnasen zur Futtersuche einsetzen. Aber warum sind die Nasen der Wildschweine länger und spitzer als die der Hausschweine? Beim Beobachten, wie die Rüsselnasen in der Erde zum Einsatz kommt, wird klar, dass Wildschweine mit einem kräftigen, langen Rüssel, ihr Futter besser finden und dadurch bessere Chancen haben zu überleben als andere. Ganz einfach kann so auch für jüngere Schülerinnen und Schüler das Prinzip der natürlichen Selektion herausgearbeitet werden.

Und wie entsteht ein Haustier? Schon seit der Jungsteinzeit entscheidet der Mensch, welche Haustiere ihre Merkmale an ihre Nachkommen weitergeben sollen. Die lange Nase, um den Boden möglichst tief durch­wüh­len zu können, ist für die Hausschweine nicht mehr wichtig. Die meisten Hausschweine haben daher kürzere Nasen.
Dennoch haben sie das Verhalten der Futtersuche von ihren wilden Vorfahren geerbt – ein wichtiger Aspekt für eine artgerechte Tierhaltung. Auch andere Merkmale wurden durch die Zucht verändert: Das Zuchtziel einer guten Fleischproduktion ist an der runderen Körperform gut zu erkennen, auch die Borsten sind bei den Hausschweinen anders als bei den Wildschweinen. Diese Gemeinsamkeiten und Fragen lassen sich auch bei den anderen Nutztierarten herausarbeiten.

Altersspezifische Angebote

Kinder sind neugierig und begeistert und können sich viele Themen durch ihre Beobachtung selbst erarbeiten. Dass sowohl bei der Entstehung von Arten während der Evolution als auch bei den Veränderungen der Merkmale der Haustierrassen eine zufällige Veränderung des Erbgutes, also Mutationen und Rekombination der Gene, Voraussetzung ist, können in der Tiefe erst Oberstufenschülerinnen und -schüler nachvollziehen, ebenso den Einfluss der Populationsgröße auf diese Veränderungen. Didaktisch reduziert lässt sich diese Tatsache aber auch schon jüngeren Schülerinnen und Schülern sehr gut vermitteln. Je nach Klassenstufe steht bei den Jüngeren stärker die hautnahe Begegnung mit den Tieren, die Begeisterung für diese Mitgeschöpfe und deren Beobachtung mit „AHA-Effekten“ im Vordergrund und bei den Älteren vor allem die Anwendung und Vertiefung des Wissens mit Hilfe dieser Beobachtungen.

Stefanie Klingel, Ina Ziegler

Arbeitsblatt zum Download

In der Arche Warder steht die unmittelbare Begegnung mit Tieren im Fokus der pädagogischen Arbeit. Durch das Beobachten, Füttern und manchmal auch Anfassen der Tiere entstehen zahlreiche Lernsituationen, die der Auftakt zu komplexen Themen sein können. Das Thema „Wilde Vor­fahren unserer Haustiere“ eignet sich z. B. in der Sekundarstufe 1 für Inhalte wie „Haus- und Wildtiere“.

Besonders viel Spaß macht das Erarbeiten anhand des gleichnamigen Arbeitsblattes: 

Die Thematik lässt sich für Schülerinnen und Schüler der Oberstufe durch Inhalte wie Evolution, Genetik und Verhalten erweitern.
www.arche-warder.de

 

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